"Bereitet die Wege, bereitet die Bahn" - Predigt über Jesaja 40, 1-8
Kantatengottesdienst zum 1. Advent - 27.11.2011, Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

"Bereitet die Wege, bereitet die Bahn! / Bereitet die Wege / und machet die Stege / im Glauben und Leben / dem Höchsten ganz eben, / Messias kömmt an!" Der Text der zu Beginn unseres Gottesdienstes gehörten großen Sopranarie zum Eingang unserer Bachkantate, nimmt wichtige Aussagen aus dem 40. Kapitel bei Jesaja auf. Mit ihm beginnt der zweite der drei Teile des Jesajabuchs. Sie sind zu ganz verschiedenen Zeiten entstanden, haben also unterschiedliche Verfasser. Der Prophet dieses mittleren Teils, der mit Jesaja 40 beginnt, wird dementsprechend Deuterojesaja zu deutsch: der zweite Jesaja - genannt. Hören wir zunächst auf die Worte, mit denen eine neue Tonlage im bis dahin von Gerichtsernst bestimmten Jesajabuch laut wird und von denen sich Bach zu dieser Adventskantate hat inspirieren lassen. (Verlesung des Textes)

I.

"Eure Herren, die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt!" Der diesen markanten Satz gesagt hat, war kein "Kirchenmann" oder ein frommer Dichter, sondern ein Weltkind, ein Politiker: Gustav Heinemann. Als er ihn sagte, war er noch längst kein Bundespräsident. Er war, damals noch der CDU angehörend, Innenminister unter Konrad Adenauer. Als Kirchentagspräsident hat er diesen Satz zum Ende seiner Ansprache bei der Schlußversammlung des Evangelischen Kirchentags 1951 in Essen den erstaunten Zuhörern zugerufen. Am Tag darauf trat er als Minister zurück, weil er die Politik Adenauers nicht mehr mittragen wollte.

"Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt!" Das ist eine zutiefst adventliche Aussage. Doch welches Kommen ist gemeint? Die Adventszeit - man kann das nicht oft genug sagen, weil wir es in unserem sehr verbürgerlichten Christentum gern verdrängen - trägt ja ein doppeltes Gesicht. Die Adventsliturgie hat immer beides im Blick: die frohe Erwartung des Krippenkinds in Bethlehem und die ernste Erwartung des Weltenrichters am Ende der Zeit. Mag für uns die Weihnachtserwartung natürlich im Vordergrund stehen, dürfen wir doch das andere nicht ausblenden. Eigentlich geht das ja auch gar nicht, wenn wir wach durch unser Leben und diese Welt gehen. Wie soll ich Advent feiern und dabei die trostlosen Erfahrungen unserer Gegenwart verdrängen? Die apokalyptischen Reiter unserer Tage, die Sprengstoffgürtel und Kampfbomber benutzen und nicht mehr Pferde, oder die hinter kleinen Bildschirmen sitzend unvorstellbare Geldbeträge um die Welt jagen, an denen zahllose Existenzen hängen.

In solch einer Situation fühlen sich auch die, an die unser prophetischer Predigttext adressiert ist. Wir befinden uns irgendwann Mitte des 6. Jahrhunderts. Der zweite Jesaja hat diese Worte an eine Gruppe von Menschen gerichtet, denen der Boden unter den Füßen weggezogen war. Sie leben in bleierner Zeit. Es geht um eine staatliche Katastrophe und um unzählige menschliche Tragödien. Seit fast 40 Jahren befinden sich breite Schichten Israels bereits im Exil in Babylon, wohin sie nach der Katastrophe von 587 - der Zerstörung Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezar - zwangsverschleppt worden waren. Zwar werden die Israeliten im Babylon weder im Gefängnis noch in Konzentrationslagern festgehalten. Und doch ist die Deportation ein tiefer Schock, schwerer noch, als das ohnehin bei jeder Vertreibung aus der Heimat der Fall ist. Bedeutet sie doch für die Israeliten den Verlust der von Gott verheißenen Heimat, das Verbanntsein in einen Raum, in dem Jahwe, der Gott Israels, nicht wohnt. Denn der wohnt für Israel zuerst und vor allem im Tempel - und von dem ist man nicht nur unerreichbar abgeschnitten, der wurde damals geschleift, es gibt ihn nicht mehr. Die nach Babylon Versklavten sitzen nicht romantisch am Flussufer und musizieren. Sie müssen vielmehr das gigantische Bewässerungssystem Babylons warten und ausbauen. Das ist grausame Sträflingsarbeit. Sie weinen, wenn sie an den Zion denken - und an ihr zerfallenes Leben und Glück. Dieses Gefühl des Verlassenseins und die Frage wo Gott in diesem Geschehen geblieben ist, machen ratlos und zehren an den letzten Hoffnungsreserven. Eine lähmende, depressive Zukunftslosigkeit hat sich wie ein Grauschleier über die Exilierten in Babylon gelegt.

II.

