In Gottes Anruf gehalten - Predigt über Jeremia 1, 4-10
9. Sonntag n.Tr. - 5.08.2012, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Ich weiß nicht, ob unter Ihnen jemand schon einmal drüben im Münster bei einer feierlichen Priesterweihe dabei war. Ich bin in der Wolle gefärbter Protestant. Aber ich merke, im Blick auf die Liturgie und ihre Rituale ticke ich, je älter ich werde, desto weitherziger. Und denke manchmal: Wie schade, und welch ein ökumenisches Hindernis heute, daß die Reformation in ihrem Drang, die damals heruntergekommene Kirche an Haupt und Gliedern zu erneuern und von allerhand Tand zu reinigen, manches Kind mit dem Bade ausgeschüttet und nicht zuletzt bei der Feier des Gottesdienstes zu viel tabula rasa gemacht hat.

Solche Wehmut überkommt mich, wenn ich erlebe, wie die Katholische Kirche die Ordination feiert. Besonders eindrucksvoll berührt mich der Ritus, wenn die Noch-Diakone vor der Handlauflegung des Bischofs, die sie zu Priestern macht, sich minutenlang bäuchlings mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden ausstrecken. Schweigend und bewegungslos verharren sie in dieser Haltung, während die versammelte Gemeinde über ihnen die Heiligenlitanei singt. Die Anrufung von Heiligen ist mir fremd. Aber es bleibt der tiefe Eindruck, wie die Neupriester durch diesen Ritus hineingenommen werden in die communio sanctorum, die Kirche aller Zeiten, in die große, die Zeiten überspannende "Wolke der Zeugen" (Hebr 12,1), die vor uns geglaubt und sich vom Evangelium haben einspannen lassen. Vor allem aber: durch die zeichenhafte Handlung des Sich-auf-den-Boden-Werfens wird anschaulich, daß die Ordination mehr ist als ein feierliches, ergreifendes Ritual, wo manch einer das Taschentuch zückt, sondern daß da etwas geschieht, ganz konkret und real. Ein richtiger "Paradigmenwechsel", wie man neudeutsch sagt, oder altmodischer ausgedrückt: ein Herrschaftswechsel, wie man ihn sich tiefgreifender nicht vorstellen darf. Durch seine Weihe gerät der Priester gleichsam in einen anderen "Status": er ist nicht mehr sein eigener Herr, auch andere verantworten ihn nicht mehr - sondern er wird ganz und gar, in aller Radikalität aus den natürlichen Bezügen der "Welt" hinaus- und in den Herrschaftsbereich Gottes hineingestellt. Er lebt nicht mehr aus sich und für sich selbst, sondern ganz und gar aus Gott und seinem Anspruch, seiner Verheißung.

Ich bin Protestant genug, daß ich mir dieses radikale und letztlich den Menschen überfordernde Weiheverständnis der katholischen Kirche nicht zu eigen machen kann. Aber die Ernsthaftigkeit und der ungeheure Anspruch, die da sichtbar werden, beeindrucken mich sehr. Wie spröde und irgendwie äußerlich spielt sich dagegen die Ordination in unserer Kirche ab - obwohl der Anspruch des geistlichen Amts bei uns eigentlich kaum geringer ist! Da bleibt ein Stück neidvolle Wehmut beim Blick hinüber zu den katholischen Geschwistern. - Der heutige Predigttext, liebe Freunde, gehört zu den großen Berufungstexten der Bibel, die unter die Haut gehen. Er bildet einen biblischen Hintergrund für die Ordination in ihrer jeweiligen Ausformung in den verschiedenen Kirchen. Wir hören den Text aus dem 1. Kapitel des Jeremiabuches.

I.

