Gott füllt die Netze, nicht wir - Predigt über Johannes 21, 1-14
Quasimodogeniti - 1.05.2011, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Diese hintergründige Ostergeschichte liebe ich von allen Erscheinungsberichten am meisten, mit dem über dem See liegenden und sich allmählich auflösenden Nebelschleier. Sie hat auch in einem tieferen Sinn etwas von einer Morgendämmerung an sich. Es geht in ihr sicher nicht um irgendwelche alltäglichen Fischzüge und Mahlzeiten. Es ist ja charakteristisch für den besonderen Stil des Johannesevangliums, das sich in vieler Hinsicht stark von den drei anderen Evangelien unterscheidet, daß in ihm immer wieder äußere Vorkommnisse die Bedeutung geheimnisvoller Bilder haben, mit denen eine tiefere Wahrheit zum Leuchten gebracht werden soll. Fischzug und gemeinsames Essen stehen für etwas anderes. Sie stehen auf geheimnisvolle Weise für das, was Jesu Auferstehung für seine Gemeinde bedeutet und auslöst. Aber der Reihe nach!

I.

Betrachten wir uns zunächst den ersten Fischzug, mit dem unsere Erzählung beginnt. Einer von diesen Männern hatte es nicht mehr ausgehalten in der inneren Leere, die sich in ihnen breitgemacht hatte, seit an Karfreitag das Kreuz alle ihre Erwartungen durchkreuzt hatte. Wie ein Grauschleier hatte sich die Trostlosigkeit über die Jünger gelegt. Tief angeschlagen, hatten sie sich vom heißen Pflaster Jerusalem abgesetzt und waren dahin zurückgegangen, wo alles angefangen hatte, von wo sie damals, nachdem sie Jesus kennengelernt hatten, aufgebrochen waren, um ihr Leben ganz auf ihn zu setzen. Dort, in Galiläa, in den heimatlichen Fischerdörfern am Ufer des Sees Genezareth, klammern sie sich jetzt in ihrer Depression aneinander. Ich denke, manchmal finden wir uns in dieser Gestimmtheit der Jünger ganz gut wieder. Es gibt ja dieses Regressive in uns, die Neigung, in Zeiten tiefer Krisen, wo der Boden unter den Füßen weggebrochen scheint, sich in den privaten Kokon einzuspinnen und die Geborgenheit zu suchen, die man sich von den Menschen und Orten der Kindheit erhoffen, als die Welt noch heil und das Leben leicht war. Insofern ist das Verhalten der Jünger ganz menschlich.

Genauso menschlich, verzweifelt menschlich ist auch, daß sie irgendwann nicht länger nur apathisch und gelähmt herumsitzen, sondern aktiv werden. Und wie so oft ist es auch hier wieder Petrus, der schillernde, charismatische Obergefolgsmann Jesu, der kleine Gernegroß, der so oft schneller geredet als gedacht hat, der das lähmende Nichtstun durchbricht und initiativ wird: "Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen!" Und wenn sich einer mal aufrafft, gibt es meistens ein paar andere, die mitziehen. "Die anderen sagten zu ihm: Wir wollen mit dir gehen!" Froh, nicht mehr länger rumdösen zu müssen. Wahrscheinlich so nach dem Motto: Dein Vorschlag macht zwar auch nichts besser, aber es ist noch das gescheiteste, irgendwas zu tun. Das lenkt immerhin ab.

Und warum geht diese gemeinsame Aktion derart daneben? Warum fingen sie in dieser Nacht nichts? Ich denke, für den Evangelisten Johannes ist dieser erste, erfolglose Fischzug ein Gleichnis für so manche "Fischzüge", Unternehmen und Aktivitäten, die wir vom Zaun brechen. Sei es in einer persönlichen Krise, um unseren Schmerz zu betäuben, sei es als Mitarbeiter in der Kirche, wenn wir, frustriert über die scheinbare Vergeblichkeit unseres Engagements, uns mitten in der Resignation zu irgendeiner Aktion krampfhaft aufraffen. Nach dem Motto: Eine wirklich überzeugende Idee haben wir zwar nicht - aber Hauptsache, es läuft irgendwas! Ich glaube, Johannes schildert den trostlosen Verlauf dieses ersten Fischzugs deshalb so drastisch, weil er uns deutlich machen will: Die Aktion der Jünger war eine Aktion ohne Jesus, eine Aktion, bei der sie vergessen haben, was ihr Herr ihnen einmal gesagt hatte: "Ohne mich könnt ihr nichts tun" (Joh 15,5). Der Evangelist will einer christlichen Gemeinde, die zu seiner Zeit - schon 60 Jahre nach Jesu Tod - in Bewegung gekommen ist, sagen: Man kann sich in der Kirche nach Ostern, trotz Ostern so verhalten, als ob sich gar nichts geändert hätte. Man kann - wie hier Petrus und seine Genossen - trotz der geschehenen Auferstehung, trotz bereits gemachter Erfahrungen mit dem Auferstandenen so leben, als wäre noch alles beim Alten, als sei gar nichts passiert, als wäre nur man auf die eigenen Einfälle und Aktionen angewiesen. Und das kann nicht nur so sein, sondern das ist oft so, es ist eine gefährliche Versuchung der Kirche: eigenmächtig ans Werk zu gehen, selber etwas auf die Beine zu stellen, weil wir meinen, nur durch Aktionen, die Aufsehen erregen und es in die Medien schaffen, die sog. "Fernstehenden" überhaupt noch erreichen zu können.

