Predigt zum 2.So.n.Epiphanias 2012

1.Korinther 2, 1-10, Unpopuläre Gotteskraft


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus

Liebe Gemeinde,

Ein Farbiger wünschte, in eine New Yorker Gemeinde aufgenommen zu werden. Der Pfarrer war reserviert. "Tja", sagte er, "da bin ich nicht sicher, ob es unseren Gemeindemitgliedern recht sein würde. Ich schlage vor, Sie gehen erst mal nach Hause und beten darüber und warten ab, was Ihnen der Allmächtige dazu zu sagen hat."

Einige Tage später kam der Farbige wieder. Er sagte: "Herr Pfarrer, ich habe Ihren Rat befolgt. Ich sprach mit dem Allmächtigen über die Sache, und er sagte zu mir: Bedenke, dass es sich um eine sehr exklusive Kirche handelt. Du wirst wahrscheinlich nicht hineinkommen. Ich selbst versuche das schon seit vielen Jahren, aber bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen."

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Gemeinde,

Ein Hauch der Exklusivität schlägt uns aus dieser kurzen Geschichte entgegen. Schön wäre es, wenn der Rat des Pfarrers auf die Anfrage nach Aufnahme in die New Yorker Gemeinde … Jahre nach dem Tod Martin Luther Kings bloße Karikatur wäre. Am morgigen Tag begehen die Vereinten Staaten von Amerika einen Tag der Erinnerung an diesen herausragenden Prediger der Neuen Welt. Lebte er, so würde er heute seinen 83.Geburtstag feiern. Er machte durch seinen Einsatz für die Bürgerrechte von Schwarzen und Farbigen in Amerika in den 50er und 60er Jahren darauf aufmerksam: Wer Menschen aufgrund von Hautfarbe oder ethnischer Zugehörigkeit ausgrenzt, versperrt Gott selbst Zugang zu sich. Eine solche Gemeinde befindet sich in einer extremen Schieflage. Sie handelt buchstäblich gottlos.

Ein Hauch der Exklusivität wehte schon Mitte der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts durch die Gemeinde in Korinth. Paulus war besorgt. Es wurde ihm zugetragen, die christliche Gemeinde dort sei gespalten. Sie zerfalle in verschiedene Fraktionen. Die einen fühlten sich Paulus zugehörig, andere Petrus, Apollos oder Christus. Je nachdem, von wem die Taufe empfangen worden war.

Es entstand Streit unter den verschiedenen Anhängerschaften wie man sich als Mitglied der christlichen Gemeinde zu verhalten habe. Wie es so oft der Fall ist, dachte jede Gruppe, sie habe die Weisheit mit Löffeln gefressen und befinde sich damit auf dem besten Weg zum Heil, die anderen aber auf dem Holzweg. Ob sich die verschiedenen Gruppierungen darüber bewusst waren, in welchem Maß sie den unmittelbaren Einflüssen ihrer Umgebung unterlagen? Korinth war reif mit Mysterienkulten. Jeder einzelne bot die Lösung zur Glückseligkeit. Nicht allen Menschen, versteht sich, sondern nur den Eingeweihten.

Ob die verschiedenen Hausgemeinden ein ähnlich elitäres Verhalten an den Tag legten? Konnten sie Gott nicht zulassen, der sich Ihnen in aller Einfachheit als Mensch gezeigt hatte?

Paulus schreibt im Predigttext, der uns für den 2.Sonntag nach Epiphanias gegeben ist, in seinem 1.Brief an die Korinther, ich lese aus dem 2.Kapitel, Verse 1-10:

2 1 Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen.

2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.

3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;

4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft,

5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,

8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«

10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Liebe Schwestern und Brüder,

Sie lassen nichts Gutes an ihm, dem Apostel, die Kritiker in der Gemeinde. Er hatte keine charismatische Persönlichkeit wie Martin Luther King. Er riss seine Zuhörerschaft nicht mit durch rednerische Kunst wie man sie in der Antike schätzte.

