Lieder beim Staubsaugen - Predigt über 1. Samuel 2, 1-2.6-8a
Ostersonntag - 8.04.2012, Christuskirche Freiburg


Liebe Schwestern und Brüder!

Sie sehen mich heute, am Festtag der Christenheit schlechthin, etwas verlegen auf der Kanzel. Die Ordnung unserer Predigttexte gibt uns für diesen Ostertag 2012 einen Text aus dem Alten Testament vor - wo so etwas wie Auferstehung von den Toten nur verhalten an wenigen Rändern anklingt. Schon das stellt einen gewissenhaften Theologen vor Schwierigkeiten. Der Inhalt unseres Predigttextes macht die Sache aber - jedenfalls für mich - noch vertrackter. Er ist das Lob- und Danklied einer auf ihre nicht mehr ganz taufrischen Tage doch noch Mutter gewordenen Frau. Durch ihren Gesang braust der Jubel über das alles Begreifen sprengende, unverfügbare Geschenk des Lebens.

Nun kann man da mit etwas Phantasie sich einiges Gleichnishafte zu dem ausmalen, was Ostern ist. Aber wir leben ja in einer Zeit mit einem hohen Anspruch an "Authentizität". Als glaubwürdig gilt nur, wer das, wovon er redet, auch selber erlebt hat oder es doch grundsätzlich erleben kann. Das aber ist im Blick auf die Sache, von der unser Predigttext handelt, für mich aus naheliegenden Gründen unmöglich. Also müßte eigentlich unsere Pfarrerin, mit Mutterfreuden wohlgesegnet, hier stehen und uns authentisch nahebringen, was die Hanna bewegt hat. Aber ach, meine liebe Kollegin steht nicht auf, sondern sitzt unter der Kanzel und lacht fröhlich. Offenbar nicht ohne Vergnügen, daß nicht sie, sondern ich jetzt über Mutter- und Osterfreuden meditieren muß. Wir wollen es ihr nicht verargen. Nirgendwo steht geschrieben, daß nicht auch am Heiligen Ostertag Schadenfreude eine besonders schöne Freude ist. J

I.

Wie auch immer: daß ein Mann (der es nicht mal selber zu Vaterfreuden gebracht hat) über das Jubellied einer frischgebackenen Mutter predigt, das bleibt ein bißchen verkehrt. Doch nun ist es das Spannende, daß wir schon damit, mit dieser Verkehrung des Gängigen, in einer sehr österlichen Situation sind. Ostern: das ist zunächst einmal vor allem tiefgründigen Bedenken dessen, was das große Wort "Auferstehung" eigentlich meint, die Fassungslosigkeit über die Umwertung aller Werte, das Außerkraftsetzen und Sprengen all dessen, was uns die ehernen Gesetze und Ordnungen des Daseins sind. "Der Herr macht arm und macht reich, er erniedrigt und erhöht. Er hebt den Dürftigen und den Armen aus Staub und Asche, daß er ihn setze unter die Fürsten". Diese Worte aus Hannas Jubellied klingen nicht zufällig wie eine alttestamentliche Ouvertüre zum Magnificat, dem Lobgesang der schwanger gewordenen Maria. Damit hebt seismographisch schon etwas an von dem, was am Ostertag offenbar wurde. Alles Gängige wird auf den Kopf gestellt, die Verhältnisse kommen zum Tanzen. Und wenn das so ist, dann darf wohl auch ein kinderloser Mann das Danklied einer Frau nach der Geburt auslegen.

Wie eingangs gesagt: das Alte Testament weiß von Ostern noch nichts und von Auferstehung nur ganz marginal. Dafür aber ist es überaus österlich, daß wir heute der Spur einer Frau folgen. Denn es sind ja Frauen, die uns auf den österlichen Weg bringen. Sie kennen ja den Macho-Kalauer, den man freilich durchaus auch frauenfreundlich deuten kann: Warum überhaupt ist das Christentum entstanden? Weil die ersten Zeugen der Auferstehung Frauen waren! So oder so, Tatsache ist jedenfalls, daß es schon bald nach dem ersten Tag der neuen Woche unter den Jüngerinnen und Jüngern heißt: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden. Frauen als Wegweiser zum Auferstehungsjubel. Frauen gewinnen als erste einen neuen Blick auf unsere Welt: in dem Hoffnung mehr Raum gewinnt als Schwermut, Dank größer wird als Klage.

