"Die Folgezeit verändert viel!" - Predigt über Lukas 5, 1-11
5. Sonntag n. Tr. - 8.07.2012, Christuskirche Freiburg (Kantatengottesdienst)


Liebe Gemeinde!

Was geschieht, wenn ein Plan, in den ich über lange Zeit viel Liebe und Energie investiert habe, von einem Moment auf den anderen wie Seifenblasen zerplatzt? Was, wenn mein Leben von einer Sekunde zur anderen durch den Schlaganfall, den Verkehrsunfall, die Krebsdiagnose aus der Bahn geworfen wird? Was folgt dem Absturz? Gibt es ein Danach für mein Leben, das ich in Trümmern sehe? Diese Fragen versucht Bachs Kantate zum heutigen 5. Sonntag n. Tr. "Wer nur den lieben Gott läßt walten" zu umkreisen. Der musikalisch so himmlisch schöne Eingangschor - wir werden ihn nachher zum Abschluß des Gottesdienstes noch einmal hören - läßt in seinem Ineinander von tänzerischem 12/8-Takt und den elegischen Schluchzern der Oboen schon spüren, daß das "Ambiente" dieser Kantate, ganz wie der ihr zugrunde liegende Choral von Georg Neumark, zwischen dem ungeschminkten Blick auf das Leben mit all seinen Dunkelheiten und dem trotzig-zuversichtlichen Pochen auf das "Dennoch" des Glaubens changiert.

I.

Einen entscheidenden Hinweis haben wir vorhin in dem großen Tenor-Rezitativ gehört. "Die Folgezeit verändert viel": mit dieser Zeile aus der 5. Strophe des Chorals wird eine Perspektive aufgezeigt beim Umgang mit Scheitern und Niederlagen. Während wir bei Mißerfolg und Lebensbedrohung oft bohrend und quälend nach dem Warum fragen und damit im Vergangenen steckenbleiben; während wir "Kreuz, Leid, Traurigkeit" heute ganz an die Ränder des Lebens schieben, um ihnen dann umso hilfloser ausgeliefert zu sein, wenn sie über uns kommen; während wir in Konflikten uns in Schuldzuweisungen ergehen und dabei Lösungswege aus den Augen verlieren - geht der Choral demgegenüber ganz selbstverständlich davon aus, daß Leiden Teil des Lebens ist. Und lenkt dann den Blick auf das Danach und damit auf die Zukunft - nicht im Sinn der so zutreffenden wie banalen Tatsache, daß die Zeit Wunden heilt und noch in jedem Tunnel irgendwann der Lichteinfall sein Ende ankündigt. Vielmehr beschwören der Choral und die ihn meditierenden Zudichtungen in der Kantate Gottes gegenwärtiges Handeln, so daß die Zeit des Danach für Veränderung, Erneuerung, Umsteuerung, vor allem aber für Zukunft steht.

Was damit gemeint ist, liebe Gemeinde, wird mit dem vorhin gehörten Evangelium dieses Sonntags deutlich, der Geschichte vom Fischzug des Petrus. Sie ist der biblische Hintergrund unserer Kantate. Im Tenor-Rezitativ wird daran erinnert: "Hat Petrus gleich die ganze Nacht / Mit leerer Arbeit zugebracht / Und nichts gefangen: / Auf Jesu Wort kann er noch einen Zug erlangen." Auch Petrus also hat die bittere Erfahrung von Scheitern und Vergeblichkeit gemacht. Fischer von Beruf, schippert er mit seinem Kahn auf den See Genezareth hinaus, wirft die Netze aus - aber die blieben leer. "Die ganze Nacht nichts gefangen", sagt er deprimiert zu Jesus. Bittere Erfahrung der Vergeblichkeit. Leerlauf. Kurzarbeit gleich null. Ausgegrenzt werden aus dem Arbeitsprozeß. Und dann nur noch die Netze, die sich nicht füllen wollen, sinnlos durchs Wasser ziehen, das einem bis zum Hals steht. Daneben der andere Leerlauf: Arbeiten bis zum Burn out, sich engagieren und gleichzeitig spüren: es bringt nichts. Ob du was tust oder nicht, ist eigentlich egal, die Dinge nehmen sowieso ihren Lauf. Das ist für zu viele Menschen die Alltagserfahrung, auch in der kirchlichen Arbeit. Sich abrackern und gleichzeitig spüren: da kommt nichts rüber. Die Folge ist schmerzhafter Frust. Frust, der mich in die ewige Litanei von der Eigengesetzlichkeit der Dinge, der Unveränderbarkeit der Menschen einstimmen läßt. Jesus aber läßt sich von der lähmenden Traurigkeit nicht anstecken. Er animiert Simon und seine Freunde zu einem neuerlichen Fischzug: "Fahrt hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!" Eigentlich müßte Simon Petrus Jesus für verrückt erklären. Tagsüber hinausfahren und die Netze auswerfen, wo sie doch schon nachts nichts gefangen hatten - auf so eine Idee kann nur ein Blaustrumpf kommen, der von der Fischerei keine Ahnung hat.

