In Dunkelheit - und siehe, wir leben - Predigt über Klagelieder 3, 22-32
16. Sonntag n.Tr. - 9.10.2011, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Es gibt Worte in der Bibel, die sind so unmittelbar ansprechend, die verbreiten noch vor allem Nachdenken so viel Wärme, daß man in ihnen richtig zu Hause sein kann. Man kann zu ihnen Zuflucht nehmen, wie man in den Bergen bei einem plötzlichen Unwetter nach einer Almhütte Ausschau hält und sich unter ihr schützendes Dach flüchtet. Unser Predigttext heute beginnt mit einem solchen Wort, bei dem man Zuflucht suchen und finden kann. "Die Güte des Herrn ist's, daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu": das ist wunderbar, sich darauf stellen zu können, daß Gottes Liebe und Geduld immer und immer wieder stärker ist als unsere graue, alltägliche Gottlosigkeit.

I.

Freilich: es würde uns die Sprache verschlagen, wenn der Verfasser dieser schönen Worte auf der Kanzel vor uns stünde. Er hätte kein feierliches liturgisches Gewand an, sondern einen zerrissenen Rock aus grobem Sackstoff. Er würde keine Jubelfeier, kein Gloria in excelsis mit uns anstimmen, sondern eine große Klagelitanei, bestenfalls ein dauernd wiederholtes Kyrie eleison! Um uns ein wenig einzufühlen in die Lage, in der der Verfasser diese so erbaulich klingende Aussage über Gottes Güte macht, möchte ich Sie erinnern an die Zeit vor über 60 Jahren, die die Alten unter uns nie vergessen können, als Deutschland faktisch und moralisch in Trümmern lag.

1946, ein Jahr nach Kriegsende, schrieb ein junger deutscher Dichter ein Stück, das damals in Deutschland einschlug wie vorher die Bomben und für Jahre zum meistgespielten Drama auf den Bühnen wurde. Sein Name war Wolfgang Borchert, sein Stück hieß "Draußen vor der Tür". Wolfgang Borchert erlebte den Erfolg seines Stückes, das ihn schnell berühmt machte, nicht mehr. Kurz nachdem er es fertig geschrieben hatte, starb er, gerade 26 Jahre alt, an einer Lungenkrankheit. Er war einer der Vielen, die sich total ausgezehrt aus dem Krieg heimgeschleppt hatten und deren Kraft nicht mehr zum Neuanfang reichte. Von diesen bitteren Erfahrungen handelt sein Stück. Also von den Erfahrungen einer ganzen Generation, die von Politgangstern verführt worden waren, für Führer, Volk und Vaterland den "Heldentod" zu sterben.

Borchert verlieh in seinem Stück dem Lebensgefühl seiner Generation Sprache: dem Gefühl, verraten und verkauft worden zu sein, und sich nach dem Rückkehr von der Front daheim nicht mehr zurecht zu finden. Sie waren Fremde im eigenen Land. Eben die "draußen vor der Tür". Alles war zerbrochen, nichts trug mehr, und sie fühlten sich von Gott und der Welt verlassen. Ja, auch von Gott! In einer erschütternden Stelle des Dramas läßt Borchert seine Hauptfigur, den in seiner zerbombten Heimatstadt ziellos umherirrenden Kriegsheimkehrer Beckmann ausrufen: "Wo ist denn der alte Mann, der sich Gott nennt? Warum redet er nicht? Gebt doch eine Antwort! Warum schweigt er denn? Warum? Gibt denn keiner, keiner Antwort??"

Liebe Gemeinde, das hätte auch 2500 Jahre früher geschrieben, nein, geschrien sein können. Und zwar ausgerechnet von dem, der dann feststellt, daß Gottes Barmherzigkeit alle Morgen neu ist! Diese "Klagelieder" sind nur dann zu verstehen, wenn wir sie als Dokument ihrer Zeit lesen. Und die war eine einzige Katastrophe. Ein Volk ist am Ende. Was für uns Deutsche das Jahr 1945 war - aber eigentlich muß man sagen: 1933! -, das war Israel das Jahr 586: das Desaster der Zerstörung Jerusalems, der brutalen Deportation ins feindliche Babylonien.

Vor allem aber: die unsagbare Katastrophe der Schleifung des Tempels, der Schändung des Allerheiligsten. "Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war": mit dieser erschütternden Feststellung beginnt das Buch der Klagelieder. Das Volk hat die schlimmste Niederlage seiner Geschichte erlebt. Rechtsbrüche und Bedrückung der Bevölkerung sind Alltag geworden. Der König und seine Beamten sind deportiert. Die jungen Männer gefallen oder verschleppt. Die Kleinkinder sterben an Hunger. Seuchen greifen um sich. Die Priester sind ohne Kraft. Die Propheten sind verstummt. Man kann das alles in den einzelnen Kapiteln dieses Buches nachlesen.