Diese im Wortsinn ungeheuerlichen Gottes-Worte stehen also über dem Beginn einer Prophetenlaufbahn, die tragisch und jedenfalls nach menschlich-äußerlichen Kriterien gescheitert verlaufen sollte wie keine zweite. Jeremia ist der große Schmerzensmann, der Angefochtene unter den Propheten. Er muß von Anfang an mit dem Unverständnis seiner Mitwelt leben, ja Spott und Hohn von denen aushalten, die früher seine Freunde waren. Die eigenen Verwandten wollen ihm ans Leben. Es kommt zum erbitterten Konflikt mit den staatlichen Machthabern, denen er im Unterschied zu den Schönwetter-Propheten nicht sagt, was sie hören wollen, sondern ihnen den Spiegel ihrer realitätsfernen und vergangenheitsverhafteten Machtpolitik vorhält. Wie manch ungehört gebliebener Publizist vor 100 Jahren, als Wilhelm II., durchdrungen von seinem in Gottes Gnade verankerten Auftrag, Deutschland "herrlichen Zeiten" entgegenzuführen und dem Reich einen "Platz an der Sonne" zu sichern, geradewegs einem Weltkrieg entgegenstolperte. Wie damals solche hellsichtigen Beobachter wird Jeremia als Defätist und Verräter verleumdet. Der Tempelklerus läßt ihn in eine Zisterne werfen, um ihn dort elend verhungern zu lassen. Das alles führt dazu, daß er in einem Moment, wo er absolut down under ist, vor Gott den Tag seiner Geburt verflucht. Und am Ende wird er nach Ägypten verschleppt, wo sich seine Spur für immer im Dunkel verliert. Was für ein Leben! Faszinierend an dieser erratischen Gestalt ist ganz besonders dieses fast absurd erscheinende Festhalten an dem Gott, der ihm damals, als alles anfing, versprochen hatte: "Fürchte dich nicht vor ihnen, ich bin bei dir und will dich erretten."

Ob Jeremia das, als er es zum ersten Mal vernahm, so trostreich hören konnte? "Fürchte dich nicht vor ihnen": damit ist ja schon ausgesagt, daß er immer wieder umgeben, umstellt sein wird von Unverständnis, Gegnerschaft, ja Haß und Gewalt. Jeremia ahnt das offenbar. Er spricht unverblümt seine Einwände aus: "Ach Herr, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin noch zu jung". Obwohl Jeremia Sohn eines Priesters ist, also das kirchliche juste milieu mit der Muttermilch aufgesogen hat, ist ihm klar, daß da nichts ist, was er von sich aus vorzeigen könnte, was ihn dazu prädestiniert, Gottes Mund zu werden. Nein, daß Jeremia Prophet wird, gründet allein in Gottes Willen, der sich gebildet hatte, längst bevor das Kapitel "Jeremia aus Anatot" begonnen wurde zu schreiben. "Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete, und sonderte dich aus zum Propheten für die Völker, ehe du von der Mutter geboren wurdest." Was für eine unglaubliche Feststellung, die Gott da trifft! Das Amt, der Auftrag, mit dem Jeremia versehen wird, ist unendlich viel größer als seine Person, als das, was er aus seinem Leben machen kann. Dafür gibt es wichtige Parallelen in der Bibel. Der Zweite Jesaja, der große Tröster in der trostlosen Zeit des babylonischen Exils, wußte sich "vom Mutterleibe an" für seine Aufgabe bestimmt. Paulus führte sein Apostelamt nicht auf seine eigene Entwicklung zurück, sondern ausschließlich auf Gott, der seine Pläne mit ihm hatte, noch ehe Paulus seinen ersten Gedanken hätte denken können. So auch mit Jeremia: Gott kannte ihn, war ihm bereits zugewandt, ehe sein Leben auch nur den kleinsten, in der Tiefe des Mutterschoßes verborgenen Anfang genommen hatte.

Gilt das nur für die großen Reich-Gottes-Figuren, daß Gott an sie bereits dachte, als an sie noch gar nicht zu denken war? Das könnte uns kleine Durchschnittschristen einschüchtern. Aber unser größter Liederdichter Paul Gerhardt hat es besser gewußt. In seinem wunderbaren Weihnachtschoral dichtete er: "Da ich noch nicht geboren war, / da bist du mir geboren / und hast mich dir zu eigen gar, / eh ich dich kannt', erkoren. / Eh ich durch deine Hand gemacht, / da hast du schon bei dir bedacht, / wie du mein wollest werden" (EG 37,2). Das heißt also: jeder von uns kann in die Lage kommen, wie Jeremia, wie Jesaja oder Paulus von Gott "ausgesondert", wie Luther übersetzt, man könnte auch sagen: geheiligt zu werden. Eben nicht in dem Sinn, daß er moralisch oder spirituell "besser", vollkommener wäre als andere. Sondern einfach dadurch, daß Gott ihn in seinem souveränen Entschluß beansprucht, gleichsam dienstverpflichtet, in seinen Herrschaftsbereich hineingezogen hat. Ein Bewußtsein, daß solches auf geheimnisvolle Weise an und in ihm geschehen ist, hat jeder Katholik, der sich zum Priesteramt entscheidet. Und auch bei uns sollte es wenigstens ansatzweise so sein. "Studieren Sie nur Theologie, wenn Sie glauben, daß Sie es müssen", hat 1932 der junge Berliner Privatdozent Dietrich Bonhoeffer den Erstsemestern zugerufen. Steil formuliert. Aber es ist etwas Wahres dran.