Ein Beispiel: Ein Freund aus Berlin schickte mir diese Woche einen Zeitungsbericht über einen sog. "Lachgottesdienst" in einer Berliner Kirche jetzt am Ostersonntag. Der Gemeindepastor meinte den frühchristlichen Brauch des "Osterlachens" derart wiederbeleben zu sollen, daß er anstelle einer Osterpredigt einen bekannten "Comedian" eingeladen hatte, der 20 Minuten lang Kalauer zum Besten gab. Die Gemeinde, so vermeldete der Bericht, habe tatsächlich ständig schallend gelacht, und die Kirche sei so voll wie sonst nur an Weihnachten gewesen. - Nun ja. Ob einer dieser "Lachchristen" aufgrund dieses Erlebnisses hinfort an einem "normalen" Sonntag zur Kirche geht? Kaum. Gut gemeint ist eben nicht immer gut.

Die Jünger, und damit auch wir, sollen jedenfalls lernen: Die Kirche erreicht nichts, es bleibt ohne wirklichen Ertrag, wenn sie etwas aus Resignation oder aus Ungeduld unternimmt. Auch wenn der Initiator des Unternehmens eine so große Reich-Gottes-Figur wie Petrus ist. Das Resultat ist ja erbärmlich: "In derselben Nacht fingen sie nichts". Immerhin, es ist wenigstens gut, daß die sieben Jünger nach ihrer Aktion auf die Frage ihres noch unerkannten Herrn nach dem Ertrag zugeben können, daß er gleich Null ist. Daß sie also nicht die bloße Tatsache, daß sie etwas unternommen haben, schon als Erfolg verbuchen. Auch das finde ich lehrreich für unser Kirchesein: Wir müßten selbstkritischer und noch viel genauer hinschauen, welche von unseren Aktivitäten wirklich (noch) dazu nützlich sind, daß das Evangelium ins Laufen kommt und Menschen anrührt - oder ob wir uns nur deshalb nicht trauen, sie zu beenden, weil es sie eben "immer schon gab". Alte Zöpfe ehrlich als solche zu benennen und sie dann auch ohne Wehleidigkeit abzuschneiden, da tun wir uns in der Kirche wahnsinnig schwer mit.

II.

Johannes erzählt, der Auferstandene habe unerkannt, wie irgendein Mensch aus den umliegenden Fischerdörfern am Ufer gestanden, als die Aktionsgruppe zurückkehrte. Und dann habe er sie gefragt: "Kinder, habt ihr nichts zu essen?" Er redet also nicht weich drumherum, wie das so oft unser kirchlicher Jargon ist, sondern fragt taff auf den Punkt, wie ein Controller, der die Bilanzen genau unter die Lupe nimmt. Da sind keine Ausflüchte möglich, à la: Gefangen haben wir zwar nichts, aber es war gut was los auf dem See, wir hatten gute Gespräche miteinander und haben uns besser kennengelernt, jetzt fühlen wir uns besser. Anders gesagt: Wenn unser Herr uns nach unserem Kirchesein fragt, dann können wir nicht antworten: unsere Botschaft, unsere Gottesdienste sprechen die Leute zwar nicht mehr an, aber wir kriegen immer noch viele Spenden, wir werden nach wie vor wichtigen Anlässen eingeladen und in den Medien werden zu den großen Festen die Worte unserer Kirchenführer zitiert. Ich kenne die Versuchung gut, das so zu sehen. Aber unser Text sagt uns, daß wir auf dem Holzweg sind, wenn wir unsere eigenen allzumenschlichen Rechnungen aufmachen, weil wir unsere Netze selbst auswerfen, ohne vorher auf die Stimme Jesu gehört zu haben, ob das überhaupt richtig und sinnvoll so ist.