II.

Und inmitten dieses Volkes, das am Ende ist, ist ein frommer Mann am Ende. Daß er ins Exil nach Babylon verschleppt, immerhin mit dem nackten Leben davongekommen ist, erlebt er nicht als Segen, eher als Fluch. "Ich bin der Mann, der Elend sehen muß", stellt er wenige Verse vor unserem Text fest. Das ist keine wichtigtuerische Wehleidigkeit wie heute in unserer neudeutschen Betroffenheitslyrik. Was er im Folgenden, in den Versen unmittelbar vor unserem so tröstlichen Text, weiterklagt, sind vielfältige Stimmen aus seinem gequälten Volk, zu dessen Sprecher sich dieser Mann, "der Elend sehen muß", gemacht hat. "Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben, ich habe das Gute vergessen": das ist am erschütterndsten! Wenn das Gute schlechthin vergessen ist, wenn einem die Welt, das Leben nur noch wie die Nacht ist, in der alle Katzen grau sind - dann sind alle seelischen Energien blockiert, gut zu sein, Gutes zu tun. Das ist der totale moralische Bankrott. Ein Bankrott, der seine Wurzeln nicht in der Unmoral dieser und jener Menschen hat, sondern in der objektiven Zerrüttetheit aller Maßstäbe und Werte, die das Miteinander von Menschen verläßlich und beständig machen. Dann gilt nur noch die eine Regel: Homo homini lupus, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Die Welt ist aus den Fugen geraten, aus dem von Gott so wunderbar geschaffenen Kosmos ist wieder wüstes, leeres Chaos geworden.

Zu den Büchern, die ich immer mal wieder in die Hand nehme, gehören Jochen Kleppers Tagebücher "Unter dem Schatten deiner Flügel". Klepper hat dort über die Einträge eines jeden Tages jeweils die Herrnhuter Losung gesetzt. An einem einzigen Tag fehlt sie: das war der Tag, an dem Klepper aus dem Militärdienst entlassen worden war, weil er eine Jüdin zur Frau hatte. Stattdessen zitiert er an diesem Tag viele der Verse, die ich gerade gelesen habe. Und dann schreibt er: "Steht dies also über meiner Heimkehr? Es ist nicht gut, unversehrt und behütet von der Front heimzukommen und nur den Tod zu ersehnen".

Die Verschleppten an den Flüssen Babylons, Jochen Klepper, Wolfgang Borchert: Menschen "draußen vor der Tür", im Schatten einer von ihnen als schrecklich empfundenen Gottesfinsternis. Und wir? Von Gottesfinsternis würden wir in den kleinen und großen Sicherheiten, in denen wir uns gut eingerichtet haben, kaum reden. Aber könnten wir glaubwürdig von Gottesgewißheit sprechen? Wir haben heute morgen unsere Freudlosigkeit und Routine, viel Unruhe, vielleicht auch Gleichgültigkeit mit hierher gebracht. Es gibt ja auch so etwas wie eine ganz normale, graue, alltägliche Gottlosigkeit, die uns oft mehr im Griff hat, als wir ahnen.

Unsere graue, alltägliche Gottlosigkeit. Sie hat viele Gesichter. Und jeder schleppt sie irgendwie mit sich herum:

- Die Mitarbeiter in der Kirche, die sich Woche für Woche mit Phantasie und Einsatz abrackern, und erleben, wie die Gleichgültigkeit der Leute, der christliche Analphabetismus immer mehr zunimmt.

- Wir Prediger, wenn wir uns mit dem Bibeltext abmühen, mit der Angst im Herzen: ist das nicht alles schon hundertmal gesagt worden und ohne Wirkung geblieben?

- Ihr Konfirmanden, wenn Ihr insgeheim vielleicht hofft, daß der Konfi-Unterricht möglichst schnell vorbei geht, weil Ihr Euch nicht vorstellen könnt, daß Euch das was geben kann.

- Diejenigen unter uns, deren Leben durch einen unerklärlichen Schicksalsschlag plötzlich eine dunkle Wendung genommen hat und die nun aus der Traurigkeit nicht mehr herauskommen.

- Oder auch, über das Persönliche hinaus, die vielen verantwortlichen, engagierten Leute in Politik und Gesellschaft, die sich im Grunde oft ratlos fühlen, weil sie vor schier unlösbaren Problemen stehen, ihre Ratlosigkeit aber auf keinen Fall zugeben dürfen, weil sie von einer gnadenlosen Medienöffentlichkeit sofort als "führungsschwach" abgestempelt werden.

Wie gesagt: die graue, alltägliche Gottlosigkeit hat viele Gesichter.