Juden im Exil - wer kann dabei die Erinnerung an die dunkelste Zeit unserer deutschen Geschichte unterdrücken? Zumal hier in dieser Kirche. Was vor bald 80 Jahren mit "Arierparagraph" und Judenstern seinen Anfang nahm, hat schließlich alles in der Geschichte Israels erlittene Leid in den Schatten gestellt. Die hier in unserer Christuskirche um das Evangelium versammelte Gemeinde hat in jener dunklen Zeit, getragen durch ihre bekenntnistreuen Pfarrer Hermann Weber und Otto Hof, tapfer versucht, ihren Weg in der Orientierung am Leuchtfeuer der Bekenntnis-Synode von Barmen zu gehen. Darauf darf man noch heute stolz sein. Freilich, so mutig man sich mit den Helfershelfern des NS-Regimes in der Kirche anlegte, wenn es um die Klarheit des Bekenntnisses ging - für die Juden, ihre älteren Brüder, denen immer mehr die Luft abgeschnürt wurde, hat auch die Bekennende Kirche nichts getan. Oder so gut wie nichts. Der Widerstand blieb ein rein innerkirchlicher. Es war opportun zu den Juden zu schweigen. Man hatte sich in der Kirche wohl zu lange von gräßlichen Sprüchen des alternden Luther beeindrucken lassen und so dem unterschwelligen Antisemitismus gehuldigt, als daß man fähig gewesen wäre, die Sünde als Sünde zu erkennen. So wurde die christliche Kirche, indem sie schwieg, selber zur Sünderin.

Gewiß, es gab auch hier in Freiburg einzelne, die für ihre bedrohten Mitmenschen Verantwortung übernahmen. Sie konnten nicht anders als aus dem Gewissensruf heraus zu handeln, wie er in dem eben gehörten Tenor-Rezitativ unserer Kantate so ausgedrückt ist: "Ja, Mensch, dein ganzes Leben / muß von dem Glauben Zeugnis geben!" Das ganze Leben, nicht nur das unverfälschte Bekenntnis. Aber sie erfuhren sich in der Lage des einsamen Rufers aus unserem Jesajatext. "In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! ...denn des HERRN Mund hat's geredet." In der Ausweglosigkeit so mancher schlaflosen Nacht werden Frauen und Männer auch hier in Freiburg mit großer Verzweiflung Gott um sein Wort gebeten haben. Und die Antwort? Der zweite Jesaja gibt sie so: "Es spricht eine Stimme: Predige! Bereitet dem Herrn den Weg… Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich." Die Bombenangriffe, all das durchlittene Leid und die Angst wurden von vielen als Gericht Gottes erfahren. Die Erde dröhnte während der Bombenangriffe, als wollte jemand die Berge und Hügel einebnen und die Täler aufschütten. Das, was sich damals seine Bahn brach, wurde ersehnt und gefürchtet zugleich. Der Zusammenbruch und das Kriegsende als Gericht und Gnade zugleich. Heute gedenken wir wieder der verheerenden Zustörung unserer Stadt durch alliierte Bomber am 27. November 1944.

Wie ein geheimer roter Faden durchzieht unsere Bachkantate die Frage, mit der die Baßarie in ihrer Mitte anhebt: "Wer bist du?" Das ist zunächst eine Anspielung auf die Frage der Juden an den, der das Nahen des Messias angekündigt hatte und Aufsehen erregte mit seinem von Jesaja aufgenommenen Aufruf, ihm, dem Messias, den Weg zu bahnen: Johannes der Täufer. "Wer bist du?", fragen seine Zeitgenossen diesen ungewöhnlichen Gottsucher eines Typs, der so noch nicht da war. Bach wendet diese an den Täufer gerichtete Frage "Wer bist du?" mit den geradezu bohrenden Wiederholungen der Motivik nun in die Frage an den Christen selbst, den Hörer der Kantate. Sie wird zur Frage an uns. Und daß sie in der Arie vom Baß gesungen wird, ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß es Christus selbst ist, der sie uns stellt. Denn Bach hat Jesus immer die Baßstimme verliehen. So fragt uns Christus selbst: "Wer bist du? Frage dein Gewissen, / da wirst du sonder Heuchelei, / ob du, o Mensch, falsch oder treu, / dein rechtes Urteil hören müssen. / Wer bist du? Frage das Gesetze, / das wird dir sagen, wer du bist: / Ein Kind des Zorns in Satans Netze, / ein falsch- und heuchlerischer Christ."

Das sind beunruhigende, messerscharfe Urteile. So dunkel sah es auch in dem Spiegel aus, den Johannes, der Bußprediger aus der Wüste und große Moralist, den Menschen seiner Zeit unerbittlich vorhielt. Diesen Ruf zur Umkehr nicht durch die Wendung ins Allgemeine, Kollektive entschärft, sondern ihn so genommen zu haben, wie er gemeint ist: ganz persönlich - das ist das Beispiel, das die wenigen uns hinterlassen haben, die damals während der unselige "tausend Jahre" sich mutig eingesetzt haben für die jüdischen Mitmenschen in ihrer erneuten Versklavung, gegen die jene an den Flüssen Babylons noch harmlos gewesen war.