Ostern 2012 erinnert uns an eine vorösterliche Frau: an Hanna, die nach dem Bericht des 1. Samuelbuchs Hunderte von Jahren vor der Auferstehung Christi eine ganz persönliche Auferstehung erlebt. Nach langen Jahren, in denen sie unter ihrer Kinderlosigkeit gelitten hatte, wird ihr erster Sohn Samuel geboren. Durch diese Geburt verändert sich für Hanna die Welt. Sie hatte sich schon alt und welk werden sehen. Nichts würde von ihr bleiben ohne Nachkommen, kein Gedanke, kein Wort, kein Name. Im Alten Israel war man ohne Nachkommenschaft ein Nichts, verachtet. Aber dann kommt doch noch wider alles Erwarten das so lange vergebens ersehnte Kind. Wie das zustande gekommen sein mag, interessiert Hanna nicht. Was sie besingt, ist Gott. Auf ihn allein, als Geber aller Gaben, als Ursprung des Lebens führt sie ihre Freude zurück: "Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn".

Hannas Jubel über ihr Kind und die Osterfreude über das Geschenk neuen Lebens lassen einen erschrecken über die Zahl der Mütter und Väter, die das Leben nicht annehmen können und ein Kind abtreiben lassen. Ihre Angst ist zu groß und ihr Vertrauen zu klein, in dieser Welt ein Kind großzuziehen. Die Osterbotschaft rüttelt dazu auf, alles Menschenmögliche zu tun, damit das Leben den Vorrang erhält vor dem Tod und ein neuer Blick auf das Aufwachsen von Kindern in unserer Welt Raum gewinnt. In Hannas Leiden spiegelt sich das Leiden vieler Frauen von heute, die kinderlos geblieben sind. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die einen finden nicht den richtigen Partner; die anderen haben den Kinderwunsch angesichts der Anforderungen in Ausbildung und Beruf und der hierzulande immer noch empörend familienfeindlichen Arbeitsbedingungen zunächst zurückgestellt - und plötzlich merken sie schmerzlich, wie ihnen die Erfüllung dieses Wunsches versagt wird. Wieder andere entscheiden sich schweren Herzens von vornherein gegen Kinder, weil sie bei so viel Zeit und Geld, die sie in eine hochqualifizierende Ausbildung investiert haben, den berechtigten Wunsch nach Karriere haben, die aber hierzulande mit Kindern nur solchen möglich ist, die finanziell sich eine Rundumfremdbetreuung leisten können.

II.

Von Hanna heißt es lapidar: "Sie hatte keine Kinder". Der Verlauf der Erzählung legt nahe, dass dies biologische Ursachen hatte. Doch ihr Kinderwunsch bleibt ungebrochen und ihre Verzweiflung entsprechend groß. Sie klagt, und sie betet zu Gott. "Not lehrt beten", sagt der Volksmund. Das klingt oft abschätzig. Bei manchen scheint Schadenfreude darüber aufzukommen, dass ein Mensch sich wenigstens in der Not so an Gott wendet, wie das eigentlich auch sonst sein sollte. Doch Beten ist weder eine moralische Pflichtübung noch ein heimlicher Gottesbeweis. Wer betet, legt die Sorge, die ihn quält, aus den eigenen Händen. Wer betet, gewinnt einen neuen Blick auf sein Leben, weil er weiß, daß er sein Leben nicht aus eigener Kraft meistern, verantworten muß. Aber Beten versteht sich nicht von selbst. Es muß gelernt werden. Nur wer einmal beten gelernt hat, dem wird es auch in der Not zur Verfügung stehen. Deshalb ist es so wichtig, dass in den Familien gebetet wird, daß unsere Kinder beten lernen und wir Erwachsene es nicht verlernen. Als der berühmte Philosoph Karl Jaspers im Alter gefragt wurde, warum gerade er, der so viel über die Transzendenz nachgedacht habe, kein Christ sei, gab er die entwaffnende Antwort: "Niemand hat mich beten gelehrt". Das kann man sich nicht oft genug vor Augen führen: Eltern, die mit ihren Kindern nicht beten, bleiben ihnen elementar Wichtiges schuldig.