So liegen auch bei uns Glaube und Resignation, Gottvertrauen und das Gefühl tiefer Gottverlassenheit enger beieinander, als uns das bewußt ist. Es stimmt ja nicht - und das lehrt uns dieser Predigttext -, was manche, die sich für sehr fromm halten, behaupten: daß Zweifel und Müdigkeit Einfallstore des Unglaubens seien. Martin Luther, der davon viele Lieder singen konnte, hat es besser gewußt. Er sagte gern: "Die Anfechtung macht den Christen." Wenn ihn dann, und das kam immer wieder vor, Zweifel und Depressionen überfielen, wenn er auf Zeichen Gottes hoffte und unter seiner Verborgenheit litt, dann half ihm die Erinnerung. Er erinnerte sich, indem er sich in solchen Momenten mit aller Sturheit einhämmerte: Bapticatus sum! Ich bin getauft! Die Taufe war für ihn ein ganz anschauliches, wertvolles Erinnerungsstück an die unzerstörbare Liebe Gottes - wie für einen Menschen der Ring am Finger die sichtbare, fühlbare Erinnerung an die Liebe des Partners ist. Und mit dieser beschwörenden Erinnerung an das Zeichen der Taufe, das durch nichts und niemanden mehr wegzumachen geht, hat sich Luther immer wieder aus seinen Dunkelheiten rausgezogen und neuen Glaubensmut gefaßt.

III.

Liebe Gemeinde, so versuche ich das zu verstehen, diesen scheinbar so widersinnigen, unvermittelten Umschlag von der erschütternden Klage über die totale Gottesfinsternis zu diesem Vertrauen auf die Güte und Barmherzigkeit Gottes, die nie an ihr Ende kommt. Es ist gleichsam wie ein Pfeifen im dunklen Wald, das das augenblickliche Elend öffnet für eine andere, bessere Zukunft, die im Moment noch überhaupt nicht sichtbar ist, die nur geglaubt werden kann. Das ist übrigens etwas sehr Jüdisches, das wir Christen zu wenig in unser Denken und Reden von Gott aufgenommen haben: dieses trotzige, unnachgiebige Beharren darauf, daß der Bund, den dieser Gott mit den Alten Vorzeiten geschlossen hat, nicht außer Kraft gesetzt, sondern aufrechterhalten bleibt. Gegen alle trostlose Gegenwartserfahrung.

So wird das Erleben, auch in demütigender Verschleppung in Babylon dennoch "nicht gar aus" zu sein, mehr als nur die Erfahrung, gerade noch einmal davongekommen zu sein. Es wird zum Bekenntnis: "Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende". Mit anderen Worten: Leben ist mehr als nur Überleben, Leben ist mehr, als wir daraus machen, wenn wir unsere Haut davonretten. Leben ist barmherzig geschenktes Leben, um es mit anderen nicht nur notgedrungen, sondern gerne leben zu können. Das gibt es ja: eine im ganz Alltäglichen manchmal zu spürende elementare Freude, da zu sein, trotz allem, was uns Angst macht, die wir nur staunend und dankbar als Gottes Güte erleben können. Fragen Sie sich doch einfach mal in den nächsten Tagen, an welchen Stellen mitten in aller grauen, alltäglichen Gottlosigkeit in Ihrem Leben solche Dankbarkeit bei Ihnen aufleuchtet. Ich bin sicher, jeder von Ihnen wird da etwas entdecken!

Freilich, die zweifelnde Frage, ob's denn wahr ist, die können wir nicht einfach mundtot machen. Nicht bloß 550 v.Ch., sondern auch 2011 n.Ch. spricht vieles, bei manchen geschlagenen Menschen wohl alles gegen die Wahrheit solcher Worte. Aber eines spricht für sie. Für die Wahrheit dieser unwahrscheinlichen Worte spricht, daß sie gerade von denen, deren Glaube dieses Buch der "Klagelieder" hervorgebracht hat, immer wieder in größter Dunkelheit, in den höllischen Vernichtungslagern der letzten Jahrhunderts, daß sie im Angesicht der Menschenschlächter gebetet wurden. Wir haben nicht das Recht, in die Gedanken dieser Gequälten nachträglich einzudringen. Aber wir sollen im Wissen darum, daß manche von ihnen auch mit dem Wort "Die Güte des Herrn ist's, daß wir nicht gar aus sind" auf den Lippen die Gaskammern betreten haben, diesen Text noch einmal mit anderen Augen lesen. Vielleicht erst recht mit erschrockenen Augen, daß so etwas möglich ist, daß das nackte Grauen und die biblischen Vertrauensworte einander nicht ausgeschlossen, sondern ertragen haben.

Liebe Schwestern und Brüder: gerade dann, wenn uns elend und erbärmlich ist, wenn wir mit dem Verfasser der Klagelieder rufen möchten "Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind" - gerade dann hat ein solcher Text seine Wahrheit zu bewähren. Wer dann sagen kann: "Die Güte des Herrn ist's, daß ich nicht gar aus bin", der ist trotz allem nicht mehr "draußen vor der Tür", sondern in Gottes Hand. Amen.