Und Jesus schweigt ja auch nicht. "Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden". Jetzt setzt nicht mehr der Klassensprecher Petrus, jetzt setzt der Herr sie in Aktion mit seinem Gebot und seiner Verheißung. Sie sollen auf der rechten Seite des Bootes ihre Netze auswerfen - es ist also nicht einfach ins Belieben der Jünger gestellt, an welcher Stelle, auf welchem Arbeitsgebiet sie aktiv werden sollen. Und nun finde ich bemerkenswert, daß Petrus und die anderen nicht mißtrauisch zurückfragen, was dieser seltsame Ratschlag denn soll, und ob das denn wirklich jetzt sofort sein muß. Sondern ruckzuck steigen sie wieder ins Boot und stechen zurück auf See.

Liebe Gemeinde, darauf also wird es ankommen, wenn wir in der Gemeinde oder in der Gesamtkirche unsere missionarische Arbeit planen: daß wir uns von Jesus Christus, von der Bibel den Ort zeigen lassen, wo wir tätig werden, und die Menschen, die wir mit Jesus ins Gespräch bringen sollen. Und daß wir aufhören zu denken, pure Geschäftigkeit sei schon etwas. Wir neigen ja dazu, Gemeinden, in deren Gemeindebrief die Seite mit den Kreisen und Gruppen schier überquillt, bewundernd zu attestieren: Das sind lebendige Gemeinden, da läuft was! Nein, ob "was läuft", sagt über die Lebendigkeit einer Gemeinde zunächst einmal noch nichts aus.

Wo die Jüngergemeinde dagegen auf die Weisung ihres Herrn hört, wo sie seiner Verheißung etwas zutraut, auch wenn der Augen-Blick zunächst nichts sieht, was ein solches Vertrauen rechtfertigt - da bleiben die Netze dann auch nicht leer, da gibt es Ertrag. Ganz anders vielleicht als erwartet und erhofft, aber es gibt ihn. Das ist der tiefere, eigentliche Sinn des Bildes, das der Evangelist mit dieser Fischzuggeschichte gezeichnet hat.

Das Ergebnis des Fangs zeigt der Gemeinde für alle Zeiten, was der Herr von ihr will: Es sollen Menschen für Gottes Sache gewonnen, es soll dem Herrn ein Volk zusammengebracht werden. Wohlgemerkt: dem Herrn! Nicht ihre Netze zieht die Kirche ein - das unterscheidet sie von vielen Menschenfängern, die heute im Meer dieser Welt herumfischen. Sie wollen Menschen für sich, für ihre politischen, wirtschaftlichen, persönlichen Zwecke. Deshalb haben viele Leute einen solchen Horror davor, vereinnahmt zu werden. Mit Recht! Die Gemeinde Jesu, wenn sie das oft mißbrauchte Wort Mission richtig verstanden hat, will die Menschen nicht für sich gewinnen, um dann mit eindrucksvollen Zahlen sich auf die Brust zu klopfen - wie das bei manchen Missionsveranstaltungen im evangelikalen Bereich geschieht -, sondern sie will Menschen mit dem zusammenbringen, den sie als den Retter der Welt bezeugt. Sicher, auswerfen sollen wir die Netze schon - wozu sonst gäbe es die Kirche? -, aber Er ist es, der die Fische da hineintreibt. Und weil er es ist, brauchen wir keine dränglerischen Methoden anzuwenden. Wir haben es ihm zu überlassen, daß er Menschen fischt.

III.

Und Jesus läßt die Jünger auch das Ergebnis ihres zweiten Fischzuges sehen: 153 große Fische! 153 verschiedene Fischarten haben die alten Zoologen gekannt. Die Zahl soll sagen: Alles, was es an Menschen gibt, soll zusammengebracht werden im Volk Gottes. Es gibt niemand, der durch Herkunft, Rasse, Vorleben, seine Art etc. ausgeschlossen ist, ein Kind Gottes zu werden. Das Ergebnis des Netzwurfs der Jünger Jesu soll die Kirche aus allen Völkern sein. Auf die ganze Welt hat es Gott abgesehen, weil er sie liebt, weil er sie in Jesus Christus mit sich versöhnt hat. Und dieser Fang wird zusammengehalten durch ein Netz, das so weit ist, daß eine solche Vielzahl in ihm Raum hat, und doch zugleich so fest, daß es durch eine solche Menge nicht zerrissen wird. Gottes Netz, die Kirche soll fest sein und zugleich elastisch, ohne zu enge Maschen. Die Kirche, liebe Freunde, muß weit sein, daß nicht nur Menschen aus allen Völkern, allen Erdteilen in ihr Platz finden, sondern auch Menschen der verschiedensten Prägungen und Lebensformen. Also keine Kirche der nur "Frommen" oder der nur "Sozialen" - sondern eine Gemeinde, in der es selbstverständlich ist, daß der, dem die Frömmigkeit, die persönliche Christusbeziehung am Herzen liegt, nicht nur den als gleichberechtigt akzeptiert, den die Ungerechtigkeit in der Welt in Unruhe hält, sondern daß ein "Frommer" gerade aus seinem Frommsein heraus auch ein "Sozialer" wird, und umgekehrt.