Und Hanna macht nun die überwältigende Erfahrung, daß ihr Gebet nicht ins Nichts hinein gesprochne war. Gott tut das Unerwartete, tut Wunder. Seht hier meinen Sohn: ich habe ihn ausgetragen und geboren. Wißt ihr, was das ist? Heute, bei euch, wäre ich vom Labor zur Klinik und von der Leihmutteragentur zum Klonpezialisten hin und her gelaufen, wäre Versuchskaninchen und Zellenlieferantin geworden. Und am Ende wäre dann vielleicht ein Kind herausgekommen als ein technisches Produkt mit geplantem Geschlecht und im Voraus festgelegter Haarfarbe. Merkt ihr's? Wenn Gott keine Wunder tut, dann sinken wir ab in die Armut bloßer technischer Vorgänge, in die Knechtschaft von Industrie und Produktion.

Nun aber hat Gott das Unerwartete getan, hat ein Wunder gewirkt. Denn ihm gehöre ich und die Erde und alles, was ist, und er verfügt über alles und richtet es nach seinem Wohlgefallen. Ihr tut mir leid! Ihr richtet euch nach Berechnung und Plan und Machbarkeit und seid damit euch selbst ausgeliefert und dem Belieben von Idioten, die aber gefährlich sind, weil sie Macht haben. Ich aber vertraue Gott und gründe in ihm. Er hat die Erde bereitet und ist heilig, er allein, und er hat mein Leben verwandelt. - Ein Tedeum wird hier angestimmt, ein "Großer Gott, wir loben dich" in früher Gestalt. Wie Maria später im Magnificat, so macht Hanna Gott groß. Es ist derselbe Geist, der diese beiden sehr verschiedenen Frauen beseelt. Er greift hoch, bis zum Himmel.

III.

Umso erstaunlicher, daß dieses himmelhoch jauchzende Lied dennoch ganz auf der Erde bleibt, daß der Schmerz nicht vergessen und das Leid nicht weggedrückt wird. Erniedrigung, Armut, ja Tod: all das, was einem den Himmel wie zugemauert erscheinen läßt, wird mit Gott in Verbindung gebracht. "Der Herr macht arm und macht reich, er erniedrigt und erhöht." Und noch stärker der Satz: "Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf." Indes, da können einem die Worte im Hals stecken bleiben. Gut und Böse nicht verteilt auf Gott und Teufel, sondern in den einen Gott hineingelegt. Wenn er der Grund aller Dinge ist, dann kann er auch von dem Abgründigen, Unsäglichen nicht einfach ausgeklammert werden.

All das klingt an in Hannas Lied. Wir dürfen uns seine Töne nicht wie eine Mozartarie, sondern eher dissonant, zumindest aber wie eine Mahler-Symphonie vorstellen. Liebe Gemeinde, daran sehen wir, daß "Ostern" ohne "Karfreitag" nicht zu haben ist! Denn in diese Reihe der Dissonanzen gehört auch Jesus am Kreuz. Gott läßt ihn sterben, elend zugrunde gehen. Man hat Jesus zu Grabe getragen: an jenen letzten, einsamen Ort, auf den wir alle zugehen und wo man uns schließlich hinträgt, ohne daß wir von dort wieder wegkommen. Gott und Tod geraten an Karfreitag so intensiv an- und ineinander, daß das Nichts und das Sein, das Böse und das Gute kaum noch zu unterscheiden sind. Das ist die unerklärlich dunkle Seite Gottes. "O große Not, Gott selbst ist tot", heißt es in einem alten Karfreitagschoral. Da ist nichts in Frage zu stellen.

