Predigt zur Konfirmation an Jubilate 2011
15.Mai 2011, Christuskirche Freiburg

Lukas 11, 2-4
Dein Reich komme


Liebe Eltern, liebe Paten, ganz besonders Ihr, liebe Konfirmanden und Konfirmanden,

ja, lieb seid Ihr uns geworden in bald einem Jahr. Gern hätten wir, das Konfi-Team, noch ein wenig mehr Zeit miteinander verbracht. Denn gerade jetzt haben wir genug Vertrauen zueinander gefasst, um uns nicht nur gegenseitig unsere Schokoladenseiten zu zeigen, dass es richtig spannend wird, da macht ihr euch auf neue Wege auf. Während wir Euch vermissen, werden einige unter Euch es genießen, am Samstag ins SC Stadion zu pilgern anstatt zum nächsten Konfi-Tag. Hand auf's Herz, es war sicher ein Opfer, die Saisonkarte gegen das Gesangbuch zu tauschen. Aber das Alte ist vergangen, mit diesem Tag tretet Ihr ein in einen neuen Geltungsbereich. Dazu seid ihr, das ist unsere Hoffnung, ausgerüstet mit den Grundlagen des christlichen Glaubens.

Beten

Dazu gehört ohne Zweifel Beten mit all seinen Facetten:

hören - sprechen - verstummen - loben - nachdenken - singen - tief durchatmen - danken - schweigen - schreien - seufzen - jauchzen - stammeln - bitten

Das alles steckt im Beten, der Aktivität, in der wir Gottes Nähe suchen. Manchen ist diese Liste vielleicht zu weit gefasst.

Andere fragen skeptisch, was Beten bitteschön bringen soll? Sicher hätte Ronaldo und so mancher andere Fußballspieler, der es ihm gleich machte, auch ohne zu beten den Ball ins Tor gelenkt. Wer so zweckgerichtet fragt, hat das Wesentliche noch nicht erfasst. "Das Gebet ändert nicht Gott, sondern den Betenden", erinnert uns der dänische Philosoph und Theologe Soren Kierkegaard. Genau darauf zielt das folgende Gebet zur Fußballweltmeisterschaft ab, nicht auf das erwünschte Ziel, sondern auf Veränderung in dem, der betet. Es trägt die Überschrift "Ein Gebet für alle, die nicht im geringsten an Fußball interessiert sind": Herr, während alle um uns herum im Griff des Fußballfiebers der Weltmeisterschaft sind, segne uns mit Verständnis, stärke uns mit Geduld und schenke uns Begeisterung und Mitgefühl, wo erforderlich.

Jesus selbst nahm sich im Lauf des Tages, gut ausgelastet wie dieser war, Zeit zum Beten. Meistens zog er sich dazu zurück. Die Jünger waren neugierig geworden. Damals war Beten noch üblich. Die Menschen versprachen sich eine Wirkung davon. Ein Jünger ahmt den Meister nach, er will so nahe an sein Vorbild kommen, wie es eben geht. So berichtet Lukas:

Lukas 11,2-4

Und es begab sich, dass er [Jesus] an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht:

Vater!

Dein Name werde geheiligt.

Dein Reich komme.

Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag

Und vergib uns unsere Sünden;

Denn auch wir vergeben allen,

die an uns schuldig werden.

Und führe uns nicht in Versuchung.

Liebe Gemeinde,

Unter den christlichen Texten gibt es keinen, der so stark auf die Frömmigkeit, die Liturgie und die Lehre gewirkt hat wie das Vaterunser. Selbst wer im Beten nicht mehr geübt ist, kann doch dieses eine Gebet auswendig oder wie die Franzosen sagen, par coeur, mit dem Herzen mit der Gemeinde sprechen. Zur Taufe, zur Hochzeit, am Grab. Jedes Mal, wenn wir es beten, können wir neue Nuancen darin entdecken wie in einem feingeschliffenen Diamanten, der je nach dem Licht, das auf ihn fällt, anders funkelt.

Da es Jesu Art war, sich zum Gebet in die Einsamkeit zurückzuziehen, ist es nicht verwunderlich, dass uns nur wenige Gebete des Rabbi im Wortlaut überliefert sind. In dieser alten, wenn auch kurzen Version des Vaterunser aber hören wir zweifellos Jesu Stimme selbst. Mit diesen Bitten wandte er sich Gott zu.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

Im Licht eurer Konfirmation möchte ich eine Bitte daraus hervorheben. Sie bringt auf den Punkt, was ihr ohne viele Worte zum Ausdruck bringt, wenn ihr euch nachher vor den Stufen niederkniet, um den Segen zu empfangen. Denn damit sagt ihr zu Gott:

Dein Reich komme

Wenn wir auf Deutsch diese Worte beten, kommen wir kaum umhin, an das Reich zu denken, dass am 8.Mai 1945 unterging. Es war das Dritte Reich, das Reich des Schreckens, in dem Menschen verbogen wurden, der Freiheit und der Würde beraubt, Täter ebenso wie Opfer. Ob John Demjanjuk in den letzten Tagen im Rollstuhl gebetet hat, einer der über die Grausamkeiten wachte, die im Namen jenes Reiches begangen wurden?