Ein Superapostel wie Apollos hatte andere Qualitäten vorzuweisen. Dieser Mann Paulus mit seinem Stammeln und Stottern mag fachlich, also theologisch, qualifiziert sein, doch im Wettstreit der Redner fehlte es ihm an Strahlekraft.

Es bewahrheitet sich für ihn in der Gemeinde Korinths die unbequeme Wahrheit, die kürzlich eine Umfrage in der Zeitschrift Chrismon zur Sprache bringt. Da heißt es unter dem Titel: Ellbogen, Wissen oder Witz: Was hilft uns am besten auf der Karriereleiter? Die meisten Befragten antworten "die fachliche Kompetenz". Wenn man sie besitzt, komme man weiter im Berufsleben. Weit gefehlt, sagt der Wirtschaftspsychologe. Nicht die fachliche Qualifikation, sondern eine gute Selbstdarstellung ist alles. Wer rasch die Sympathie der Kollegen gewinnt und dann auch noch gute Beziehungen zu den Verantwortlichen trifft, klettert höher auf der Karriereleiter. Das belegen Studien.

Paulus schneidet schlecht ab in der Präsentation. Dabei hätte er etwas zu erzählen. Er war ein Zeitzeuge des auferstandenen Herrn. Paradoxerweise führt diese Nähe zu Christus jedoch für Paulus zum Gegenteil dessen, was wir menschlich gesprochen, von einem öffentlichen Vertreter der Lehre Christi erwarten. Brillanz. Große Worte. Bewegende Reden. Wir erwarten, dass uns jemand durch äußeres Auftreten beeindruckt und überzeugt.

Wir bewerten Menschen gern nach ihrem Schein und tun uns schwerer mit ihrem So-Sein. Paulus rührt an aktuelle Fragen, dort wo menschliche Autorität in Frage gestellt wird.

Was gerade in der Debatte um den Bundespräsidenten und um diesen Bundespräsidenten geschieht, ist eine gute Illustrierung dafür. Wir erwarten bestimmte Kompetenzen, dazu gehören der korrekte Umgang mit der Presse, Offenheit und Unbestechlichkeit. Wer ein solch öffentliches Amt bekleidet, muss sich an bestimmte Regeln halten. Was uns imponiert ist allerdings zeitbedingt, eingebettet in unsere Kultur, unsere Werteordnung. Daran hat man sich zu halten.

Wer Mitglied der Kirche Christi ist, hat sich an Christus zu halten, sagt Paulus. Er bestimmt den Ton, das Auftreten. Paulus antwortet den Korinthern, die sich etwas von Weisheitslehren versprechen: "Ich hatte beschlossen, bei euch von nichts anderem etwas wissen zu wollen als von Jesus Christus - und besonders davon, dass er gekreuzigt wurde." Ein Blick auf die Nachfolger Jesu ist ernüchternd. Unter Ihnen fanden sich gescheiterte Existenzen, ein paar arme Fischer, Steuereintreiber, Frauen. Ähnlich stand es um die Mitglieder der Gemeinde in Korinth. Paulus spricht sie direkt auf ihre Herkunft an: "Schaut euch doch nur einmal an. Nach menschlichem Maßstab gibt es weder viele Vornehme oder Gelehrte, und auch nicht viele Reiche unter Euch." Dennoch hatten sie hochgesteckte Erwartungen und bildeten sich auf Ihre neue Zugehörigkeit etwas ein. Damals wie heute gilt: Hochmut kommt vor dem Fall. Wir schießen über das Ziel hinaus und merken es nicht. Unser Glaube wird zum Paradestück wie manchmal Kinder für ihre Eltern:

"Meine Nadine kann mit ihren vier Jahren schon Zeitung lesen. Mein Dominik kann mit seinen fünf Jahren schon den pythagoräischen Lehrsatz anwenden. Unser Kai Amadeus hat mit sechs Jahren schon eine Symphonie komponiert. Meine Nicol arbeitet mit sieben Jahren schon an ihrer Autobiographie: Ich war ein Wunderkind. Das ist alles gar nix - Unser Erich hat mit seinen zehn Jahren ein Puzzle innerhalb von einem einzigen Jahr fix und fertig zusammen gesetzt, obwohl draufstand: Für vier bis fünf Jahre."