II.

Vorhin haben wir das Evangelium dieses Sonntages gehört, das Gleichnis von den anvertrauten Zentnern, oder wie es früher hieß: Talenten. Zwei darin nutzen ihre Talente, verschieden klug und erfolgreich, aber immerhin. Sie werden ausdrücklich gelobt. Einer nutzt sie nicht, weil er prinzipieller Skeptiker ist und die Angst seinen Ratgeber sein läßt - wie wird der beschimpft. Nutzen wir die uns anvertrauten Talente? Machen wir etwas aus den Gaben, die wir unverdient erhalten haben, aus Lebenschancen? Erkennen wir, welche Aufgabe uns Gott in welcher Situation vor die Füße gelegt hat? Das Beunruhigende dieser Fragen wird nicht geringer, wenn wir den dazu passenden Wochenspruch dieses Sonntags hören: "Wem viel gegeben ist, bei dem wir man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern", sagt Jesus. Das kann in mir die bohrende Frage auslösen, ob ich aus meinem relativen materiellen Wohlstand, meiner guten Gesundheit und all dem, was mir sonst noch ganz unverdient von meinem Schöpfer mitgegeben ist, genügend mache. Oder ob ich das alles für selbstverständlich nehme, den Wohlstand nicht sinnvoll einsetze, oder nichts dafür tue, daß mir meine Gesundheit erhalten bleibt, sondern nur viel zu viel auf ihre Kosten arbeite.

Für Jeremia stellt sich diese bohrende Frage nach den eigenen Talenten gerade unter umgekehrten Vorzeichen. Sie ähneln jenem unglücklichen dritten Mann aus unserem Sonntagsevangelium. Viel zu jung - ich kann es schlichtweg nicht! Man hört fast das vehemente "Herr, gehe weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch" mitklingen, aus einer anderen großen Berufungsgeschichte, als Jesus den Simon Petrus am See Genezareth in seinen Dienst nimmt. Das Gefühl jedenfalls: meine überschaubaren und meist mittelmäßigen Talente reichen nie und nimmer aus für eine Aufgabe, in die ich gestellt werde - das kennen wir vermutlich alle. Ich kann nur für meinen "Stand" sprechen: da ist das jeder und jedem vertraut. Jeder Theologiestudent, jede Vikarin kennt das manchmal elende Gefühl, zum Predigen, zum Unterrichten oder zum Begleiten von Menschen in tiefen Lebenskrisen eigentlich nicht zu taugen. Weil man zu jung ist, weil alle Lebenserfahrung fehlt, um zu beglaubigen, was man auf der Kanzel, in der Schule oder an einem Krankenbett sagt, oft zu Menschen, die Jahrzehnte mehr an Erfahrungen auf dem Buckel haben. Und wie oft geht es mir, wenn ich am Montag die Bibel aufschlage, um den Predigttext des kommenden Sonntags erstmals auf mich einwirken und, wenn es gut geht, sogar zu mir sprechen zu lassen, daß der Text zunächst stumm bleibt wie ein Trappistenmönch. Oder seine Aussagen fremd bleiben, nicht anschlußfähig zu dem, was mich gerade umtreibt. Oder mir das darin Gesagte viel zu groß, zu unausschöpflich erscheint, um es der Gemeinde in der Predigt wirklich nahezubringen und ich dann das entmutigende Gefühl bekomme, nur in kleiner Münze zurückzahlen zu können und meilenweit hinter dem Text zurückzubleiben. Das kann manchmal sehr anfechtend sein.

Aber gerade für solche Momente, die (hoffentlich) jedes Pfarrerleben begleiten und auch prägen, sind Texte wie unser heutiger ein Gottesgeschenk. Weil sie uns daran erinnern, daß das nichts Zufälliges, Punktuelles ist, sondern etwas sehr Grundsätzliches, das viel aussagt über unseren Gott und die Aufgabe, in die er mich durch meine Ordination hineingestellt hat. Es gibt dazu einen berühmten Satz von Karl Barth, der 1923, damals selber gerade berühmt geworden, in einem Vortrag über das Wort Gottes sagte: "Als Theologen sollen wir von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche gar nicht von Gott reden. Wir sollen beiden, unser Sollen und unser Nichtkönnen, wissen und eben darin Gott die Ehre geben". Wem das zu verschwurbelt klingt, dem kann ein einfacherer Satz des großen Zürcher Theologen Gerhard Ebeling helfen: "Wenn wir predigen, sagen wir immer mehr, als wir sagen dürfen, und weniger, als wir sagen sollten". Genau darin liegt die ungeheure Spannung zwischen dem Anspruch, unter dem man eigentlich nur zusammenbrechen kann, und der Verheißung, daß Gott an uns festhält und uns in all unserer Mittelmäßigkeit zutraut, in unseren Gedanken, Worten und Werken sein Wort in die Welt hineinzutragen.

