Predigt Sexagesimae mit KonfirmandInnen
12.2.2012 - Matthias Claudius Kapelle

2.Kor. 11, 18, 23-31; 12, 9+10, Eigentlich bin ich ganz anders


[Im Eingangsteil sprachen die KonfirmandInnen den Text des Lieds "Eigentlich bin ich ganz anders" von Udo Lindenberg" als Teil des Bußgebets]

Liebe Gemeinde,

Eigentlich bin ich ganz anders. Das ist eine Erfahrung, die der Apostel Paulus der Gemeinde in Korinth auf seine Weise im Predigttext für diesen Sonntag Sexagesimae mitteilt. Man macht ihn lächerlich in der Gemeinde. Klein und schlecht gewachsen war er kein Arnold Schwarzenegger seiner Zeit. Um sich von sogenannten Superaposteln abzusetzen, die seiner Meinung nach wenig an Substanz mit ihrer Botschaft zu bieten haben, schreibt er [in der Übersetzung der Basisbibel]:

18 Weil so viele mit ihren eigenen Vorzügen angeben, will auch ich es einmal tun.

23 Sie dienen Christus?
Ich rede wirklich wie ein Wahnsinniger:
Ich noch viel mehr.
Ich habe mich weit mehr abgemüht.
Ich war öfter im Gefängnis.
Ich habe viel mehr Schläge bekommen.
Ich war wieder und wieder in Lebensgefahr.

24 Von den Juden habe ich fünfmal die "vierzig weniger einen" Peitschenhiebe bekommen.

25 Dreimal wurde ich von den Römern mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt.
Dreimal habe ich Schiffbruch erlitten.
Einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem offenen Meer.

26 Ich war oft auf Reisen.
Dabei drohten mir Gefahren durch reißende Flüsse und Räuber.
Meine Landsleute wurden mir ebenso gefährlich wie die Heiden.
Gefahr drohte in der Stadt, in der Wüste und auf dem Meer.
Und schließlich stellten auch falsche Brüder eine Gefahr dar.

27 Ich nahm Mühe und Anstrengung auf mich.
Oft musste ich ohne Schlaf auskommen.
Ich litt Hunger und Durst und hatte häufig nichts zu essen.
Ohne angemessene Kleidung war ich der Kälte schutzlos ausgesetzt.

28 Davon abgesehen, ist da auch noch die tägliche Belastung,
die dauernde Sorge um alle Gemeinden.

29 Gibt es hier jemanden, der schwach ist,
ohne dass ich seine Schwäche mitempfinde?
Gibt es jemanden, der vom Glauben abfällt, ohne dass es mich wie Feuer brennt?

30 Wenn man schon angeben muss, dann will ich mit den Zeichen meiner Schwäche angeben.

31 Der Gott und Vater des Herrn Jesus - er sei in Ewigkeit gelobt - weiß, dass ich nicht lüge.

Eigentlich bin ich ganz anders. Paulus scheint sich hier zu widersprechen. Er erzählt von lauter Niederlagen und will uns weiß machen, es seien Zeichen des Erfolgs. Er gibt mit seiner Schwäche an, wo andere ihre Stärke ins Licht rücken. Es ist ein seltsames Wort, das er uns und den Gemeinden weiter anbietet, wenn er schreibt:

12 9 Aber der Herr hat zu mir gesagt:
"Du brauchst nicht mehr als meine Gnade.
Denn meine Kraft kommt gerade in der Schwäche voll zur Geltung."
Ich gebe also gerne mit meiner Schwäche an.
Denn dann kann die Kraft von Christus bei mir einziehen.

10 Deshalb freue ich mich über meine Schwäche -
über Misshandlung, Not,
Verfolgung und Verzweiflung.
Ich erleide das alles für diese Kraft von Christus.
Denn nur wenn ich schwach bin,
bin ich wirklich stark.

Liebe Gemeinde,

eigentlich bin ich ganz anders.

Das ist eine menschliche Grunderfahrung, die uns allen von Zeit zu Zeit zu schaffen macht. Wenn wir auf unser Leben schauen, dann kommt es uns manchmal seltsam verschlungen vor. Wir stoßen an die Grenzen unserer Wünsche, landen im Abseits, stehen auf dem Abstellgleis, wenn wir es am wenigsten gebrauchen können. Wir kommen uns ganz schön verloren vor, wie in einer Sackgasse. Wie sollen wir da bloß wieder herausfinden? Eigentlich bin ich ganz anders. Auch wenn ich an meine Grenzen stoße, weiß ich doch, das kann nicht alles sein. Die Menschen um uns herum mögen sich ihr Urteil über uns gebildet haben. Doch wir wissen, dass mehr in unserem Leben steckt als man uns zutraut.

