Keiner glaubt für sich allein - Predigt über 1. Korinther 15, 50-58
Ostern - 9.04.2012, Christuskirche Freiburg


Liebe Schwestern und Brüder!

"Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus." Wie ein Fanfarenstoß als Ankündigung eines Triumphmarschs in einer Verdi- oder Wagneroper klingt die österliche Freudenbotschaft an diesem Ostertag 2012 auf. Paulus weiß gut, an welchen Stellen auch ein Christ und ein so unbeirrt auf das Kreuz zentrierter Theologe wie er nicht klein, sondern ganz groß und hochgemut denken und reden muß. Aber diese große Botschaft will nicht nur gehört werden. Sie will einziehen in unsere Herzen und Sinne. Wie gut, daß uns die Ostertage Zeit und Raum dafür geben. Sie unterbrechen unsere alltägliches Getriebe und führen uns zu der Frage nach dem, was unser Leben wesentlich ausmacht und trägt.

I.

In Liedern, Gebeten und Bildern ist die biblische Antwort auf diese Frage aufgehoben. In ihnen geben wir unseren Glauben von Generation zu Generation weiter. Unsere Vorfahren lassen uns mit unseren Fragen nicht allein. Es wäre schlimm, wenn man nur noch sagte, was man selbst meint, sagen und verantworten zu können. Dieser Zwang zur sog "Authentizität", zum immer neuen Erfinden seiner selbst ist ein Grundübel des Protestantischen. Und noch schlimmer wäre es, wenn wir, was wir empfangen haben, denen nach uns nicht weitergäben.

Manchmal fällt es uns leichter, für die Menschen zu glauben, die wir lieben, als für sich selbst. Bisweilen lassen wir die Geschichten von der ultimativen Niederlage des Todes für andere eher gelten als für uns selbst. Die Anderen brauchen es, daß wir für sie glauben. Aber wir brauchen es auch, daß andere für uns glauben. Deshalb wurde Paulus nicht müde, die Gemeinden, die er gegründet hatte, an seinem Glauben Anteil nehmen zu lassen. So entstanden seine Briefe, auch der an die Korinther, der uns heute in unserem Nachdenken leitet.

Was für ein Glück, daß wir an jedem Sonntag im Gottesdienst miteinander der Auferstehung gedenken und dabei erfahren, daß wir mit unserem Glauben nicht allein sind. Wie gut auch, daß niemand von uns allein für den Glauben an die Rettung des Lebens in Christi Auferstehung einstehen muß. In der versammelten Gemeinschaft der Glaubenden läßt sich erleben, daß wir unser Licht an der Osterkerze entzünden können. So entsteht ein Glanz, der die Finsternis vertreibt. Wie gut, daß uns dafür zwei österliche Tage gegeben sind. Sonst ginge Ostern zu schnell vorbei. Ausgerechnet den USA, dem vielgepriesenen, tief christlichen Land, scheint man das kaum zu wissen. Kein Karfreitag, kein Ostermontag - Ostern ist in Windeseile vorbei. Ob wir hierzulande überhaupt wissen, wie gut wir es haben, daß wir uns Zeit dafür nehmen können, unsere Hoffnung in der Auferstehung Christi zu bergen?

Im Alltag haben wir viel zu tun. Selbst hier, in unserem angeblich beschaulichen badisch-alemannischen Klima leben wir mit manchmal irrsinnigem Tempo. Viele Fragen treiben uns um. Im Lauf der letzten 20 Jahre fanden sich weltweit über vier Milliarden Menschen neu in die globalisierte Wirtschaft einbezogen. Das ist mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung - Menschen, die vorher abgeschottet gelebt haben. Die Zeiten, in denen die USA, Japan und Westeuropa den Welthandel weitgehend unter sich aufteilten, sind längst passé. China und Rußland, Indien und andere sog. Schwellenländer wollen im globalen Getriebe mitspielen und die Spielregeln mitbestimmen. So tiefgreifende Veränderungen bleiben nicht folgenlos für unser Leben.

II.