Doch auch seit 1945 hat sich ein Schreckensreich nach dem anderen abgelöst. Unglaublich, wie viele Gräuel dem Holocaust folgen sollten. Nicht einmal zwei Jahrzehnte trennen uns vom Völkermord in Ruanda. Täglich werden wir Zeugen über Zeitung und Bildschirm, wie hartnäckig weltliche Herren ihre Unrechtsregime verteidigen. Dabei sind wir in Deutschland nicht nur Zuschauer. Stockholmer Friedensforscher bestätigen Zahlen, nach denen sich die Waffenexporte unseres Landes in den vergangenen Jahren beinahe verdoppelt haben. Angesichts dieser Tatsache hört sich die Bitte fast ironisch an: Dein Reich komme. Das Gegenteil scheint der Fall. Wir rüsten auf, damit die Mächtigen der Welt sich behaupten. Wie kann Gott sich da durchsetzen? Wissen wir denn nicht, was wir wollen?

Hoffnung

Als wir Euch zum Abschluss des Konfirmandenunterrichts befragten, wie ihr Gott seht und versteht, legten wir euch vier Bilder vor. Gott wie Vater und Mutter, Gott als Quelle des Lichts, Gott als guter Hirte, diese drei habt ihr schnell links liegen gelassen. Ohne lange zu zögern habt ihr euch neben das letzte gestellt. Dort stand: Die Hoffnung.

Ein Gott, der Hoffnung ist, setzt den brutalen Machtverhältnissen, die wir durch Untätigkeit oder Unwissenheit fördern, eine andere Dimension entgegen: Sein Reich ist im Kommen. In Zeit und in Raum.

Wie kann das aussehen? Die Vorstellungen, die ihr vom Reich Gottes habt, sind in euren Vaterunser-Bildern im Altarraum festgehalten. Sie sprechen zu uns wie ein Kommentar, der uns diese Bitte verdeutlicht. Drei davon stechen hervor. Da ist der

Regen vom Himmel

Aus einer blauen Wolke am Himmel regnet es herab. Unter der Wolke sitzt ein Bettler auf hartem, grauen Pflasterstein. Grau ist die Welt der Hartz IV Empfänger, grau ist die Welt der Obdachlosen. Daneben steht ein Mädchen. Auf beide regnet es. Der Bettler hält die Hände offen, dahinein fallen die goldenen Münzen, die das Mädchen ihm schenkt. Es ist als sei ihre Gabe wie eine Fortsetzung der Regentropfen. Was ich erhalte, macht mich dankbar. Lächelnd und froh gebe ich davon weiter.

Das zweite Bild erzählt eine andere Geschichte. Ich nenne es

Himmelblau mit Flugzeug

Das Blau des Himmels überwiegt, darin baden viele Herzen und ein Flugzeug.

Ganz unten ist ein brauner Streifen Erde sichtbar. Er ist schmal wie der Mond, der im Abnehmen ist. Dein Reich komme, wie im Himmel so auf Erden, bis der Himmel überwiegt. Das Blau erinnert mich an das Wasser der Taufe. Sie ist uns als Zeichen gegeben, dass jetzt schon das Reich Gottes beginnt, wo Menschen sich auf Gottes Souveränität verlassen. Er macht uns heil.

Auf dem letzten Bild sind wir fast schon am Ende angelangt.

Himmel und Erde berühren sich

Wenn das Blau des Himmels sich auch noch deutlich absetzt von der Braun-Orange der Erde, so haben beide doch schon dieselbe Struktur. Sie unterliegen derselben Gesetzmäßigkeit, die Farbstriche harmonieren in einer fließenden Bewegung. Das Bild löst ein Gefühl des Wohlseins und des Friedens aus. Alles ist darin enthalten, Einzelheiten spielen keine Rolle. Es strahlt eine Großherzigkeit aus. Ja, da wo Menschen großzügig handeln, wo sie nicht zu allererst auf Ihr Recht pochen, auf Ihren Vorteil achten, da bahnt sich das Reich Gottes an. Da werden wir frei zu handeln, ohne Angst, etwas zu verlieren.

"Dein Reich komme", das ist Gebet der Verwegenen. Denn wie der Schriftsteller Imre Kertesz, der als fünfzehnjähriger ein Jahr in Buchenwald gefangen war, feststellte: "Das wirklich Irrationale und tatsächlich Unerklärbare ist nicht das Böse, im Gegenteil: Es ist das Gute."

Damit das Gute uns, damit es euch gelingt, sind wir angewiesen, diese Bitte, dieses Dein Reich komme, immer wieder vor Gott zu legen. In den Worten, die die Bibel uns überliefert, oder in der Sprache unserer Zeit. So wie in dem Gebet, mit dem ich schließen will:

Vater unser verborgen

Vater unser verborgen,

dein Name sei sichtbar in uns,

dein Königreich komme auf Erden,

eine Welt nach deinem Willen

mit Bäumen bis in den Himmel,

wo Wasser, Schönheit und Brot,

Gerechtigkeit ist und Gnade.

Wo Frieden endgültig errungen,

wo Trost und Vergebung ist

und Menschen sprechen wie Menschen,

wo Kinder hellwach und jung sind,

Tiere nicht länger gepeinigt,

nie ein Mensch mehr gemartert,

nicht ein Mensch mehr geknechtet.

Lösch die Hölle in uns,

leg dein Wort uns ans Herz,

brich die eisernen Mächte,

brich das Böse entzwei.

Von dir ist die Zukunft,

komme, was kommt.

(Huub Oosterhuis)

Das werde wahr in eurem, das werde wahr in unserem Leben. Amen.

Lieder: 316,1-3,5 / Ps 23 / 666 / 182, 1-4 / 592, 1,2,4 / Wo Menschen sich vergessen / 188 / 181