Predigt am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr
6.November 2011

Lukas 11, 14-23, Das Wort, sie sollen lassen stahn


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus

Liebe Gemeinde,

Während draußen der Herbst in goldener Pracht und mit seiner Wärme uns lange glauben machte, er sei nur der Sommer, der in die Verlängerungszeit geht und nie so richtig aufhören will, so lässt das Evangelium selbst keinen Zweifel daran: Es geht ums Ende und das nicht nur, weil wir uns mit dem drittletzten Sonntag dem Ende des Kirchenjahrs mit all seinem Ernst nähern. Unser Predigttext beschäftigt sich mit einer Macht, die an ihr Ende geraten ist und der Frage, auf welche Macht wir im Glauben schauen.

Ich lese aus dem Lukasevangelium, Kapitel 11, Verse 14-23 in der Übersetzung der neuen Zürcher Bibel:

(11) 14 Und er (Jesus) war dabei, einen stummen Dämon auszutreiben. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, dass der Stumme zu reden begann, und die Leute wunderten sich. 15 Einige von ihnen aber sagten: Durch Beelzebul, den Fürsten der Dämonen, treibt er die Dämonen aus.16 Andere forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel, um ihn in Versuchung zu führen.

17 Er aber wusste, was in ihnen vorging, und sagte zu ihnen: Jedes Reich, das in sich gespalten ist, wird verwüstet, und ein Haus fällt über das andre.18 Wenn nun auch der Satan in sich gespalten ist, wie kann dann sein Reich Bestand haben? Ihr sagt ja, dass ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe.19 Wenn ich nun die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben dann eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. 20 Wenn ich jedoch durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gelangt. 21 Wenn ein Starker mit Waffen in der Hand seinen Hof bewacht, ist sein Besitz in Sicherheit. 22 Wenn aber ein Stärkerer ihn angreift und ihn besiegt, nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verlassen hat, und verteilt die Beute. 23 Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Liebe Gemeinde,

I Die Rede von den bösen Geistern wirkt auf uns fremd. Sie führt uns in eine andere Welt. Sie gehört der Vergangenheit an. Menschen damals, so kommt es uns vor, lebten unter einem anderen Glaubenshorizont. Für sie war die Welt tatsächlich in drei Ebenen unterteilt: in Unterwelt, Erde und Himmel. In die Welt der Menschen brachen übernatürliche Mächte ein.

Unsere Tagesthemen sind nicht mehr wie ihre von Wundern und dem Gedanken an eine bevorstehende kosmische Katastrophe bestimmt. Unsere TagesThemen werden von Tom Buhrow im Ersten Deutschen Fernsehen präsentiert. Anstatt über Eskapaden griechischer Gottheiten und deren Folgen für die Menschen zu berichten, erklärt er uns gekonnt die Zusammenhänge und Hintergründe des einen oder anderen menschengemachten Fiascos: von der Regierungskrise in Griechenland bis zum Weltraumexperiment, mit dem nach 500 Tagen der Höhenflug mancher Wissenschaftler mit dem Ergebnis endet: Erde statt Mars. Hier also spielt sich über kurz oder lang auch in Zukunft unsere Realität ab. Im Diesseits auf festem Grund.

Sicher, wir mögen wir uns schon dabei ertappt haben, mit Goethes Zauberlehrling erschöpft, überfordert und ratlos auszurufen: Die Geister, die ich rief, die werd ich nicht mehr los. Sobald die Verzweiflung aber nachlässt und der kühle Kopf das heiße Herz in die Schranken weist, findet sich eine Lösung zu dem Problem. In der Regel hat dies mit Logik zu tun, wenig aber mit Geisteraustreibung. Wir sind aufgeklärt. Exorzismus - auch das ist ein fremder Begriff, der sich für uns in der Regel mit Horrorfilmen von Roman Polanski verbindet, mit dem Hang zu schwarzer Magie, aber nicht mit dem christlichen Glauben und seiner Praxis.

Wir leben heute nicht mehr in der Welt des Neuen Testamentes. Rudolf Bultmann zog in seinem bahnbrechenden Aufsatz vor siebzig Jahren daraus die Konsequenz: »Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen und gleichzeitig an die Geisterwelt des Neuen Testaments glauben.« Doch damit legt er noch lange nicht das Evangelium beiseite als habe es uns heute nichts mehr zu sagen. Die Frage, die er sich und die sich uns stellt, lautet: Was soll die Rede von den bösen Geistern? Was steht hinter dieser Rede?

II Angesichts des Gesagten verwundert umso mehr die Tatsache: Geister haben wieder Hochkonjunktur. Die Faszination des Gruseligen bleibt trotz Renaissance und Aufklärung erhalten. Jugendliche ziehen über den Friedhof, springen auch einmal in ein Grab hinein, das frisch ausgehoben wurde. So erzählte vor wenigen Jahren einer der Mannheimer Friedhofsangestellten.

Alle Jahre wieder sieht sich die evangelische Kirche in Deutschland mit dem kuriosen Phänomen konfrontiert, dass die Begeisterung über das Reformationsfest von Halloween und seinem Geisterspuk in den Schatten gestellt wird.

