Predigt Septuagesimae 2012
5.2.2012 - Christuskirche Freiburg

Jeremia 9, 22+23, Wofür es sich lohnt


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch.
Amen.

Der Predigttext für den Sonntag Septuagesimae steht im Buch des Propheten Jeremia. Ich lese aus dem 9.Kapitel, Verse 22 und 23:

9 22 So spricht der HERR: ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.

Liebe Gemeinde,

Jeremia scherzt nicht mit Worten. Er ist ein Prophet Gottes. Anders als die falschen Propheten, schmiert er den Menschen nicht Honig ums Maul. Sie machen sich beliebt und erzählen den Leuten, genau das, was sie hören wollen. Alles ist immer gut. Was Jeremia zu sagen hat, hört sich nicht gut an. Jeremia ist ein Prophet. Er hat etwas zu sagen. Erst will er nicht. Er sei zu jung. Doch Gott lässt es ihm nicht durchgehen. Schlechte Zeiten sind angebrochen im Land Juda gut 600 Jahre vor Christus. Das Land wird von König Jojakim regiert. Ein schlechter König, der falsche Allianzen einging, politisch und religiös. Das Volk rannte fremden Gottheiten hinterher und kehrte ausgerechnet dem Einen Gott, der es aus der Gefangenschaft in Ägypten gerettet hatte, den Rücken. Da reißt Gott der Geduldsfaden. Jeremia soll dem Volk Bescheid sagen. Es soll sich wieder Gott zuwenden und sein Leben bessern, damit es nicht untergeht. Das betrifft auch den Tempel.

Es gibt andere Stimmen, die sagen, solange der Tempel in Jerusalem steht, kann kein Unheil geschehen. Als sei Gott an den Tempel gebunden aus lauter Sentimentalität. Als liege ihm mehr daran, den Tempel zu erhalten als am rechten Verhalten seines Volkes. Das ist inzwischen auf die schiefe Bahn geraten. Jeremia nimmt sich kein Blatt vor den Mund und muss teuer dafür bezahlen. Er bekommt den Zorn der Menschen Jerusalems, seiner Zeitgenossen, zu spüren. Was er zu sagen hat, den Kern seiner Gottesbotschaft, können sie nicht hören. Sie fühlen sich nur noch provoziert. Sie bilden sich etwas auf sich selbst und auf das, was sie darstellen, ein. Wie kann einer wagen, diese Eigenwahrnehmung wie eine Seifenblase zerplatzen zu lassen. Jeremia kommt nicht durch mit Gottes Wort. Am liebsten würde er alles hinschmeißen. "Ach dass ich eine Herberge hätte in der Wüste, so wollte ich mein Volk verlassen und von ihnen ziehen", heißt es zu Beginn des 9.Kapitels. Und weiter: "Sie schießen mit ihren Zungen lauter Lüge und keine Wahrheit und treiben's mit Gewalt im Lande und gehen von einer Bosheit zur anderen, mich aber achten sie nicht, spricht der HERR."

Was für ein trauriges Bild gibt dieses Volk ab. Es ist ganz in sich selbst verliebt. Und Jeremia macht sich weiter unbeliebt bei den Leuten. Er greift ihre Selbstsicherheit an mit den Worten:

9 22 So spricht der HERR: ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.

Liebe Gemeinde,

es fällt leicht, im Rückblick mit ähnlicher Sicherheit zu behaupten: "Das wäre uns nicht passiert. Wir wissen, dass Eigenlob stinkt, Freundeslob hinkt und Feindeslob klingt." Nach einer modernen Übersetzung des 1.Psalms wird beschrieben, welche Qualitäten man für einen solchen Weitblick mit sich bringen muss. Da heißt es: "Wunderbar der Mann, der nicht aufs Volk hört, den Leuten nicht nach dem Maul redet und am Stammtisch bei denen herumsitzt, die immer alles besser wissen." Aber wer möchte dieser Mann, diese Frau sein? Wenige Menschen haben das Format eines Jeremia. Und selbst unser Prophet trägt schwer daran. Er hat sich nicht selbst zum Propheten ernannt. Genau das ist es, was ihn von den falschen Propheten unterscheidet. Sie haben sich selbst erwählt. Jeremia hängt ganz von Gott ab. Was er lebt, hat er sich nicht selbst ausgesucht. Er kann sich nichts davon versprechen. Seine Reden bringen ihm keinen Erfolg und er macht sich damit nicht beliebt. Was ihn auszeichnet ist der Weitblick, der ihm geschenkt ist. Eines ist klar, er kann nicht schweigen.

"Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!" mahnt Bertolt Brecht. Und damit trifft er ins Herz des Propheten, der über das spricht, was schon bald als Verbrechen gilt.

In Deutschland kann man über alles reden. Aber man macht sich nicht mit allem beliebt. Wo sind die Themen, die wir heute ausblenden? Ist es Hartz IV oder Fremdenhass, ist es Zwangsprostitution oder Obdachlosigkeit? Haben wir uns schon zu sehr daran gewöhnt?

Das sind alles große Fragen, die sich nicht innerhalb kurzer Zeit beantworten lassen. Dazu braucht es ein Insich-Gehen, eine Gewissensprüfung. Worauf kommt es mir an? Was ist das entscheidende Kriterium dafür, worauf ich etwas in meinem Leben gebe? Dazu die folgende Geschichte:

Es war einmal eine Spinne. Sie lebte in ihrem Netz herrlich und in Freuden. Alles war gut, bis sie einer Einladung zu einem Vortrag bei einer Spinnenversammlung folgte. Aufmerksam hörte sie zu, bis der Redner sagte: "Die Welt ist anders geworden. Ihr müsst euch anpassen und Einsparungen treffen. Alles, was nicht unmittelbar von Nutzen ist, ist aus der Mode!"

Der Vorwurf, rückständig zu sein und dadurch von den andern ausgelacht zu werden, machte die Spinne unruhig. Als sie nach Hause kam, sah sie sich sofort ihr ganzes Netz an. Aber kein Faden war überflüssig. Jeder schien für ihre Arbeit dringend notwendig. Sie entdeckte kein Loch im Netz. Die Spinne war ganz verzweifelt und wurde vor Angst fast krank. Endlich fand sie einen Faden, der gerade nach oben lief. In diesem Faden hatte sich noch nie eine Fliege gefangen. Er war also unnötig. Weg damit! Die Spinne biss ohne lang zu überlegen, den scheinbar unnützen Faden ab - und das Netz fiel in sich zusammen. Es war der Faden, an dem das ganze Netz aufgehängt war.

Ohne den Draht zu Gott, ist das, was wir tun in Kirche und Gesellschaft, sinnlos. Auch wenn es noch so gut nach außen hin aussieht, früher oder später wird es in sich zusammenfallen. Wie das Land Juda. Wo sind die Bereiche in Kirche und Gesellschaft, auf die Gott unsere Aufmerksamkeit ziehen will?Wofür bin ich bereit, mit gutem Gewissen volle Verantwortung zu tragen und auch einmal in den Konflikt hineinzugehen? Es hilft nicht, sich selbst etwas auf die Fahne zu schreiben, denn dazu wäre nicht einmal eine Fahne vom Turm des Münsters lang genug, um all das anzupacken, was lohnenswert ist. Die Länge der Fahne würde lediglich daraufhin deuten, welchen Allmachtsphantasien sich eine Gemeinde hingibt, die glaubt, unendlich viele Aufgaben übernehmen zu können und zu müssen. Gott überfordert uns nicht. Im Gegenteil. Er ruft uns auf, uns auf das zu konzentrieren, was seinem Willen entspricht. Und das ist, wie Jeremia an sein Volk ausrichtet, nicht immer das Naheliegende. Wie oft hat Gott sein Volk ins Exil geführt, in die Wüste, die Einöde. Erst in der Fremde, entledigt von allen üblichen Aufgaben, wurde das Volk aufmerksam auf die Schönheit Gottes. Ein Tapetenwechsel kann Wunder bewirken. Wie gut tut es uns, hoch zur fahren in den Schwarzwald und auf schneebedeckten Wegen zu laufen wie auf Neuland. Was uns sonst übermäßig beschäftigt, rückt draußen in die rechte Perspektive. Manche Sorge übt zu viel Macht über uns aus, wenn wir zu nahe an ihr sind. Sie kann uns überwältigen. Ein prophetisches Wort, das auf diesen Missstand hinweist, ist wie eine guttuende Unterbrechung. Es bricht unsere Selbstbezogenheit auf, es durchkreuzt unsere Ziele und verlockt uns dazu, neues und unerwartetes mit Gott zu denken. Hören wir auf Jeremia:

9 22 So spricht der HERR: ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.

Amen.