Die KonfirmandInnen haben gestern ein Bild auf ein Tuch gemalt, das diese Erfahrung des an die Grenzen stoßen aufgreift. Es ist das Bild des Labyrinths, das heute an ihrem Altar hängt. Das Labyrinth ist ein Spiegel für den schwierigen und verschlungenen Lebensweg des Menschen. Wer sich in das Labyrinth hineinbegibt, stößt ständig an ein Ende. Dort angekommen, muss er scheinbar umkehren und in die andere Richtung gehen. Kehrtwendungen fallen uns nicht leicht. Schon gar nicht, wenn wir den direkten Weg zum Ziel vor Augen haben. Der ist scheinbar so kurz, vom Eingang bis zur Mitte, aus der Vogelsicht betrachtet. Aber der Vogelflug ist uns Menschen nicht geschenkt. Wir müssen mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen. So bleibt uns nichts anderes übrig, als den Weg zu gehen, der - wie wir am Altartuch sehen - der längere ist und der uns immer wieder in scheinbare Sackgassen führt. Es ist frustrierend, wenn man auf der Suche nach dem Zentrum ist und doch scheinbar nie ankommt.

Die KonfirmandInnen haben sich dieses Labyrinth nicht selbst ausgedacht, sondern sie haben es kopiert. Das Original ist in einer Kirche zu finden, der Kathedrale von Chartres. Dort ist es in den Boden eingelassen. Sein Durchmesser beträgt gerade mal 12, 5 Meter. Die Länge des Wegs beträgt ganze 294 Meter. Der Weg zur Mitte ist weit und scheinbar unendlich. Immer wieder ist der Wanderer gezwungen, halt zu machen und umzudrehen, will er weiterkommen. Hier kommt man nicht an, wenn man mit dem Kopf durch die Wand will. Es hilft nur Geduld und Ausdauer. Versteht man das Labyrinth als ein Bild des eigenen Lebensweges, dann entdeckt man, dass gerade die Kehrtwendungen zum Ziel führen. Dort wo ich scheinbar ins Leere laufe und umdrehen muss, komme ich der Mitte näher.

Trotz aller Widersprüche ist es ein hoffnungsvoller Gedanke. Dort, wo wir die Erfahrung machen, dass wir mit unseren Wünschen und Plänen nicht weiterkommen, führt Gott uns auf scheinbaren Umwegen zum Ziel. Selbst wo wir auf Schwierigkeiten stoßen, bedeutet das noch nicht unser Ende. Umzudrehen kommt dann nicht einem Aufgeben, einer Schwäche gleich. Im Gegenteil, erst wenn wir uns umdrehen und scheinbar in die Gegenrichtung gehen, führt unser Weg näher zu Gott, ins Zentrum unseres Lebens. Auch wenn unser Leben eingeschränkt wird, wenn wir uns eingeengt vorkommen, bleibt es zielführend. Dietrich Bonhoeffer, aus der Enge seiner Gefängniszelle heraus, hat diese Erfahrung in Worte gefasst. Als er wegen seiner Mittäterschaft am missglückten Attentat auf Hitler vom 20.Juli festgenommen wurde, wusste er, dass man ihm den Prozess machen würde. Er kam sich geschwächt vor, doch andere sagten, er sei stark. Sein Leben musste ihm wie ein Labyrinth vorkommen. Ein Irrgarten. An innere und äußerliche Grenzen gestoßen, lässt er uns in seinem Gedicht eintreten in das Labyrinth seines Lebens: Die KonfirmandInnen nehmen uns nun mit den Worten Dietrich Bonhoeffers in dieses Labyrinth mit hinein:

Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

[Dietrich Bonhoeffer]

Eigentlich bin ich ganz anders. Gleich wie verschlungen und wie weit unser Leben von dem entfernt zu sein scheint, was wir uns davon erhoffen - Gott kennt uns. Trotz Misserfolg und Niederlagen lässt er uns nicht ins Leere laufen. Wo wir uns auf ihn ausrichten, bringt er uns sicher ans rechte Ziel. Amen.

Lieder: EG 432 / Ps 119 / EG 181.6 / EG 419, 1-5 / EG 229 / EG 419, 1 / EG 295