Jubelkonfirmation 2011, Christuskirche

Predigt zu Lukas 8, 4-8 (mit Bild "der Sämann" von Vincent van Gogh)
am Erntedanksonntag, 02.10.2011 in der Christuskirche Freiburg


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Gemeinde,
liebe Jubelkonfirmandinnen und Konfirmanden!


es gibt Momente im Leben, die laden dazu ein, innezuhalten, zurückzuschauen und Bilanz zu ziehen. Ein runder Geburtstag ist vielleicht so ein Moment - gerade, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Der Eintritt in den Ruhestand kann auch solch ein Moment sein. Oder eben auch eine Jubelkonfirmation, wie wir sie heute feiern.

Das kann Anlass sein, zurückzuschauen auf das, was gewesen ist und Ernte zu halten, die Früchte des Gewesenen einzusammeln und hoffentlich zu genießen. So ist es kein Zufall, dass wir heute auch zugleich Erntedank feiern.

In solchen "Erntezeiten" schauen wir auf den Ertrag unseres bisherigen Lebens zurück. Welche unserer Ideale, Träume und Pläne konnten wir verwirklichen? Welche Gaben und Talente haben Frucht getragen? Welche der Samen, die wir ausgestreut haben, sind aufgegangen?

Es ist ein gutes Gefühl, wenn die Bilanz in solchen Erntezeiten positiv ausfällt. Wenn wir etwa auf ein erfülltes Berufsleben oder ein fruchtbares ehrenamtliches Engagement blicken können. Oder auf eine Familie, die zusammenhält, auf Kinder, die unser Herz mit Stolz erfüllen. Auf Freundschaften, die mitgewachsen sind mit sich verändernden Lebenssituationen und Lebenseinstellungen. Auf einen Glauben, der uns durch gute und schlechte Zeiten hindurch getragen hat. Das wäre schon eine reiche Ernte. Und ich wünsche uns allen von Herzen, dass es viele solcher und ähnlicher Früchte gibt in unserem Leben.

Liebe Gemeinde,

in ihrem Liedblatt haben sie ein Bild gefunden, ein Bild, das auch etwas zu tun hat mit Ernte und noch viel mehr mit Aussaat. Es ist ein Bild des Malers Vincent van Gogh - wer sich ein wenig mit Malerei auskennt, wird das an den kräftigen Farben und der typischen groben Strichführung leicht erkennen.

Das Bild trägt den Titel "Der Sämann" und es ist in der Tat die Gestalt des Sämanns, die dem Betrachter sofort ins Auge fällt. Sein Gesicht ist kaum erkennbar, die Mütze hat er tief ins Gesicht gezogen. Mit gleichmäßigen Schritten wandert er über sein Feld. Aus einem Sack, den er über die Schulter hängen hat, streut er mit einer weit ausholenden Bewegung die Samen aufs Feld - seine Hand ist großzügig geöffnet: Er schöpft aus dem Vollen und teilt mit vollen Händen aus.

Vor seinem inneren Auge sieht er sicher schon das Bild wogender Getreidefelder, mit vollen Ähren, die reiche Frucht bringen.

Hinter ihm geht langsam, voll und rund und strahlend gelb die Sonne unter. Diese Sonne enthält ein Versprechen: Schon am nächsten Tag will sie ihr Möglichstes geben, damit die Saat aufgehen, wachsen und Frucht bringen kann.

Dieses Bild passt zu dem Gleichnis Jesu, das denselben Titel trägt wie unser Gemälde: "Der Sämann". Ich lese aus Lukas 8:

Jesu sprach zu seinen Zuhörern:
Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf. Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten's. Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Liebe Gemeinde,
wer Samen aussät, so wie der Sämann des Malers Vincent van Gogh - sei es nun als Landwirt oder schlicht als Hobby-Gärtner - der ist voller Erwartung und Hoffnung auf eine gute, ertragreiche Ernte. Der träumt von wogenden Getreidefeldern oder einem Meer von Blumen.

Hört man dagegen das Gleichnis Jesu vom Sämann, dann wirkt dieses auf den ersten Blick ernüchternd. Etwa 75% des Samens, den der Sämann ausstreut geht nicht auf - sei es weil sie zertreten und gefressen werden, weil es an Feuchtigkeit mangelt oder weil die Samen vom Unkraut erstickt werden.

Das ist keine gute Bilanz. Im Gegenteil, solch eine Bilanz erinnert an die Schlagworte, die zurzeit unsere Nachrichten beherrschen, an Weltwirtschaftkrise, an Rezession und Depression. 75% Verlust - das ist viel. Wie soll man da ernsthaft auf eine gute Ernte hoffen?