Eines aber ist in Frage zu stellen: ob nämlich Jesu Tod das letzte Wort in seiner Geschichte ist. Auferstehung bedeutet, daß eben nicht der Tod, sondern Gott das letzte Wort in der Geschichte Jesu gesprochen hat - und deshalb auch in unserer Geschichte das letzte Wort sprechen wird. Und zwar ein gutes, ein bejahendes, ein lebendig machendes Wort. In Hannas Lied klingt das bereits unüberhörbar an. Am Ende jeder Zeile steht die positive Aussage: Wenn Gott denn tötet, so macht er erst recht lebendig. Wenn er denn hinabführt zu den Toten, so bringt er erst recht wieder herauf. Wenn er denn erniedrigt, so steht am Ende das Erhöhen. Wenn denn Menschen auf der Schattenseite des Lebens stehen, so werden sie schließlich einen Ehrenplatz bekommen.

IV.

Beim Sinnieren über unseren Predigttext kam mir plötzlich eine skurrile Erinnerung an meine Kindheitstage. Unsere Eltern hatte lange Jahre eine Zugehfrau, die die seltsame Angewohnheit hatte, beim Staubsaugen laut und ausdauernd zu singen. Das ist eine beachtliche Energieleistung, denn ein Staubsauger heult und rauscht, er macht auf sich aufmerksam, als wolle er sagen: Staub ist überall, unter den Betten und auf den Regalen, unter dem Teppich und auf den Lampen. Nichts ist so verläßlich wie der in Windeseile wiederkehrende Staub. Ein Staubsauger wird nie arbeitslos, er kann heulen und sein altes Lied singen. Es lautet: "Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staub." Tausendfach wiederholt. Es ist eine Beerdigungsformel: Du bist Erde und sollst zur Erde werden, du Pflanze, du Tier, du Mensch. Diese Wahrheit, die wir so gekonnt verdrängen, daß wir unentrinnbar vergehen: der Staubsauger heult sie uns unbeirrt in die Ohren.

Wie gesagt, bei unserer Putzfrau kam zu dem unablässigen Jaulen des Geräts fröhlicher Gesang hinzu. Ein seltsames Duett, das da ertönte, die Stimmen kämpften miteinander. Was könnte man bei solcher Tätigkeit singen? Staubsaugerlieder gibt es wohl nicht. Aber Frühlingslieder würden passen. Oder jetzt zu Karfreitag und Ostern: "Ich weiß, daß mein Erlöser lebt". Wäre das ein Mißbrauch dieses schönen Händel-Gesangs? Das ist wirklich eine Gegenmelodie: "Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er mich aus dem Staub erheben" (Hi 19,25) - sagt der geschlagene Hiob an einem absoluten Tiefpunkt seiner Existenz. Auch Hanna singt ihr Lied gegen den Staub: "Gott hebt den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche.

Dieser Gesang spinnt sich fort in unseren Osterliedern. Die sind allesamt Spott- und Protestlieder gegen den Tod und alle tödliche Gesinnung auf Erden. Er, der Auferstandene, "reißet durch den Tod, / durch Welt, durch Sünd, durch Not, / er reißet durch die Höll, / ich bin stets sein Gesell" (EG 112,6) - dichtet Paul Gerhardt in seinem herrlichen Osterchoral, den wir jetzt singen. Dasselbe so ausgedrückt: Der nervige, laute Heulton des Staubsaugers bleibt uns erhalten. Doch darüber erheben sich die schönen Melodien, als jubelnde Oberstimme über dem dumpfen Getöse. Ein schönes Gleichnis: Der Ton der Vergänglichkeit wird durchdrungen - und manchmal, in seltenen, österlichen Momenten sogar übertönt vom Gesang des Lebens.

Das wäre für dieses Mal mein österlicher Tipp für Sie: Singen Sie doch mal beim Staubsaugen, und Sie kommen ganz von selbst, mitten im ganz Alltäglichen auf die Spur der Auferstehung! Ja, Christus ist auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Halleluja!

Amen.

 

Lieder: 99 / 107,1-3 / 117,1-3 / 112,1+4-6 / "Christ, der Herr, ist heut erstanden"