III.

Also: mag Jeremia (und Du und ich) sich auch zu jung fühlen, zu schüchtern, rhetorisch unbeholfen, zu langsam im Denken, unkreativ, innerlich ausgedörrt, müde und resigniert, der Sache Gottes nicht gewiß und mit ihm nicht im Reinen - tut alles nichts, Jeremia (und mit ihm auch wir) hört Gott unbeirrt sagen: "Du sollst gehen, wohin ich dich sende". So wie unser Bischof bei jeder Ordination bei der Handlauflegung den Ordinanden das ungeheure Jesuswort zuspricht: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch". Der Auftrag gilt. Mach dir keine Skrupel über dein vermeintliches Unvermögen, oder auch über den Zustand deines geistlichen Lebens! Nur Bote, Sprachrohr sollst du sein. Mehr wird von dir nicht verlangt. Liebe Gemeinde, Gott braucht in seiner Kirche keine bedeutenden Personen, geistliche Heroen oder theologische Stars. Schön, wenn es sie dann und wann auch gibt, sie tun unserer Außenwirkung als Kirche gut. Wir können froh und dankbar sein, daß wir einen Wolfgang Huber, eine Margot Käßmann haben. Aber wichtiger etwas anderes: die Treue, in der die, die von Gott durch ihre Kirche dazu beauftragt sind, losgehen, einfach weil sie es sollen, und den Mund aufmachen und sagen, was ihnen aufgetragen ist. "Sei es gelegen oder ungelegen", wie es im Versprechen bei der katholischen Priesterweihe so treffend heißt. Daß Gott mir nicht erlaubt, einfach wegzulaufen, auch wenn einem Freiburger Dekan manchmal danach sein kann, daß ich durch meine Ordination in einer heilsamen Weise gebunden bin: das erfahre ich als etwas sehr Entlastendes und Stärkendes.

Zum Schluß zurück zu Jeremia. Mag er auch immer wieder heulen und klagen - er weiß doch, daß er nicht anders kann als loszuziehen und den Leuten immer wieder zu sagen, was ihm Gott bei seiner Berufung gesagt hatte: "Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, um dich zu erretten!" Dieses Versprechen war alles, was Jeremia hatte, gleichsam sein Personalausweis. Aber auch seinem Volk, dem immer wieder in die Irre gehenden, ihn so tief enttäuschenden, läßt Gott durch Jeremia eine solche Greencard mitgeben: "Fürchtet euch nicht, spricht der Herr, euer Gott, ich bin bei euch, euch zu helfen". Bei aller Enttäuschung läßt Gott sein Volk nicht los. Israel bleibt Bundesgenosse, das kann durch nichts zerstört werden.

Und wir? "Fürchtet euch nicht, euch ist heute der Heiland geboren": mit diesem Engelruf über Bethlehem werden auch wir hineingeholt in dieses große Versprechen. In Jesus, der die Schranke zwischen seinem Volk und den Heidenvölkern niederriß, sind auch wir Teilhaber dieses Bundes. "Da ich noch nicht geboren war, / da bist du mir geboren": mit Jesu Geburt gilt auch für uns, daß wir vom Mutterleib an von Gott unbedingt bejahte und geliebte Leute sind. Wir müssen uns unsere Würde nicht erarbeiten, sie ist uns von Ewigkeit her in die Wiege gelegt.

Es gilt, was wir mit den ziemlich steilen Worten Jochen Kleppers heute zum Eingang gesungen haben: "Er will, daß ich mich füge. / Ich gehe nicht zurück. / Hab nur in ihm Genüge, / in seinem Wort mein Glück. / Ich werde nicht zuschanden, / wenn ich nur ihn vernehm. / Gott löst mich aus den Banden, / Gott macht mich ihm genehm" (EG 452,3). - Gott gebe, daß wir in diesen Anspruch und Zuspruch gehalten bleiben.

Amen.

Lieder: 452,1+3+4 / 629,2+3 / 497,1-3+5 / 586,1-4+7 / 643,1-3