Predigt 17.Sonntag nach Trinitatis
16.Oktober 2011, Christuskirche Freiburg

Mk 9, 17-29
Warum können wir das nicht?


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

Zu Herrn K. kam ein Philosophieprofessor und erzählte ihm von seiner Weisheit.

Nach einer Weile sagte Herr K. zu ihm:
"Du sitzt unbequem,
du redest unbequem,
du denkst unbequem."

Der Philosophieprofessor wurde zornig und sagte:
"Nicht über mich wollte ich etwas wissen,
sondern über den Inhalt dessen, was ich sagte."

"Es hat keinen Inhalt", sagte Herr K.
"Ich sehe dich täppisch gehen,
und es ist kein Ziel,
das du, während ich dich gehen sehe, erreichst.
Du redest dunkel,
und es ist keine Helle,
die du während des Redens schaffst.
Sehend deine Haltung,
interessiert mich dein Ziel nicht."

Schonungslos geht dieser Herr Keuner vor, sowie Berthold Brecht ihn uns hier vorstellt. Selbst wer sonst nicht viel übrig hat für Philosophieprofessoren und ihre schöngeistigen Eskapaden, spürt wohl zumindest im hintersten Winkel seiner Seele ein kleines Unbehagen beim Zuhören dieses Gesprächs. Soviel ehrliches Feedback tut der Seele kaum gut. Herr Keuner hat ein hartes Urteil gesprochen. Das hatte der Gelehrte sich gewiss nicht von ihm erwartet, im Gegenteil. Er war schließlich gekommen, um Lob zu ernten für seine Weisheit. Stattdessen hatte er irgendetwas falsch gemacht. "Du redest dunkel,und es ist keine Helle,
die du während des Redens schaffst.", erklärt Herr Keuner. So kommst Du bei mir nicht ans Ziel.

Das Evangelium an diesem 17.Sonntag nach Trinitatis handelt von Enttäuschung und verfehlten Zielen gleich auf mehreren Seiten. Jesus kam gerade vom Berg der Verklärung herab. Dort oben war es den drei Jüngern, die mit ihm unterwegs gewesen waren, so gut ergangen, dass sie am liebsten den Alltag vergessen hätten. Doch der holt sie ganz schnell wieder ein und auch Jesus. Ein großer Streit erwartete die Rückkehrer. Ausgerechnet dort, wo Jesus seine Jünger zurückgelassen hatte. In seiner Abwesenheit hatte ein Mensch sich an diese um tatkräftige Hilfe gewandt: Worum es ging, erzählt uns das Markusevangelium im 9. Kapitel, Vers 17 folgende:

(9)17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht.19 Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!

Liebe Gemeinde,

wieso schafft der das und ich nicht? Wieso rackere ich mich Tag und Nacht ab und es kommt nichts dabei heraus? Diese Erfahrung gibt es. Menschen stoßen gleich dreimal an die Grenzen des Möglichen in dieser Erzählung. Da ist der Vater, der sich um sein Kind sorgt. Väterlich eben. Sein Sohn ist schwer erkrankt: Morbus sacerhieß die Diagnose, die man im Altertum stellte. "Morbus Sacer" - die heilige Krankheit also - nannte man die Epilepsie im medizinischen Sprachgebrauch auch in unserem Kulturbereich noch bis vor wenigen Jahrzehnten. Das Erscheinungsbild der Anfälle, das Halluzinationen einschließen kann,führte zu der Vermutung, dass hier eine Kontaktaufnahme mit den Göttern stattfand. Nicht so im frühchristlichen Glaubenshorizont. Hier sah man in der Ursache der Epilepsie ein Treiben von Dämonen. Hippokrates, der Arzt im Altertum schlechthin, hat eigens ein Buch über Epilepsie geschrieben: "Über die heilige Krankheit", in dem er gegen dem Mythos begegnen wollte, dass die menschliche Heilkunst nichts gegen sie auszurichten wisse.

Die Jünger jedenfalls taten ihr Bestes. Man war zu ihnen gekommen, weil sie etwas von der Kraft des Meisters in sich haben sollten. Vergeblich. Auch das kennen wir. Man glaubt sich in Besitz unendlicher Kräfte, läuft und rennt und will das Richtige tun, und dann läuft erst recht nichts. Es gibt Situationen im Leben, da stößt unser Laufen und Wollen an seine Grenzen.

Statt Lob, ernten auch die Jünger nur Schelte von Ihrem Meister Jesus.