Alles Köpfe Schütteln hilft nichts, auch in unserem Land ziehen immer mehr Kinder und Jugendliche nachts durch die Straßen, klopfen an die Türen und rufen Süßes oder Saures. Den Ursprung des Fests aus der keltischen Lore kennen dabei nur die wenigsten. Sie erzählt von Jack o Lantern, einem Trunk- und Lügenbold. Als der Teufel ihn holen wollte, feilschte er so lange erfolgreich bis er nicht einmal mehr in der Hölle willkommen war. Jetzt ist seine Seele dazu verdammt, ohne Ruhe umherzuziehen. Am Vorabend von Halloween ist sie zu sehen, wie sie im Dunkeln mit einer glühenden Kohle als Laterne von einem Ort zum anderen tappt. Heimatlos bis zum Tag des Jüngsten Gerichts.

Die Antwort der evangelischen Kirche auf diesen erklärten Humbug liegt - und vielleicht ist dies für Jugendliche ähnlich gruselig - in einem Luther Revival oder auf Deutsch, in der Wiederbelebung des Junker Jörg. Mit Church Nights, Kirchennächten, überall im Land, sollen die Erkenntnisse der Reformation in den Vordergrund gestellt werden und dem Spuk ein Ende machen. Hell. Wach. Evangelisch - heißt die Unterschrift des Kirchenfests.

Das Partymotto in diesem Jahr lautet: "Ich bin so frei." Sie hören die Anspielung auf das Schlüsselerkenntnis des Reformators, das in seiner Schrift "die Freiheit eines Christenmenschen" verborgen liegt. Sie soll für junge Menschen erlebbar gemacht werden. Da ist kein Platz für Jack o Lantern, der er sein Leben lang falsch, hinterlistig und geizig gewesen ist.

Doch gilt auch hier: Wir leben nicht mehr in Luthers Zeit, ihrem kirchlichen und politischen Horizont, der das Glaubensleben der Menschen damals in den Bann zog. Kann die Rede von der Freiheit eines Christenmenschen uns, geschweige denn Jugendliche, überhaupt noch mit derselben Macht treffen wie Luthers legendäres Tintenfass den Teufel? Auch den Reformator umranken Legenden. Es heißt, er sei seit seiner Kindheit von Teufeln, Dämonen und bösen Geistern belästigt worden. Die Depressionen und Stimmungsschwankungen, die noch den Erwachsenen als Mönch und Gelehrten bedrängten, schrieb er dem Wirken des Teufels zu.

III Das Wort, sie sollen lassen stahn: Mit ein wenig Selbstkritik muss sich die Kirche eingestehen, dass die Freiheit eines Christenmenschen für Jugendliche so in ihr nicht immer erlebbar, geschweige denn spürbar ist. Im Gegenteil, die große Freiheit suchen viele Menschen, nicht nur Jugendliche, heute außerhalb der Kirche und des christlichen Glaubens, die ihnen beide irrelevant erscheinen und die Kirche mit ihren Themen blass. Während die Autorin J.K.Rowling mit Harry Potter, dem Jungen mit magischen Kräften, Millionen Jugendlicher in die einst von ihnen so gemiedenen Bücherläden trieb, stimmt dasselbe nicht für das Buch, durch dessen Übersetzung Luther die Freiheit unters Volk bringen wollte. Gerade mal 22% der evangelischen Gemeindeglieder in den alten Bundesländern konnten im Jahr 2003 von sich sagen, dass das Lesen der Bibel wichtig sei, um evangelischer Christ zu sein. Dabei verbindet sich für Luther das Priestertum aller Gläubigen unbedingt mit dem Studium der Bibel. Um die eigene Sprache im Glauben zu finden, sind das gemeinsame Bibellesen und die Auseinandersetzung mit dem Gelesenen, dem Wort Gottes, unersetzbar.