Gleichzeitig nehmen wir eine subkutan schon lange sich anbahnende Veränderung wahr. Bis 1989 wurde sie vom Ost-West-Konflikt überlagert, danach jahrelang von den Herausforderungen durch die Wiedervereinigung. Spätestens seit 10 Jahren aber kann niemand mehr das große Thema übersehen, das in unserem Verhältnis zum Islam liegt. Da hatte der ehemalige Bundespräsident schlichtweg Recht: diese große Weltreligion gehört heute auch zu Deutschland. Immer stärker spüren wir das zähe Ringen darum, was diese Veränderung für das Verständnis unserer Kultur und unserer Beheimatung bedeutet. Welche Konflikte uns hier noch bevorstehen, wird zuweilen deutlich an sog. "Ehrenmordprozessen" und auch an manchen Urteilen, die dort gefällt werden und die unser Rechtsempfinden irritieren. Solche Vorgänge sind der Integration nicht förderlich und lösen Fremdheitsgefühle aus.

Mit Sorge nehme ich wahr, wie sich bei mehr und mehr Menschen eine dumpfe Angst vor dem Islam ausbreitet. Wir dürfen das nicht verstärken. Aber wir dürfen es auch nicht ignorieren, sondern müssen es ernst nehmen. Sonst werden wir mitschuldig daran, wenn immer mehr anfällig für sog. Islamfeindlichkeit werden, wie sie eine unheilige Allianz aus politisch Rechten und christlichen Fundamentalisten z.B. in widerwärtigen Internetforen schürt. Die gerade unter uns protestantischen Gutmenschen, stets um politische Korrektheit bemüht, verbreitete Neigung, uns pseudo-intellektuell über die Ängste anderer vor dem Islam zu erheben und über solche "voraufgeklärten" Gemüter uns zu mokieren, finde ich unverantwortlich.

Wer versucht, sich im Islam kundig zu machen, stößt auch darauf, daß ein Moslem sein Leben lang gute Werke tun muß, um ein Anrecht auf ein Leben nach dem Tod zu erwerben. Eine Garantie indes gibt es nicht, so heißt es; denn alles hängt an der souveränen Entscheidung Allahs. Und die falle erst am Jüngsten Tag. Manche freilich lehren noch andere Wege, sich eine Eintrittskarte für das Paradies zu verschaffen. Etwa die, im Kampf gegen die "Ungläubigen" zu sterben. Wer so stirbt, heißt es, muss nicht bis zum jüngsten Tag warten; er kommt umgehend ins Paradies. Die Bestattungsrituale bezeugen diesen Unterschied. Im Normalfall wird ein Toter gewaschen und in besonderes Leinen gehüllt. Ein Dschihad-Kämpfer hingegen wird so begraben, wie er im Kampf gestorben ist. - Solche Verfügungsansprüche über Gottes letztes Urteil sind uns fremd. Es gehört zum eisernen Bestand reformatorischen Glaubens, daß kein Mensch sich Gottes Gunst irgendwie erarbeiten kann. Kein Mensch erreicht von sich aus Unsterblichkeit.

In gewisser Weise hat unser Predigttext eine vergleichbare Frontstellung vor Augen. Er kommt aus dem großen Auferstehungskapitel des 1. Korintherbriefs, einem Gipfel paulinischer Theologie und Sprachkunst. Der Apostel setzt sich dort mit Menschen auseinander, die die Auferstehungsbotschaft als Heilsgarantie für sich in Verfügung nehmen wollen. Ewiges Leben, sagen sie, sei nur denen verbürgt, die bei der Wiederkunft Christi noch am Leben, also deren authentische Zeugen sind. Wer dagegen schon davor, noch in der alten Welt gestorben ist, hat nach dieser "Logik" auch keinen Anteil an der Auferstehung. Diese grausame Logik mußte die Gemeinde zu Korinth spalten: in vermeintliche Winner und sichere Looser. Nach dieser Logik würden sich alle Generationen seitdem auf der Seite der Looser, der Heilsverlierer finden. Und zwar bis zum Ende der Zeiten. Also wären auch wir Heilsverlierer.

