Predigt zum 1.So.n.Epiphanias 2012

1.Korinther 1, 26-31
Mehr Licht von Gott!


Liebe Brüder und Schwestern,

26 Schaut euch doch nur einmal an, wer bei euch berufen wurde,
zur Gemeinde zu gehören, [Brüder und Schwestern]!
Nach menschlichem Maßstab gibt es bei euch weder viele Weise
noch viele Einflussreiche oder viele, die aus vornehmen Familien stammen!
27 Nein, was der Welt als dumm erscheint, das hat Gott ausgewählt,
um ihre Weisen zu demütigen. Und was der Welt schwach erscheint,
das hat Gott ausgewählt, um ihre scheinbare Stärke zu beschämen.
28 Und was für die Welt keine Bedeutung hat und von ihr verachtet wird,
das hat Gott ausgewählt - also gerade das, was nichts zählt,
um dadurch das außer Kraft zu setzen, was etwas zählt.
29 Kein Mensch soll vor Gott stolz sein. 30 Gott allein habt ihr es zu verdanken, dass ihr zu Christus Jesus gehört. Er ist für uns die Weisheit, die von Gott kommt. Er bringt uns Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung.
31 Denn es sollte gültig bleiben, was in der Heiligen Schrift steht:

"Wer auf etwas stolz sein will, soll auf den Herrn stolz sein."

[Lesung aus dem 1.Korintherbrief, im ersten Kapitel, Verse 26-31 in der Übersetzung der Basisbibel]

Liebe Gemeinde,

Das sind starke Worte, die in der Gemeinde in der Mitte der 50er Jahre des 1.Jahrhunderts im Gottesdienst vorgelesen wurden. Seine Briefe seien wuchtig und stark, sagt man in Korinth über Paulus, den Urheber dieser Worte. Sein persönliches Auftreten dagegen wirke schwach und sei nicht der Rede wert. Als ein Meister des Briefeschreibens spricht Paulus selbst uns heute noch so an mit seiner Epistel, dass seine Worte uns treffen als seien sie an uns ganz persönlich gerichtet. Doch der Apostel schreibt immer ganz konkret und gibt Antwort auf eine dringende Frage aus der jeweiligen Gemeinde seiner Zeit.

Schauen wir auf die Gemeinde in Korinth, die sich ganz sicher nicht in einer Kirche, sondern in einem Wohnhaus versammelt hatte, so sehen wir eine bunte Schar. So bunt ist sie wie die Stadt, in der sie lebte. In Korinth gab es viele Vornehme und reiche Geschäftsleute. Es gab zur selben Zeit in Fülle Sklaven. Gleich mit zwei Häfen konnte die Stadt renommieren, quasi ein internationaler Angelpunkt. Dieses Multi-Kulti-Ambiente, wie man heute sagen würde, schlug sich auch in der religiösen Szene nieder. Es gab viele verschiedene Kulte, darunter ein vitaler Synagogenverein und unsere christliche Gemeinde, Tempel des Kaiserkults, Tempel für verschiedene griechische und ägyptische Götter existierten Seite an Seite. Die Gemeinde war, wie man sich es wünscht, offen für Menschen jeglicher Herkunft. Für Außenstehende unterschied sie sich kaum von anderen religiösen Gemeinschaften wie den Mysterienkulten. Dort konnte man sich in die Geheimnisse von Erlösungsglauben und Glückserwartung einweihen lassen. Allerdings unter der Bedingung, dass nichts davon weitergegeben werden durfte. Dieses Wissen galt nur den Eingeweihten. Der christliche Glaube dagegen wurde öffentlich verkündet und galt jedem und jeder. Er sollte weiter reichen als nur bis zur Tür des besagten Hauses. Und so ist es richtig, dass wir es heute hier in dieser Kirche gehört haben. Im Raum der Öffentlichkeit.

Wer zeigte damals in Korinth Interesse an der neuen Lehre? Dazu gibt uns Paulus selbst die nötige Information in seinem Brief an die Gemeinde. Er schreibt - wir haben es zu Beginn der Lesung gehört:

Nach menschlichem Maßstab gibt es bei euch weder viele Weise noch viele Einflussreiche

oder viele, die aus vornehmen Familien stammen!

