Liedpredigt zu "O Haupt voll Blut und Wunden"
mit der gleichnamigen Kantate von Max Reger

Angesichts der Liebe
Karfreitag - 6.April 2012
Christuskirche Freiburg


Gnade sei mit euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,

wenn Sie einen Menschen zeichnen, womit fangen Sie an? Ist es das Gesicht, malen Sie die Augen zuerst oder den Mund? Am Mund erkennt man nach allen Regeln der Kunst die Emotionen eines Menschen am deutlichsten, so heißt es. Ob er fröhlich ist, nachdenklich oder in Schmerzen. All das verraten uns seine Lippen und mehr noch. Ihre Farbe deutet daraufhin, wie sehr der Mensch am Leben oder Sterben ist.

Als Paul Gerhardt im Lied, dessen Strophen wir nachher in der Kantate hören und singen, das Bild des menschgewordenen Gottes malte, dem Menschen par excellence, Jesus am Kreuz, begann er mit dem Haupt voll Blut und Wunden. Aber wer von uns nimmt schon gern einen Sterbenden oder Toten als Sujet seiner Kunst?

Der Dichter und Kabarettist Hans Dieter Hüsch hatte mit dem Sterben keine Probleme. Als er selbst schon todkrank war, mit seinem Ende auf unausweichliche Weise konfrontiert, machte er seinem Publikum einen kühnen Vorschlag. Er sagte:

"Und so würde ich sie, meine Damen und Herren, liebe Freunde, gern begrüßen mit "Meine lieben Sterblichen!". Nicht traurig, bitter oder gar aggressiv! Aber es muss dahin führen, dass wir uns darüber klar werden: Eines Tages sind wir alle, wie wir hier sitzen, alt, älter, schwächer, kleiner und dann nicht mehr da. Das sollten wir wissen, und es sollte uns vielleicht auch freundlich, sogar heiter stimmen."

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Sterbliche also,

wenn Sie an Ihren Tod denken, was kommt Ihnen zuerst in den Sinn? Die Todesstunde selbst, der Zeitpunkt also, an dem sich der Gang in etwas anderes vollzieht, das sich unseren Sinnen noch nicht erschlossen hat? Oder ist es die Zeit des Sterbens, das Leiden, das auf Sie zukommen mag, die Angst vor Todesschmerzen, die Sie beschäftigt? Hans Dieter Hüsch sprach von Heiterkeit im Angesicht des Todes. Sein Programm, mit dem er auf Tour ging - wohl wissend, dass es sein letztes sein könnte - nannte er: "Wir sehen uns wieder." Ein deutlicher Hinweis darauf, was ihm Schwung gab als er ungeduldig unter seiner immer stärker zunehmenden Schwäche litt.

Eine bewundernswerte Haltung, wie sie nur ein Dichter und Poet annehmen kann. Allein schon der Gedanke an Tod und Sterben macht viele Menschen nervös. Hier ist etwas, das sich unserer Kontrolle entzieht. Fast schlimmer noch als der Gedanke an unser eigenes Ende ist es, wenn wir uns dem Tod eines anderen Menschen stellen müssen. Wie kann man mit jemandem sprechen, der mit der Diagnose leben soll, er habe nicht mehr viel Zeit zum Leben. Wie Sam, der 11jährige Junge aus Sally Nicholls Buch. Er und sein Freund Felix, der ebenfalls an Leukämie erkrankt ist, lassen sich von dem Gedanken, dass alles bald vorüber sein wird, nicht unterkriegen. Sie wollen alles über den Tod wissen und wie man unsterblich wird. Das Motto ihres Lebens lautet: Jede Minute zählt. Sobald sie sich darauf geeinigt haben, sind sie unaufhaltbar im Erproben neuer Möglichkeiten. Keine Frage ist mehr tabu. Aus ihrer Geschichte lernen wir, was uns hilft beim Gedanken an den Tod. Es ist ganz einfach: einen Gesprächspartner haben im Leiden. Einen zu haben, der uns nicht allein lässt. "Offene Gespräche tragen zur Sicherheit bei" - das ist die Erkenntnis aus mehreren Jahrzehnten der Hospizarbeit. Die große Kunst besteht darin, Fragen zu hören und aufzunehmen. Wir haben nicht alle Antworten auf das Leben und schon gar nicht auf den Tod. Doch wo wir lernen, mit den Fragen zu leben, die sich daraus ergeben, bleiben wir offen für das, was wir als Menschen nicht vorprogrammieren können: die Tatsache der Liebe.