Paulus erinnert die Gemeinde an das Evangelium, dessen Glanz ihn einst vor Damaskus vom Pferd stürzen ließ und dessen Wahrheit sein ganzes Leben auf den Kopf stellte. Er tut dabei nicht mehr als einfach das Empfangene weitergeben: "Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben und ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift." Nun stehen wir in der Kette derer, die von unseren Eltern, oder beeindruckenden Menschen, die uns zu Vorbildern wurden, das Evangelium empfangen haben. Es liegt an uns, ob wir in unserem Alltag Gott die Treue halten und etwas vom Glanz des Evangeliums ausstrahlen. Das tun wir aber nur, wenn wir dieses Evangelium auch für die anderen gelten lassen. Die Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod gilt allen. Der auferstandene Christus bürgt für den Willen Gottes, "daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen" (1. Tim 2,4).

III.

Das hat Paulus im Blick auf seine Korinther zutiefst umgetrieben. Die Auferstehung Jesu Christi haben sie keineswegs bestritten. Im Gegenteil. Sie haben groß davon gedacht und geredet - aber ihr Reden und Denken darüber nur auf sich selbst bezogen, auf die eigene zu rettende Seele. Die Angst der anderen, der Zukurzgekommenen kennen sie nicht. Sie denken nur an sich, das Hemd ist ihnen immer näher als der Rock. Zumindest in dieser Hinsicht sind auch wir mindestens kleine Korinther. Wieviel kleinteiliges, manchmal auch kleinkariertes Kirchturmdenken gibt es landauf, landab in unseren Gemeinden! Man ist nur bewegt von der Angst um die eigene Gemeinde und ihre sog. Besitzstände. Da schaue ich oft wehmütig zu den katholischen Mitchristen hinüber. Die haben, was uns so schmerzlich fehlt: ein Körpergefühl für die Kirche als Leib Christi. Sie wissen, daß Kirche mehr ist das die Gemeinde vor Ort, mehr als dieser Kardinal und jene päpstliche Verlautbarung. Freilich bilden wir Protestanten in unserer Verfassung getreu den Mainstream unserer Gesellschaft ab. Unter manchen wunderbar klugen Sätzen, die unser neuer Bundespräsident in den letzten Wochen gesagt hat, hat mich einer besonders bewegt. Joachim Gauck sagte: "Wenn ich auf die Mentalität vieler Menschen bei uns blicke, bekomme ich den Eindruck, der erste Satz unseres Grundgesetzes sei umgeschrieben worden. Statt 'Die Würde des Menschen ist unantastbar' heißt es inzwischen offenbar: 'Der Besitzstand des Menschen ist unantastbar'". - Ich fürchte, da hat der Bundespräsident sehr Recht. So aber verspielen wir als Kirche unsere Zukunft.

Paulus jedenfalls ist überzeugt, daß mit der Auferstehung Jesu Christi eine Bewegung in die tödliche Starrheit der Welt gekommen ist, die nicht mehr aus ihr wegzukriegen ist. Begreift ihr nicht, daß Ostern keine Privatsache ist? Ostern betrifft die ganze Welt. "Wär' er nicht erstanden, / so wär' die Welt vergangen" (EG 99). Ohne die Auferstehung des Gekreuzigten bliebe die Welt, was sie ist: alt, und immer mehr veraltend. Inmitten dieser Todeswelt, in der Auferstehung des von ihr Gekreuzigten, hat Gottes Kampf gegen den Tod in seinen vielen Gestalten begonnen. Und dem kann nur eine zupackende, offensive Sprache ent-sprechen. Das hat Paulus gespürt.

Dietrich Bonhoeffer hat das so formuliert: "Der auferstandene Christus trägt die neue Menschheit in sich, das letzte herrliche Ja Gottes zum neuen Menschen. Zwar lebt die Menschheit noch im Alten, aber sie ist schon über das Alte hinaus, zwar lebt sie noch in einer Welt des Todes, aber sie ist schon über den Tod hinaus, zwar lebt sie noch in einer Welt der Sünde, aber sie ist schon über die Sünde hinaus. Die Nacht ist noch nicht vorüber, aber es tagt schon."

Liebe Gemeinde, österlich leben heißt, dieses letzte herrliche Ja Gottes gehört zu haben und die Freude darüber nicht für sich behalten zu können. Deshalb stimmen wir ein in den Jubel des Apostels: "Gott aber sein Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus. Darum, meine lieben Schwestern und Brüder, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn."

Amen.

Lieder: 103,1-4 / 108,3 / 116,1+4+5 / 117,1-3 / 559,1-3