Ein relativ einheitliches Milieu also, das sich überwiegend aus Vertretern der unteren sozialen Schichten zusammensetzte, wie es scheint. So einfach lässt sich dieses Grüppchen jedoch nicht einschätzen. Es gibt reiche Mitglieder wie Phoebe, die es als Frau nie so weit in der Gesellschaft bringen kann wie ein Mann, es gibt einen städtischen Angestellten, Erastus, der aber ein Ex-Sklave ist, da ist Aquila, ein Handwerker, der seine Kunst versteht, und mit einer Frau verheiratet ist, die aus einer höheren sozialen Schicht herstammt als er selbst.

Diese bunte und sozial spannende Zusammensetzung der Gemeinde sorgt wie erwartet für Zündstoff. Es entsteht unter ihnen ein geistlicher Wettstreit. Welche Regeln gelten für den Menschen, der in die neue Gemeinschaft eintritt?

Leben wie bisher, das geht nicht, sagt Paulus. Bestimmte Dinge sind jetzt nicht mehr möglich. Schluss mit den gelegentlichen Bordellbesuchen, Schluss mit der Einbeziehung städtischer und damit weltlicher Instanzen, wenn es um Rechtsstreitigkeiten innerhalb der Gemeinde geht. Das soll die Gemeinde nun unter sich regeln.

was der Welt als dumm erscheint, das hat Gott ausgewählt, um ihre Weisen zu demütigen.

Paulus nimmt sich kein Blatt vor den Mund.

In Gottes Welt herrscht eine neue Ordnung. Wer Entscheidungen zu treffen hat, der treffe sie von Christus her.

Und vor allem Schluss mit der Wichtigtuerei:

29 Kein Mensch soll vor Gott stolz sein. 30 Gott allein habt ihr es zu verdanken, dass ihr zu Christus Jesus gehört.

Die Gemeinde in Korinth ist krank. Es haben sich verschiedene Klicken gebildet, jede davon leidet an übersteigertem Selbstwertgefühl. Jede Gruppe beansprucht für sich, in Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. Eigen- und Fremdwahrnehmung klaffen weit auseinander. Paulus greift ein. Zur christlichen Gemeinde gehört die Einheit untereinander. Diese ist unaufgebbar. Noch heute bekennen wir uns dazu im ältesten ökumenischen Glaubensbekenntnis, dem Nizänum: Wir glauben an die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche. Diese Einheit ist nicht menschenmachbar. Das, liebe Schwestern und Brüder, beweist gerade die Situation in Korinth. Es ist die Macht der menschlichen Gewohnheit, sich zu profilieren. Etwas Besseres sein zu wollen, ganz oben auf dem Podest stehen, was für ein Gefühl.

Wenn man noch dazu in einer Stadt wie Korinth wohnt, die vom Wettbewerbsgeist geprägt ist, liegt es nahe, sich dem anzupassen. Nicht jedem ist es vergönnt, Korinth anzulaufen, schreibt der Dichter Horaz in seinen Episteln. Ein Aufenthalt in der Stadt kam teuer zu stehen. Wenn man es sich leisten konnte, dann durfte man sich auch etwas darauf einbilden.

In der Masse der Großstadt möchte jeder etwas Besonderes sein, möchte auffallen und wahrgenommen werden. Wer dies nicht aus eigener Kraft oder Begabung vermag, schließt sich einer Gruppe an, einem Anführer. Etwas von seinem oder ihrem Glanz mag auf mich abfallen.

Wir lächeln vielleicht, aber hat sich so viel daran geändert? Was tun und lassen wir nicht alles, um heute dazuzugehören. Wir ergattern uns Anerkennung, indem wir dem neuesten Modetrend folgen, die KonfirmandInnen können uns erzählen, was man auf dem Schulhof gerade zu tragen hat, wir fahren ein imposantes Auto, wir kennen die neueste Musikszene in- und auswendig. Das alles gehört zum menschlichen Leben dazu. Problematisch wird es, wenn unser Selbstwertgefühl davon abhängt und dieser Geist der gegenseitigen Bewunderung und des Wetteiferns auch in der Kirche dominiert. Paulus setzt dem klar sein autoritäres Nein entgegen. Hier darf keiner seinen oder ihren Selbstwert dadurch erhalten, indem man sich abgrenzt, weil man glaubt etwas Besseres zu sein oder auf Gewohnheitsrechte pocht. Newcomer haben auch bei uns selten die Chance, mitzureden, die Ihnen zukommen sollte. Vielleicht lohnte es sich, in jedem Ortsältestenrat einen Platz frei zu halten für ein neuzugezogenes Mitglied mit beratender Stimme. Für einen Nachkonfirmanden, der neu einsteigen möchte. Mit der Konfirmation zählen die KonfirmandInnen als volle Mitglieder zu unserer Gemeinde. Schon durch ihr Hören allein würde uns bewusst wie viele unserer Auseinandersetzungen mit der Verteidigung alter Pfründe und Privilegien zu tun haben und nicht mit dem Ziel, sich an dem zu orientieren, was bei Christus gefragt ist.