Was hilft mir, wenn ich bald ganz am Ende bin?

Der gerade mal 60jährige Priester auf dem Krankenbett ist mir eindringlich in Erinnerung. Er erzählte davon, was in ihm vorging: "Immer habe ich für andere gelebt, immer geholfen, wo ich konnte und so gut ich konnte." Ausgerechnet am Kirchweihfest erlitt er einen Herzinfarkt. Wie er nun dalag, halb aufgerichtet und gestützt von mehreren Kopfkissen, sah er recht verloren aus. So gar kein Helfer mehr. Er dachte nach, wiederholte für sich selbst die Frage: Was hilft mir jetzt, wo ich doch immer der Helfende war?

Und dann begann er von der Mutter zu erzählen, die sechs Kinder großgezogen hatte. Jetzt war die jüngste Tochter schwerkrank geworden. Ganz unerwartet. Es war nicht sicher, ob die Therapie zielführend war und Heilung bringen würde. Der Priester war zutiefst davon berührt, was diese Mutter, eine einfache Frau, wie er sie nannte, ihrem Kind in der Stunde der Not mitteilen konnte: "Wir haben schon so viel gemeinsam erlebt, das schaffen wir auch noch." Es war kein Darüber-Hinwegsehen, kein Vertuschen der Ernsthaftigkeit der Lage, sondern das Angebot einer innigen, tiefen Solidarität, das Trost brachte: "Wir durchleiden das gemeinsam. Ich bleibe an deiner Seite, nicht-wissend, wohin der Weg führt."

Die Sehnsucht nach dem richtigen Gesprächspartner

Einen Gesprächspartner haben, einen, der uns und unserem Leiden ins Auge blicken kann, der uns ganz versteht, danach sehnte sich auch Tschingis Aitmatov, Schriftsteller und späterer Berater von Michail Gorbatschow. "In meiner Jugend habe ich mich oft über die alten Kirgisen im Dorf gewundert, die sich beklagten, dass sie niemand hätten, dem sie ihr Herz ausschütten könnten. Jetzt kann ich sie verstehen: die Sehnsucht nach dem richtigen Gesprächspartner. Früher oder später musste ich den Menschen finden, nach dem ich mich insgeheim sehnte, in dem ich mich selbst klarer und genauer erkennen könnte…".

Paul Gerhardt hatte den richtigen Gesprächspartner gefunden, das ist klar:

Erkenne mich, mein Hüter,
Mein Hirte, nimm mich an!
Von dir, Quell aller Güter,
Ist mir viel Gut's getan.

Welches Glück daraus spricht, hören wir seinem Lied an. Jeder Satz zieht uns hinein in die

heilsame Begegnung mit dem Menschen am Kreuz. So gar nicht ohnmächtig wirkt er mehr, so gar nicht verächtlich. Nicht nur Paul Gerhadt möchte neben dem Gekreuzigten stehen. Hier zeigt sich, was schon Martin Luther wusste und zur Verbreitung des christlichen Glaubens ausnutzte: Musik und Rhetorik sind verschwistert. Musik spricht noch mehr als das Wort die Affekte des Menschen an und dringt in sein Herz. "Denn nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Fröhlichen traurig, die Verzagten herzhaftig zu machen, die Hoffertigen der Demut zu reizen, die hitzige und übermäßige Liebe zu stillen und zu dämpfen, den Neid und Hass zu mindern", schreibt der Reformator.