Der Grund für das Vertrauen, das Petrus trotz aller gegenteiligen Erfahrung in den Rat Jesu setzt, ist eine Erfahrung, die auch sehr schlicht erscheint und dennoch stimmt: "Nach Regen gibt er Sonnenschein", heißt es am Schluß des Tenor-Rezitativs. Wem das zu banal klingt, der werfe einen Blick auf die folgende Sopran-Arie. Dort wird der Wechsel der Zeiten auf die uns manchmal so zementiert erscheinenden Lebensverhältnisse bezogen, und die verändernde Kraft des Gottvertrauens beschworen: "Er ist der rechte Wundermann / Der die Reichen arm und bloß / Und die Armen reich und groß / Nach seinem Willen machen kann."

Die Botschaft ist eindeutig: kein Absturz, keine Leere, keine Vergeblichkeit können so endgültig sein, als daß uns Gott nicht erreichen, aus dem Nichts rausholen und wieder aufrichten könnte. "Du darfst nicht meinen, / Daß dieser Gott im Schoße sitze", heißt es im Tenor-Rezitativ. Gott überläßt uns nicht, sich wohlig auf dem Himmelthron räkelnd, unserem Schicksal. Gottes Walten ist nicht mit einem Fatalismus zu verwechseln, der das Leben und die Welt dem Lauf der Dinge einfach überläßt. Vielmehr will das Gottvertrauen uns hellhörig und sensibel machen für die Stimme Jesu, mit der er in unser Leben eingreift: Wirf dein Netz noch einmal aus - dort, wo dein Leben Tiefe gewinnt. Ich finde das einen sehr tröstlichen Gedanken des Glaubens. Gott bewahrt uns Menschen vor einem sinnentleerten Dahinvegetieren und Sichtreibenlassen - auch dann, wenn wir der Zerstörung von Lebenszielen ausgesetzt sind, wenn wir unter Vergeblichkeit leiden und uns Ängste und Zweifel aufreiben. Dann kann das Vertrauen auf Gott unser Selbstbewußtsein und die Hoffnungskraft stärken und uns ein tragfähiges Fundament vermitteln: "Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, / der hat auf keinen Sand gebaut."

II.

Simon Petrus läßt sich von diesem Vertrauen anstecken: "Aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen". Zu verlieren hat er ja nichts. Schlimmer, als es gerade um ihn und seine Leute steht, kann es nicht kommen. Warum sich dann nicht - gegen alle Wahrscheinlichkeit - auf einen neuen Weg einlassen, auf den Weg des Zutrauens gegen den Augenschein? Petrus wagt es, Abschied zu nehmen von den naheliegenden Rückschlüssen der Resignation: weil die Netze leer bleiben, gibt es keine Fische, ist für ihn keine Arbeit da, ist sein Leben sinnlos. Weil es in seiner persönlichen Welt gerade so finster aussieht, gilt das auch für alles um ihn herum. In solcher Befindlichkeit finden wir uns ganz gut wieder. Auch unter uns ist das Phänomen weitverbreitet, die eigene Situation oder die gesellschaftliche Lage, auch wenn sie prekär ist, als quasi gottgegeben und unveränderbar hinzunehmen - und ziehen uns dann aus aktivem Engagement zurück. Dabei ist angesichts sozialer Mißstände, wie sie auch Jesus am See Genezareth vorfand, das Engagement mit Tiefgang dringend nötig.

Wenn wir hier umsteuern wollen, dann möchten wir uns von dem anstecken lassen, was Simon Petrus entdeckt: das Vertrauen darauf, daß Gott diese Welt nicht sich selbst überläßt, sondern Gutes mit ihr vorhat - und uns dazu braucht. "So kömmt Gott, eh wir uns versehn, / Und lässet uns viel Guts geschehn": so endet das Sopran-Alt-Duett, das die Mitte der Kantate bildet. Gott will auf uns nicht verzichten: eine Einsicht, die so wichtig ist für alle, die ihre depressive Stimmungslage zur Weltanschauung inszenieren. Die von der "Früher war alles besser"-Nostalgie nicht loskommen; die überall nur Krise und Abbruch sehen, für die jedes halbvolle Glas nur halbleer ist. Auch in der Kirche lassen wir uns davon anstecken. Und dann wird manchmal über Dinge, die, mit Bonhoeffer zu reden, keine letzten, sondern allenfalls vorletzte, wenn nicht drittletzte Dinge sind, in einer Verbissenheit gerungen, als stünde der Untergang des christlichen Abendlandes auf dem Spiel. Gegen das Gift dieser wehleidigen Traurigkeit setzt Jesus einen Perspektivenwechsel. Auf den ersten Blick ist es nur eine kleine Umsteuerung, die er bei Petrus anregt: Versuch es noch einmal, aber am Tage. So ruft Jesus mit Simon Petrus auch uns aus dem See der Vergeblichkeit heraus. Ja, es bedarf oft nur eines kleinen Perspektivwechsels, um von der Oberfläche in die Tiefe zu gelangen - während wir meinen, es sei eine Herkulesarbeit, die wir eh nicht schaffen. Wie gesagt: "Die Folgezeit verändert viel!"