31 Denn es sollte gültig bleiben, was in der Heiligen Schrift steht: "Wer auf etwas stolz sein will, soll auf den Herrn stolz sein."

Liebe Gemeinde,

diese Geschichten in Korinth liegen nun bald zwei Jahrtausende hinter uns. Die Geschichte der Kirche ist weiterhin geprägt von Spaltungen und konfessionellen Trennungen. Erst im 19.Jahrhundert begannen sich reformierte und lutherische Kirchen auf ihre gemeinsame Berufung zu besinnen und bildeten wie unsere badische Landeskirche dies 1821 tat, unierte Kirchen. Das Zusammenkommen von 349 Kirchen in einer weltweiten Gemeinschaft gehört mit der Gründung des Ökumenischen Rats der Kirchen im Jahr 1948zu den wohl am meisten unterbewerteten Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts. 349 Kirchen unterschiedlichster Sprachen und Kulturen auf der Suche nach Einheit im gemeinsamen Zeugnis und christlichem Dienst, das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern harte Arbeit.

Es ist oft leicht und bequemer, eigene Wege zu gehen. Es fördert den Stolz, unter Umständen auch den geistlichen Ehrgeiz, eine neue Organisation aufzubauen, bis wir merken, dieser Eigensinn widerspricht dem Wesen der christlichen Kirche. Will die Kirche auf Christus bezogen sein, kommt sie erst dort ins Eigene, wo sie sich auf den Weg zur Einheit macht. Bleiben wir realistisch und gestehen uns ein, es wird auch weiterhin Spaltungen in Gemeinden geben wie damals in Korinth. Doch wünschen wir uns einen Paulus, der uns ermahnt: Christus ist das Ziel, das ihr ansteuern müsst, alles andere ist Nebensache.

Erst dann kann etwas Besonderes entstehen, was in der Welt Spuren des Evangeliums hinterlässt. Die äußere und innere Belastung in den Anfangszeiten der Reformation war groß. Grund zum Streit gab es genug. So friedlich vereint wie auf dem Gebäude der Maienstraße waren die großen Reformatoren wie Zwingli, Calvin, Luther und Melanchthon im wahren Leben nicht in allen Dingen. Denken wir nur an den Abendmahlsstreit.

Ein gut miteinander arbeitendes Kollegium von Pfarrern, so wie es noch Calvin von sich und seinen Kollegen Farel in Neuchatel und Viret in Lausanne aus Genf schrieb, ist unbedingt ein Geschenk des Himmels. Im Rückblick auf ihre Zusammenarbeit schreibt Calvin beiden Freunden: "Es war so gar kein Schein von Eifersucht da, dass ich mir völlig eins mit Euch schien." Der gelehrte Theologe Calvin, der donnernde Prediger Farel und der sanftmütige Viret waren von Grund auf verschieden. Doch ihre innere Einheit wirkte in einer Weise, so dass Calvin sagen konnte, durch sie würden " die Kinder Gottes zu Christi Herde gesammelt werden, ja zu seinem Leib zusammenwachsen".

Gewiss, es gab Feinde, die sie hätten entzweien können. Solche Menschen gibt es immer wieder. Dennoch blieb es dabei, "kein Schein von Eifersucht" sollte ihre Beziehung belasten. Der Focus lag nicht auf der Stärkung der eigenen Kompetenzen, sondern in der Stärkung der Brüder. "Die Liebe Gottes und die Gnade Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes mehre sich unter Euch im Herrn, geliebteste Brüder", eröffnete Calvin seinen Brief. Mehr von der Liebe Gottes. Auf den Herren stolz sein. Das ist der Weg zur Einheit der Gemeinde.

Was aber heißt das? Sind nicht alle Parteien in einem Streit wie die Korinther davon überzeugt, den allein glückseligen Weg gefunden zu haben, koste es, was es wolle?

Paulus sagt ganz klar Nein. Es führt kein Weg an Christus, dem Gekreuzigten vorbei. Als Gemeinde Christi haben wir keine andere Wahl als uns nach Christus zu richten und nicht auf uns selbst und unseren Erfolg. Das richtet letztlich nur Schaden an.