Es müssen aufregende Zeiten für den Berliner Kantor Johann Crüger gewesen sein, als dieser den Liedern Paul Gerhardts begegnete. Er gilt als Entdecker des meisterhaften Liederdichters, der von Beruf Pfarrer lutherischer Prägung war. Auf die lutherische Konkordienformel war Gerhardt bei seiner Ordination vereidigt worden und ihr blieb er treu in einer Zeit innerevangelischer Streitereien. Als sein reformierter Kurfürst 1662 von seinen lutherischen Pfarrern die nötige Toleranz abverlangte, ihre Polemik auf der Kanzel gegen die Reformierten zu beenden, verweigerte Gerhardt seine Unterschrift. Er blieb unnachgiebig. Dafür nahm er sogar die Entlassung aus seiner Stelle im Jahr 1667 in Kauf. Es war nicht der erste Schlag in sein Gesicht. Zwischen 1657 und 1664 waren vier seiner Kinder gestorben. 1668, ein Jahr nach dem Verlust seiner Stelle, starb seine Frau an Tuberkulose. Gerhardt fand sich allein mit dem fünfeinhalbjährigen Söhnchen Paul zurück. Aus seiner späteren Zeit liegen uns keine Lieder mehr vor. Unter seinem Bildnis in der Lübbener Kirche, in der er nach seinem Tod 1676 begraben wurde, steht der Hinweis: Theologus in cribro Satanae versatus - ein im Sieb Satans gesiebter Theologe.

Auf Augenhöhe

Als Paul Gerhardt den leidenden Menschen Jesus zeichnete, begann er mit dem Haupt. Sein Passionslied "O Haupt voll Blut und Wunden" geht zurück auf das "Salve, caput cruentatum" eines Arnold von Löwen, von Beruf Mönch, Abt eines Zisterzienzerklosters seit dem Jahr 1240. 400 Jahre trennen ihn und Paul Gerhardt. 400 Jahre trennen uns von Paul Gerhardts Geburtstag. In seiner meditativen Betrachtung des leidenden Jesu am Kreuz unter dem Titel "Gegrüßet seist du Heil der Welt", begann der Abt, der in seinem Amt an der Spitze der Mönche stand, ganz von unten mit seiner Verehrung Jesu. Füße, Knie, Hände, Seite, Brust und Herz betrachtete er Blick für Blick.

Kühn und selbstbewusst lässt Paul Gerhardt dagegen uns singend, betend direkt ins Angesicht Jesus schauen. Wir bewegen uns recht modern auf Augenhöhe mit dem Menschen, der auch hier am Kreuz noch uns, die ihn dorthin gebracht haben, ein Ansprechpartner bleibt. Sein Leiden schlägt alles. Eine Frage jagt die andere in der zweiten Strophe:

Du edles Angesichte,
Davor sonst schrickt und scheut
Das große Weltgewichte,
Wie bist du so bespeit!
Wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht,
Dem sonst kein Licht nicht gleichet,
So schändlich zugericht't?

Die Sympathie des Betrachters ist unverhohlen. "Wer hat dir das getan, mein Freund", möchten wir mit ihm rufen. "Wo sind sie, die für dein Leiden verantwortlich sind? Wer kann so grausam und so unverständig sein, dass er das Liebste auf der Welt missbraucht und zerstört?" Es gibt nur eine ehrliche Antwort, Paul Gerhardt weiß es. Er muss nicht fragen und spricht es aus - Ich war's. Und in diesem Ich findet sich die ganze Menschheit wieder.

Ich habe mich beteiligt, als über den Arbeitskollegen gehetzt wurde, als er fertig gemacht wurde durch Spitzfindigkeiten und Unterstellungen. Ich sehe zu wie Menschen unter harten wirtschaftlichen Bedingungen jenseits ihrer Existenz getrieben werden in die Verzweiflung und Ausweglosigkeit. Ich schwieg, als man immer neue, immer gefährlichere Waffen herstellte, um Völker zu befähigen, sich durch Einschüchterung zu verteidigen. Weshalb sollte es mich kümmern, wenn man weit entfernt von meiner Stadt, meinem Dorf mit diesen Waffen aufeinander losgeht?

Jetzt ist keine Zeit für falsche Selbstbezichtigungen, um Mitleid zu erregen und sich der eigenen Verantwortung für begangene Taten zu entziehen, da ist kein Raum, um sich mit Schuld zu brüsten, um Aufmerksamkeit und somit eine verquere Form von Liebe zu erhaschen.

…mit dem entwaffnenden Gott

Im Angesicht des leidenden Jesu ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen und doch umfasst, was hier geschieht das ganze Weltgeschehen. Was hier beredet wird, betrifft jeden Menschen ganz persönlich im Zwiegespräch mit dem Einen, der weiß wie es um den Menschen steht.

Jesus am Kreuz gibt dem Betrachter seine Stimme zurück, er lernt, zu sich zu stehen, er erkennt sich zugleich als den, der an sich selber leidet und somit andern Menschen Leiden zufügt.