Es steckt für alle Beteiligten recht wenig Evangelium in der Geschichte, die wir mitverfolgen und viel Scheitern. Jesus blickt auf den Jungen.

20 Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. 21 Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. 22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! 23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. 24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Auf einmal ist auch der Vater des Jungen gefordert. Seine ursprüngliche Intention war, den Sohn den Jüngern zu übergeben. "Macht ihr mal", war die Haltung, die er eingenommen hatte. Doch durch Jesu Eingreifen veränderte sich dies. Auf einmal wurde der Mann zum Mitspieler, er war gefragt. Jesus fordert ihn auf, den Tatbestand zu beschreiben. Der Mann tut dies willig. Doch seine Haltung verändert sich nicht."Mach Du mal", sagt er jetzt auch zu dem Meister. Auch das gibt es unter uns. Menschen, die immer die anderen machen lassen und sich schnell aus ihrer eigenen Verantwortung zurückziehen: Mach Du mal, Du kannst viel besser als ich vor anderen sprechen. Mach Du mal, Dir fällt es leichter, Du bist viel begabter als ich.

Jesus fordert in diesem Menschen jeden Menschen zum Glauben heraus. Du hast einen Glauben. Mach etwas daraus. Lass ihn nicht ruhen. Berufe dich nicht auf das, was andere für dich tun sollen. Es ist die Frage nach dem, was an uns Licht gibt, mit der das Evangelium uns hier konfrontiert.

Der Mann geht in sich selbst. Er sucht nach seinen Ressourcen und findet nichts. "Ich kann es nicht." "Es geht nicht." Und doch ist er jetzt vor die Tatsache gestellt, dass es auch an ihm liegt, ob sein Sohn wieder heil wird. Der Vater muss es sich eingestehen, bisher hat er immer auf Hilfe von anderer Seite gewartet. Es ist zum Brüllen, ja zum Schreien."Ich glaube; hilf meinem Unglauben!", fährt es aus ihm heraus. Was soll ich, was kann ich denn noch anderes tun? Hier hilft nichts als der Glauben an deine Macht.

Dieses Wort vom Glauben im Unglauben genügt, es schafft die Messerspitze an Klarheit, die weiterführt. Hier hilft nur die Macht, die im Glauben ruht. Hier kann nur Gott helfen. Die Hilfe, die nun gesucht wird, kommt von ihm. Die Geschichte kann nun auf ganz andere Weise ihren Lauf nehmen. Etwas hat sich verändert.

25 Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! 26 Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, sodass die Menge sagte: Er ist tot. 27 Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

28 Und als er heimkam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? 29 Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.

Und so schließt das Evangelium mit einer dritten Enttäuschung. Warum können wir das nicht tun? Die Jünger hatten wie gute und eifrige Lehrlinge versucht, dem Meister etwas nachzumachen. Doch es geht in unserem Leben nicht um Imitation, um ein Angleichen unserer Fähigkeiten, sondern es geht darum, sich Gott anzunähern im Suchen und Fragen, im Vertrauen auf seine Macht, nicht auf unsere. Es gibt unendlich viel, was wir in dieser Welt tun und richten könnten. Aber was nützt das alles, wenn wir es aus eigener Kraft und Weisheit tun und womöglich wie der Philosophieprofessor noch dafür bewundert werden möchten. Auch die bösen Geister im Evangelium haben viel Kraft. Wo wir zerstörerischen Kräften in unserem Leben begegnen, da helfen keine klug ausgedachten Strategien. Keine Intrigen oder politische Schachzüge, die sich zum Ziel setzen, den anderen Matt zu stellen. Da hilft kein Laufen und kein Rennen. Sondern nur ein Beten und Arbeiten. Und es bewahrheitet sich das Diktum: Wer viel arbeitet muss doppelt beten. Das Evangelium spricht von einer Macht, die heilt, die aufrichtet und neues Leben schenkt, eine Macht, die den Einzelnen zum Vertrauen herausfordert und ihn in seiner Hilflosigkeit befreit.Es erinnert uns in aller Dringlichkeit, dass nicht wir gemeint sind, in allem, was wir tun und lassen, sondern das an uns, was Licht gibt. Amen.

Lieder: EG 452, 1+2,5 / 179, 1+2 / 616 / 361, 1-4 (Melodie 351) / 321, 1 / EG 227, 1+2,4+5 / 179.3 / 457, 1,7-9