Was bringt uns heute in die Gemeinschaft der Kirche? Was suchen wir hier? Was haben wir hier zu suchen? Paulus Worte sind ernüchternd für uns. Sie müssen schwach wirken für die über 50 % der deutschen Bevölkerung, die sich auf der Suche nach Glück und Weisheit der esoterischen Szene zuwenden. Blass wirkt das Kreuz im Vergleich zum "Spa für die Seele" oder den Fernkurs per Skype, der mit der folgenden Garantie wirbt: »Sie bekommen Ihr gesamtes Geld wieder, wenn Sie nach der ersten Stunde nicht glücklich sind.« Selbst Frau Käßmann kann nicht konkurrieren mit dem Kult um Steve Jobs, der jede technische Erneuerung zu einer quasi religiösen Handlung erhob und von manchen der i-Gott, in Anspielung auf seine Erfindungen genannt wird. Ein Cocktail aus Technologie und Ästhetik wird so für manche zur Ersatzreligion, die zumindest vorübergehend ein Glücksgefühl, Stolz und eine gewisse Zufriedenheit zu schaffen vermag.

Paulus sagt: Nicht Eure Errungenschaften zählen, nicht der Personenkult, den ihr mit euch selbst oder anderen betreibt. Gott ist nicht abgehoben. Er geht den umgekehrten Weg. Anstatt sich unnahbar zu geben, wird er verletzlich. Anstatt sich im Elfenbeinturm einzuschließen und Theorien zu spinnen, klopft er an unsere Türen. Was er zu sagen hat, ist nicht populär. Der Dichter Martin Gutl drückt es so aus:

Endlich einer, der sagt:

"Selig die Armen!"

und nicht:

Wer Geld hat, ist glücklich!

Endlich einer, der sagt:

"Liebe deine Feinde!"

und nicht:

Nieder mit den Konkurrenten!

Endlich einer, der sagt:

"Was nützt es dem Menschen, wenn er

die ganze Welt gewinnt!"

und nicht:

Hauptsache vorwärts kommen!

Die KonfirmandInnen griffen diese Gedanken auf und entwickelten sie mit eigenen Worten weiter. Denken wir an das Bild, das das Evangelium und der Brief des Paulus vermittelt, so können wir sagen:

Endlich einer, der sagt: Ihr könnt mir reinen Wein einschenken!

Und nicht: Vor mir müsst ihr etwas darstellen.

Endlich einer, der sagt: "Ich komme zu dir."

Und nicht: Du hast meinen Besuch nicht verdient!

Endlich mal einer, der sagt: nimm dich selbst nicht so wichtig, denn es genügt schon, dass ich das tue.

Wenn wir uns danach ausrichten, dann werden wir als Kirche Christi zu einer Gemeinde, die offen ist für andere anstatt sich auf sich selbst zurückzuziehen. Dann rühmen wir nicht unsere eigenen Stärken, sondern achten auf Christus, der uns in seinen Dienst stellt und uns dazu für das öffnet, was Not tut.

Der Sohn Martin Luther Kings sagte: "Mein Vater sprach immer davon, die drei großen Übel zu überwinden: Armut, Militarismus, Rassismus. Schauen Sie, wo wir heute stehen."

Amen.

Lieder: EG 66, 1,2,7,8 / Ps 105 /EG 33, 2+3 / EG 70, 1,3+4 / EG 224 / EG 56, Kehrvers / EG 398