Damit wir uns ihm nähern, so wie wir sind, ungeschmückt und unverziert mit Ausreden und Selbstverteidigungen jeglicher Art, geht Gott den Weg der Ohnmacht ans Kreuz. Er lässt sich entwaffnen, um uns die Angst vor sich und uns zu nehmen. Und wie unheimlich können wir uns sein, wenn wir uns einem falschen Ziel verschreiben. Erst wenn wir aus freien Stücken ans Kreuz treten, werden wir fähig, die Kraft zu spüren, die vom Gekreuzigten ausgeht. Erst wenn wir aus unseren Panzer heraussteigen, merken wir es: Er spricht uns nicht schuldig, er spricht uns frei.

Ich lag in schweren Banden,
Du kommst und machst mich los;
Ich stund in Spott und Schanden,
Du kommst und machst mich groß
Und hebst mich hoch zu Ehren
Und schenkst mir großes Gut,
Das sich nicht lässt verzehren,
Wie irdisch Reichtum tut.

Jemand nimmt mir etwas ab, leidet für mich, das beschämt und beglückt mich zugleich. Ich kann es nicht zurückzahlen, so sehr ich auch möchte. Und ich brauche es auch nicht. Ich bin Gott nichts schuldig. Am Kreuz ist es aus mit diesem Denken, als müsste ich etwas wieder gut machen. Endlich ist Schluss mit dem protestantischen Leistungsgedanken.

Müde gemacht habe ihn das letzte Jahr, sagte Hans Dieter Hüsch auf seiner Tournee, ungeduldig mit wachsender Schwäche, aber noch heiterer. Der Titel seiner Biographie greift diesen Geist der Freude auf in der Frage: Was machen wir hinterher?

Für Paul Gerhardt ist der Weg klar. Er besteht im Bleiben:

Ich will hier bei dir stehen,
Verachte mich doch nicht!
Von dir will ich nicht gehen,
Wenn dir dein Herze bricht;
Wenn dein Haupt wird erblassen
Im letzten Todesstoß,
Alsdann will ich dich fassen
In meinen Arm und Schoß.

Karfreitag ist nicht dazu geschaffen, in sich zu gehen. Paul Gerhardt zeigt es uns in zehn Strophen: von Gottes Liebe sollen wir uns anrühren lassen und so den Weg der Liebe nachvollziehen. Mit keiner Silbe spricht er von unseren guten Taten, von unseren Verdiensten, es gibt keine. Unser Engagement ist nicht der Rede wert. Was dem Menschen bleibt und nicht genommen werden kann, ist die wechselseitige und innige Beziehung mit Jesus als dem richtigen Gesprächspartner, dem Freund in der größten Not und schließlich im Sterben und Tod.

Eine Krankenschwester bemerkte in ihrer langjährigen Arbeit im Hospiz, dass es immer wieder dieselben fünf Dinge waren, die Sterbende am Ende ihres Lebens, wenn sie die Dinge klarer sehen, am meisten bedauern:

Erstens: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, so zu leben, dass ich dem gefolgt wäre, wozu ich bestimmt war, anstatt so zu leben, wie es von mir erwartet wurde

Zweitens: Ich wünschte, ich hätte nicht so hart gearbeitet

Drittens: Ich wünschte, ich hätte gelernt, meinen Gefühlen Ausdruck zu geben

Viertens: Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben

Fünftens: Ich wünschte, ich hätte es mir gegönnt, glücklicher zu sein

An Karfreitag hat Gott alles getan, unserem Bedauern ein Ende zu setzen. Wenn wir auch in unserem Leben müder werden, haben wir den richtigen Gesprächspartner gefunden, der uns heiterer macht. Amen.

Lieder:

EG 88, 1, 2 (Chor), 3 Jesus, deine Passion

EG 23, 5, 6, 7 Gelobet seist du, Jesus Christ

EG 85, 1, 9+10 als Teil der Kantate, O Haupt voll Blut und Wunden, Max Reger,

EG 84, 1-4 (2+4 Chor, Satz: J. S. Bach aus der Matthäuspassion)

EG 397, 1+2, 3 (Chor, Satz J. S. Bach aus der Johannespassion) Herzlich lieb hab ich dich