Es gehört also beides untrennbar zusammen in der Gemeinde Jesu: Weite und Festigkeit. Nie darf eines zu Lasten des anderen überbetont werden. Wo die Weite allein zum Programm gemacht wird, da werden wir zum Tummelplatz, mit unübersehbar vielen Angeboten, die alle irgendwie gleich gültig und wichtig sind. Wo aber alles gleich gültig ist, wird bekanntlich vieles gleichgültig. Und wo die Festigkeit allein beschworen wird, wie in manchen Gemeinschaften und Freikirchen, da wird daraus sehr schnell der abgeschlossene Kreis, die Gesinnungskirche, das elitäre Grüppchen der Erwählten. Auf beiden Seiten wird dann vergessen, daß es allein Christus ist, der das Resultat unserer Fischzüge bewirkt.

In diesen Minuten wird auf dem Petrusplatz in Rom gerade ein imponierender Menschenfischer "zur Ehre der Altäre" erhoben, wie die Katholiken das nennen. Über Johannes Paul II., eine Person von überragender, manchmal auch erdrückender Größe, läßt sich unendlich viel sagen, auch Kontroverses natürlich. Eines aber dürfte unstrittig sein. Als Zeuge Jesu Christi hat Johannes Paul II. diese beiden grundlegenden Dimensionen, Weite und Festigkeit, auf eine höchst beeindruckende Weise verkörpert. In seiner ganzen Existenz. Sicher, seine Festigkeit hatte nicht zuletzt für uns Protestanten manchmal auch schmerzliche Seiten. Aber das nimmt ihm nichts von seiner Authentizität. Aber seine Weite, in der er bis zur Selbstausbeutung deutlich gemacht und gelebt hat, das Christsein, Kirche keine regionale Winkelangelegenheit, sondern eine die ganze Welt umspannende Sache ist, und somit rastlos jeden Winkel dieser Erde aufgesucht hat, um den Menschen dort zu sagen, daß sie Gottes Kinder sind und auch zum Inhalt des Netzes gehören - das war einfach beeindruckend, dem kann auch der treueste Protestant den Respekt nicht versagen.

IV.

Und ein letztes. Die Jesus in die Welt sendet, die lädt er zur Stärkung für ihre Sendung an seinen Tisch: "Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlefeuer und Fische darauf und Brot... Da sagte Jesus zu ihnen: Kommt, haltet das Mahl! Und er nahm das Brot und gab's ihnen, ebenso auch die Fische". Merkwürdig: Da haben die Jünger jede Menge prächtiger Fische gefangen. Aber ehe sie die an Land bringen, liegen schon andere Fische auf dem Feuer. Mit denen bewirtet sie Jesus. Das soll doch wohl heißen: Die Jünger Jesus - wir alle also - brauchen nicht aus dem Eigenen zu leben! Gott hat längst vor allem Ertrag unserer Aktivitäten das bereit, was wir nötig haben. Wir können einfach kommen und aus seiner Hand zugreifen. Es ist alles für uns bereit. Wen Gott zu seinem Mahl, in seine Gemeinschaft einlädt, dem gibt er Gewißheit seiner Nähe und Gegenwart. "Niemand unter den Jüngern wagte zu fragen: Wer bist du? Denn sie wußten, daß es der Herr war".

Im Gottesdienst, und erst recht an Jesu Tisch, da hören nämlich die Probleme auf. Seine Gegenwart ist nicht mehr zu problematisieren. "Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr!" Wer da dazu kommt, dem kann es keiner mehr ausreden, daß es wirklich der Herr ist, der Herr, der ihn liebt. Auch wenn es um seinen Glauben so trübe stehen mag wie damals bei diesen sieben Jüngern.

Amen.

Lieder: 112,1+3+6 / 116,1+5 / 108,1-3 / 494,1+2+4 / 117,1-3