Auf das Wort Gottes, dem wir in den Heiligen Schriften begegnen, und sonst nichts, gründet sich für Martin Luther die Freiheit, die uns wahrhaft freie und gute Entscheidungen in unserm Leben ermöglicht. Frei von Angst, frei von Zwang. So schreibt er: "Zum fünften hat die Seele kein ander Ding, weder im Himmel noch auf Erden, darinnen sie lebe, fromm, frei und Christ sei als das heilige Evangelium, das Wort Gottes, von Christus gepredigt". Und er fährt fort: "So müssen wir nun gewiß sein, daß die Seele alle Dinge außer dem Worte Gottes entbehren kann, und ohne das Wort Gottes ist ihr mit keinem Ding geholfen." Es nützt unserer Seele nichts, wenn wir essen, trinken oder nach Herzenslust leben können wie wir wollen. Es schadet uns nichts, wenn Krankheit, Hunger, Durst uns zusetzen. Diese Dinge sind nicht das höchste Gut, nach dem wir streben müssen, denn es "es reichet keines bis an die Seele, sie zu befreien oder zu fangen, fromm oder böse zu machen." Hier liegt unsere Kraft und sonst nirgends. Im Wort Gottes wie es uns in der Bibel überliefert ist. An ihm muss sich alles, was wir in der Gemeinde tun und lassen messen. Immer wieder müssen wir zu ihm zurückkehren, um zu sehen, ob wir noch im Einklang damit sind. Die Leitbilder, die die badische Landeskirche unter Beteiligung von mehr als , sind nicht aus Wirtschaft oder Kultur geliehen, sondern biblisch: das Bild vom wandernden Gottesvolk erinnert uns, das wir gerufen sind, immer wieder neu aufzubrechen, Kirche ist gesandt in den neuen Tag, ihr Existenzrecht besteht darin, sich an ihn zu hängen, nicht seine Stelle einzunehmen, wer Salz der Erde sein will, muss Verantwortung in ihr übernehmen, anstatt die Suppe mit seinen Kommentaren zu versalzen, das Haus der lebendigen Steine weist darauf hin, dass wir nicht fest geschrieben sind als Kirche auf eine bestimmte Form, Strukturen ändern sich, in ihnen liegt nicht unser Heil; als Teil des Leibes Christi sind wir nicht allein Kirche, sondern nur gemeinsam mit Christen auf der ganzen Welt, durch alle Zeiten hindurch.

So besehen, wird das Wort Gottes unter uns auf einmal lebendig. Wenn wir es wirken lassen, in unsere Strukturen und Geschäfte einbeziehen, bringt es Würze und Geschmack in unser Leben. Unserem Predigttext ist etwas von dieser Schärfe und Kraft anzuspüren. Hier tritt nicht ein sanftmütiger, verständnisvoller Jesus auf, sondern einer der mich herausfordert. Wer nicht für mich ist, ist wieder mich. Hier werden klare Fronten aufgezeigt. Hier kann ich mich nicht ohne Antwort durchmogeln. Auf welcher Seite stehe ich? Anders gefragt: Bin ich bereit, dem Bösen in meinem Leben abzusagen? In der Taufe hat jede und jeder von uns sein Ja darauf gegeben. Wo Jugendliche oder Erwachsene getauft werden, sieht die Liturgie die Möglichkeit vor, den Täufling direkt zu fragen: Willst du frei werden von allen bösen Mächten? Willst du zu Jesus gehören, der sie vertreibt? "Ja, ich will", lautet die Antwort. Von nun an soll unser Tun und Lassen darauf gerichtet sein, uns dem Guten zuzuwenden und das Böse zu fliehen. Denn in der Taufe haben wir uns in den Machtbereich Jesu Christi gestellt. Hier gilt eine eigene Gesetzmäßigkeit, wir treten in eine neue Welt ein. Unser Leben erfährt eine Veränderung. Nichts und niemand kann uns die Freiheit nehmen, die Gott uns schenkt.

IV Wer nicht für mich ist, ist gegen mich: Wie aber zeigt sich diese Freiheit? Der Teufel liegt im Detail, heißt es in der Umgangssprache. Kleinlichkeit, ständiges Fordern, ein Beharren auf Rechten zeugen von einem Ungeist, der Wege versperrt. Die Herrschaft Gottes dagegen zeichnet sich durch einen Geist des Großmuts und der Hingabe aus. Christen sind nicht dazu berufen, perfekt zu sein. Im Gegenteil: weil wir verstehen, dass wir auf Gottes Hilfe angewiesen sind, liegt es im Wesen unseres Glaubens, dass wir uns dem zuwenden, was uns und andere heil macht. Das kann ein klares Ja oder eine klares Nein sein. Lukas lässt keinen Zweifel daran, dass Jesu Herrschaft dort zum Tragen kommt, wo er Menschen von bösen Geistern befreit. Wer vom Teufel geritten ist, unterliegt inneren und äußeren Zwängen, die ihn an ein Ziel bringen, das er oder sie so nicht vor Augen hatte. Trotz nobler Anfänge, sind wir auf einmal nicht mehr Herr oder Herrin, wir sind getrieben von einer Idee, wie besessen von einem Gedanken und werden am Ende sogar fanatisch. Der Schaden hat kein Ende. "Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut." Dieses Wort zum Abschluss klingt hart. Woher soll ich wissen, ob ich sammle oder zerstreue? Eine Antwort liegt in der Suche nach Einheit. Dort wo Angst und Verunsicherung als Mittel eingesetzt werden, um Menschen linientreu zu machen, weht ein anderer als der Geist Gottes. Als Gemeinschaft Christi sind wir Menschen, die von ihm berufen sind. Wir folgen nicht uns, sondern einem anderen, der uns mit seinem Rat und seiner Tat beisteht. Dazu müssen wir uns in gegenseitiger Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gegenüber dem Wort Gottes üben. Wozu stiftet Jesus uns Menschen an? Nur im gemeinsamen Nachdenken und Überlegen, kommen wir mit unserem Tun und Beten einer Antwort nahe. Achtsam und behutsam miteinander umgehen, sich frei machen von Urteilen und Undankbarkeit, das macht uns hell und wach dem Wort Gottes gegenüber und im wahrsten Sinne evangelisch. Amen.