Ich vermute mit unseren persönlichen Ernte-Bilanzen bei Jubiläen und ähnlichen Anlässen sieht es ganz ähnlich aus. So reich die Ernte auch sein mag - es gibt da immer auch so manches Samenkorn, das nicht aufgegangen ist.

Manche Ideen und Pläne sind unter die Dornen der äußeren Umstände gefallen: ein Berufsleben, das durch Arbeitslosigkeit plötzlich und zu früh beendet wurde; eine glückliche Liebe, die der Gewöhnung des Alltags doch nicht standgehalten hat, der Traum von der Weltreise, der durch Krankheit oder fehlende Mittel erstickt wurde.

Andere Samenkörner sind vermutlich zunächst einmal aufgegangen. Aber weil sie auf felsigen Boden fielen, konnten sie nicht genug Nahrung finden und verwelkten: Da ist vielleicht das Studium, das abgebrochen werden musste, weil ein Kind unterwegs war oder weil es einfach notwendig wurde, schnell Geld zu verdienen.

Da sind die Werte und Lebenseinstellungen, die Sie Ihren Kindern mit auf den Weg geben wollten, weil diese Sie selbst getragen haben. Und dann sind die Kinder irgendwann ihre eigenen Wege gegangen und haben diese Samen nicht weiter gepflegt.

Auch der Glaube an Gott ist solch ein Samenkorn. Eines, das wir in der Regel nicht selbst säen, sondern eines, das Gott durch seinen Geist und die Hand anderer Menschen in unsere Herzen legt.

Schön, wenn dieses Samenkorn aufgeht, wenn es wächst und stark wird. Bei den meisten von Ihnen wird das Samenkorn des Glaubens auf die positive Seite der Erntebilanz gehören, sonst wären Sie vermutlich nicht hier.

Aber nicht immer ist das so. Schnell gerät auch der Glaube an Gott unter die Dornen des Alltags, vertrocknet in der Fülle der täglichen Sorgen und der Hast. Oder er wird aufgefressen von zu viel Trauer und Leid.

Es ist sicher schmerzlich, wenn wir uns eingestehen müssen, dass unsere Erntebilanz nicht nur positiv ausfällt. Die Trauer um das eine oder andere Samenkorn bleibt vielleicht ein ganzes Leben lang. Dieser Schmerz, diese Trauer gehören mit dazu zur Ernte. Dieser Schmerz, diese Trauer haben aber auch eine gefährliche Macht. Sie können uns dazu verführen, uns zurückzuziehen von unserer Umgebung, resigniert und verbittert zu werden, uns selbst und unser Tun aufzugeben.

Der Sämann auf unserem Bild und in unserer Geschichte ist da anders. Er weiß, dass ein Teil seiner Samenkörner nicht aufgehen, keine Frucht bringen wird. Das hat die Erfahrung der Jahre ihn gelehrt. Und trotzdem teilt er großzügig und hoffnungsvoll aus.

Er tut dies, weil er weiß, dass sein Tun trotz 75% Verlust letztendlich Gewinn bringen wird. Die verbleibenden 25 Prozent der Samen werden aufgehen und hundertfach Frucht bringen, genug zum Leben für ihn und die Seinen.

Ich denke, dieser Sämann kann uns zum Leitbild werden.
Von ihm können wir lernen, uns nicht resigniert aus der Welt zurückzuziehen, sondern unsere Samen, unsere Gaben und Erfahrungen, unsere Träume, Ideale und Ideen immer wieder aufs Neue auszustreuen. Wir können von ihm lernen, mit jeder Erntezeit unseres Lebens auch einen neuen Anfang zu wagen und mit Dankbarkeit und Freude auf das zu schauen, was aufgeht und Früchte bringt, Früchte, von denen wir selbst vielleicht manchmal gar nichts ahnen.

Ich staune über den Optimismus und über das Vertrauen, mit dem Jesus uns begegnet, wenn er dieses Gleichnis erzählt. Trotz all des Vertrockneten und Verwelkten in unserem Leben, trotz des von anderen Gestohlenem und Weggefressenem traut er uns zu, dass die Gaben und Talente, die wir von Gott bekommen haben, hundertfach Frucht tragen werden.

Trotz aller Rückschläge und Verluste wird Gott unser Leben für sich als erfolgreich buchen. Diesen Optimismus, dieses Vertrauen kann Jesus nur haben, weil Gott für ihn der Schöpfer und Grund alles Daseins ist. ER wird dafür sorgen, dass trotz aller Verluste, genug von der Saat des Sämanns aufgeht, um hundertfach Frucht zu bringen.

ER wird auch dafür sorgen, dass der Same seines Wortes in uns wächst und in unserem Tun und Handeln Frucht trägt.

In der alttestamentlichen Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja, die wir zuvor gehört haben, sagt Gott selbst das so: Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Amen