Dazu stärkt Jesus mit Petrus auch uns den Rücken, indem er ihm, uns sagt: Du wirst dringend gebraucht, wenn es um die Botschaft von Gottes Gerechtigkeit und Gottes Frieden geht - und zwar mit deinen Gaben und Begabungen. Darum laß das Vertrauen stärker werden als den Frust über so viel Vergeblichkeit. Und du wirst spüren: nicht nur du veränderst dich, sondern mit dir verändern sich die Verhältnisse so, daß du deine Netze neu auswerfen kannst. Und dann geschieht das Unglaubliche, nicht zu Erwartende: "Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen." Da wandelt sich die Erfahrung von einem Extrem ins andere: vom vergeblichen Mühen zum mühelosen Erfolg. Petrus' Einsatz allein reicht nicht. Er ruft die anderen Fischer zur Hilfe, spannt sie ein in das neue Vertrauen.

III.

Und was ist die Folge dieser Wende? Etwa allgemeine Euphorie? "Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten." Wieso diese Reaktion? Warum sagt Simon Petrus nicht: Herr, bleibe bei uns, für immer, dann wird uns die Arbeit nicht ausgehen, dann ist beruflicher Erfolg und die Existenz der Familie gesichert? Warum dieses ebenso verstörte wie harsche "Herr, geh weg von mir"? Warum erkennt sich Simon Petrus gerade in diesem Moment des Gelingens als Versager, als Sünder? Ist er vom Erfolg überfordert? Oder ahnt er schon, daß das gerade Erlebte Folgen haben wird, die sein Leben total verändern werden? "Die Folgezeit verändert viel"… Warum macht sich Simon Petrus klein, wo er doch gerade so Großes hat schaffen können? Ist es der abgründige seelische Mechanismus, den manche von uns vielleicht von sich kennen, sich Gutes, Hilfe von außen nicht gönnen zu können?

Eine schlüssige Antwort darauf habe ich nicht. Ich kenne nur, auch von mir selber, diese seltsame Erfahrung: in der Stunde des lang ersehnten Erfolgs stehen wir manchmal am Abgrund unserer Existenz, erfahren uns als überforderte Menschen, spüren nur Leere in uns - und wollen plötzlich zum Alten zurück. Eben das will Jesus verhindern. Er tut das durch jene drei Worte, mit denen Gott zu allen Zeiten Menschen angesprochen und aufgerichtet, Finsternis beseitigt und neue Zukunft aufgetan hat: "Fürchte dich nicht!" Simon neigt sich vor Jesus auf den Boden, weil er in ihm Gott selbst erkennt. Gott aber neigt sich erst recht, indem er in Jesus zu Simon redet wie eine Mutter nachts zu ihrem weinenden Kind: "Fürchte dich nicht!"

Dieser schöne Zuspruch ist in der Bibel aber immer auch mit einem wichtigen Auftrag verbunden. So auch für Simon Petrus. Was da an ihm geschehen ist, soll nicht sein Privatbesitz bleiben. Es soll weitergehen und durch ihn anderen zuteil werden. "Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du ein Menschenfischer sein." Man mache sich klar, was das heißt: Genau in dem Moment, wo Simon nur noch von Jesus wegrennen will, bindet ihn dieser auf allerintensivste Weise an sich! Wo Petrus meint: Du und ich, das paßt unmöglich zusammen - da verfügt Jesus: Nein, du bleibst bei mir als mein autorisierter Beauftragter!

Spüren Sie, liebe Gemeinde, was für eine Entlastung darin liegt? Keiner von uns kann zu klein(gläubig), zu ängstlich, zu unwichtig sein, um von Gott nicht wert geachtet, um nicht irgendwo in Dienst genommen zu werden! Blick auf Simon genügt: Gerade er, diese schillernde, skandalträchtige Jüngergestalt ist es, zu dem Jesus einmal sagen wird: "Du bist Petrus, auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen" (Mt 16,18). Das heißt: Kirche, Gemeinde Jesu Christi, das ist immer die Gemeinschaft der von Gott trotz all ihrer Fehler und Abgründe geliebten, gerechtfertigten Sünder. - Singen wir uns jetzt beherzt diesen wunderbaren Choral zu, dessen letzte Strophe wie eine elementare Verdichtung der Hoffnung unseres Glaubens ist:

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,

verricht das deine nur getreu

und trau des Himmels reichem Segen,

so wird er bei dir werden neu.

Denn welcher seine Zuversicht

auf Gott setzt, den verläßt er nicht.

Amen.