III.

Zu all diesen ernsten, beunruhigenden Tönen bildet die große Eingangsarie unserer Kantate mit ihrer Aufnahme der Trostworte des zweiten Jesaja einen eigentümlichen Kontrast. Bach hat das in der Komposition wunderbar erfaßt. Der beschwingte Rhythmus in Dreivierteltakt, die heiteren Läufe und Triller der Oboe, die Koloraturen der Sopranstimme geben dem Ruf "Bereitet die Wege, bereitet die Bahn" eine Lieblichkeit und tänzerische Leichtigkeit, die seltsam anmutet, wenn man bedenkt, an wen der Prophet ihn richtet. Aber gerade hier kommt Advent ins Spiel. In dieser mitreißenden, im Wortsinn erhebenden Ankündigung kündigt sich mitten in der Dunkelheit Licht, ein neuer Tag an. Er kulminiert in dem mehrfach wiederholten Jubelruf, in den diese Arie mündet und mit dem der zweite Jesaja adventlich überboten wird: "Messias kömmt an!"

"Tröstet, tröstet mein Volk": Der Prophet, der das den Trostlosen von Gott ausrichtet, kündigt mit jeder Zeile an: Es bleibt nicht, wie es ist! Das Ende der Zwangsherrschaft, ja das Ende Babylons wird kommen, so gewiß Jahwe immer noch euer Gott ist. Der Prophet wagt bei der fürchterlichen Erfahrung der Abwesenheit Gottes dennoch seine Nähe zu behaupten. Das ist das Wagnis aller Theologie, allen Redens von Gott in einer Welt, die sich Gott gegenüber verschließt.

Hoffnung ist ja schon rein menschlich, psychologisch gesehen das wirkungsvollste Gegengift gegen jede Art der Verzweiflung. Sie hat etwas unglaublich zählebiges. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", wie der Volksmund sehr zu Recht sagt. Hoffnung bleibt so lange am Leben, wie wir in unserem Inneren Gegenbilder gegen die Trostlosigkeit der Realität zur Verfügung haben oder selber schaffen. Der Begründer der Logotherapie, der große Wiener Psychiater Viktor Frankl, auch er ein Jude, hat ein bewegendes Buch über seine Zeit im Konzentrationslager geschrieben. Er schildert darin, wie es allein das ständige Imaginieren von inneren Bildern der Hoffnung war - z.B. die Aussicht, irgendwann wieder Klavier spielen zu können, oder der Gedanke, eine eigene Arztpraxis zu gründen -, die es ihm ermöglichte, jeden Tag neu inmitten des Grauens zu überstehen und nicht aufzugeben. So irreal diese Bilder angesichts der Hölle um ihn herum anmuteten.

IV.

"Bereitet dem Herrn den Weg": Immer wieder hören wir in der Liturgie des Advent diesen Ruf. Gott ist sich nicht selbst genug in seiner göttliche Höhe und Majestät. Doch will er eben nicht kommen wie ein Besucher, der en paar schöne, intensive Momente beschert und dann wehmütige Erinnerungen zurückläßt. Nein, Gott kommt eben nicht auf Besuch in diese Welt, sondern er kommt "in sein Eigentum", wie es zu Anfang des Johannesevangeliums von der Menschwerdung heißt. Und das heißt: er kommt, um die Welt zu verändern, zu verwandeln. Deshalb sind für uns Wachsamkeit und Konzentration auf ihn, den Kommenden, angesagt. Der Blick auf ihn muß unbedingten Vorrang haben vor allen anderen Fragen, die uns in der Kirche bewegen und oft auch erregen mögen. Unsere Berufung als Kirche ist es, ihm, dem Herrn, einen Weg zu bahnen. Unsere Anstrengungen in den Gemeinden, unsere Beratungen in kirchlichen Gremien, der Einsatz unserer Finanzmittel sind immer darauf zu befragen, ob es sich um Wegebau für das Kommen des Herrn handelt. ": Je mehr wir den Herrn und sein Kommen zum Kompaß für unser Tun machen, desto offener werden wir für die Nöte unserer Welt.

Der Liebe zu Christus soll nichts vorgezogen werden, heißt es in der Regel des Benediktinerordens. Das wäre einmal eine wirklich Adventszeit, wenn wir inmitten all den unvermeidlichen "Weihnachtsstreß", der nun von tag zu Tag größer wird, immer wieder einmal für einen Moment innehalten und uns fragen, ob das, was wir gerade tun, dem Kommen Jesu in mein Herz und in die Welt um mich herum förderlich oder es eher verbaut. Singen wir uns also jetzt zu: "Ebnet, ebnet Gott die Bahn, / bei Tal und Hügel fanget an. / Die Stimme ruft: Tut Buße gleich, / denn nah ist euch das Himmelreich" (EG 15,3).

Amen.