"Ich muss Euch leider, liebe Brüder, schlechte Nachrichten überbringen und die Gemeinschaft wird schockiert sein." So beginnt der Abt und spätere Kardinal Basil Hume seine Ausführungen. Ein Bruder hatte darum gebeten, aus der Gemeinschaft austreten zu dürfen. Sein Herz war nicht mehr in seiner Berufung - der Druck zu groß, der beste Schritt schien, ihn freizugeben.

Hume nimmt dies zum Anlass, die Mönchsbrüder auf zwei wesentliche Schritte im geistlichen Leben aufmerksam zu machen. Was er den Mitgliedern seiner Gemeinschaft zu sagen hat, stimmt grundsätzlich für jeden und jede, die im christlichen Glauben fortschreiten möchten. Zwei Dinge sind nötig. "Das erste ist die Notwendigkeit, immer weniger egozentrisch zu werden und immer mehr Gott-zentrisch. […] Wir Menschen leiden an der Tendenz, uns selbst zu beweihräuchern. Es geht uns gegen den Strich, niederzuknien und Gott den Weihrauch zu überreichen." Hume trifft den Nagel auf den Kopf: Es liegt uns einfach, alles an uns zu ziehen, Aufmerksamkeit und Liebe, Anerkennung und Bewunderung. In der Regel wünschen wir sie für uns selbst mehr als für unseren Arbeitskollegen oder Vereinskameraden. Wir wollen die eins in Mathe schreiben. Selbst in unseren Bemühungen, ein Leben im Glauben zu führen, steckt viel von unserem Selbst. Wir können gar nicht anders als immer wieder feststellen, wie wir dieses oder jenes uns selbst zuliebe tun. Wir machen einen guten Eindruck, wir setzen uns für etwas ein, damit wir etwas davon haben. Selbst christliche Nächstenliebe liegt in der Gefahr, mehr für den Geber als für den Empfangenden zu tun. Die Anekdote von dem eifrigen Pfadfinder, der der alten Dame über die Straße half, obwohl sie gar nicht auf die andere Seite wollte, bringt uns zum Lachen. In seinem Übereifer und um sein Pflichtbewusstsein zu befrieden, kam es ihm gar nicht in den Sinn zu fragen, was sie vorhatte. Werden wir weniger egozentrisch und mehr gott-zentrisch, dann gibt es in Zukunft auch in unserer Gemeinde weniger Großmütter, die auf der falschen Straßenseite stehen.

Und das zweite, was der Kardinal seinen Glaubensbrüdern nahe legt ist die simple, aber harte Wahrheit: Glaube wächst dort, wo er einfacher wird und immer weniger von äußeren Umständen und Mitteln, am Ende nur noch von Gott abhängig ist. Dann wird christlicher Glaube spannend, wenn er sich auf keine Äußerlichkeiten mehr stützen muss. Nur noch Gott bleibt. Wir sehnen uns nach dem guten Gefühl, aber es will sich nicht einstellen - nur noch Gott bleibt. Wir wünschen uns eine schöne Stimmung, aber sie bleibt aus - nur noch Gott bleibt. Wir suchen nach Klarheit, aber sie stellt sich nicht ohne weiteres ein - nur noch Gott bleibt. Das ist der Moment, an dem wir im Glauben einpacken möchten und wegrennen. Alles an Kirche schreckt uns ab. Wo, bitte schön, soll sich Gott hier finden? Das alles ist schwer auszuhalten und wenn wir schwach werden, machen wir uns schnell auf die Suche nach einem Schuldigen, der das alles zu verantworten hat, damit wir wieder in einem guten Licht stehen.

"Es ist besser durch die Dunkelheit der Nacht an der Hand des Herrn zu gehen als hoch erhaben auf einem Thron zu sitzen, in Glanz des Lichts getaucht, das von dir selbst ausstrahlt." Mit diesem Rat an seine Brüder endet Hume.

Von Gott her muss der Impuls kommen, dann wird unser Glaube Gestalt annehmen, reifen und andere nähren. Dann rühmen wir uns nicht mehr mit dem, was wir mit unserer eigenen Kraft bewirkt haben, sondern freuen uns an dem, was Gott mit uns und unter uns werden lässt. Amen.

Lieder: EG 442, 1,2,4,5 / Psalm 100 / EG 33, 2+3 / EG 441, 1,4-6 / EG 667 / EG 56, Kehrvers / 35, 1, 3,4