Keine Gottesvertraulichkeit! - Predigt über Jeremia 23, 16-29
2. Sonntag n. Tr. - 10.6.2012, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Stellen wir uns für einen Moment vor, wir wären nicht hier unserer Christuskirche beieinander, sondern wir wären Christen in Italien, in der Emilia Romagna, wo kürzlich das schlimme Erdbeben passiert ist. Die kleine Dorfkirche wäre auch zusammengefallen, und nun säßen wir zum Gottesdienst irgendwo im Staub zwischen Trümmern. Uns würde im Hals stecken bleiben, was wir eben mit Paul Gerhardt gesungen haben: "Du nährest uns von Jahr zu Jahr, / bleibst immer fromm und treu / und stehst uns, wenn wir in Gefahr / geraten, treulich bei". Mir fiele es schwer, zu predigen. Aber Sie würden hoffentlich nicht durchgehen lassen, daß ich stumm bleibe. "So rede doch! Wo ist Gott gewesen? Warum ist so viel Dunkel in unserer Welt und im eigenen Leben? Hat sich Gott von unserer Welt verabschiedet?"

I.

Zeitlos bedrängende Fragen sind das. Auch zur Zeit des Propheten Jeremia haben Menschen an dieser dunklen Seite Gottes Anstoß genommen. Wir schreiben das Jahr 594 v. Chr. Der babylonische König Nebukadnezar, der mächtigste Mann der damaligen Welt, hat wenige Jahre vorher Jerusalem eingenommen, den Tempel in Teilen zerstört und die goldenen Tempelgeräte geraubt. Was für eine frevelhafte Verwüstung! Wo ist Gott geblieben? Da beruhigen Propheten das Volk: "Bleibt unbesorgt, es wird kein Unheil über euch kommen!" Das hört man gern. In dieser Situation tritt Jeremia auf den Plan. Was er sagt, schockiert die Leute. Lesen: VV 16-18.23-24.29

Jeremia spricht Klartext: "Eure Propheten", erklärt er, "sind verlogene, falsche Propheten". Er nennt Gründe für dies harte Urteil. Die falschen Propheten vernebeln die politische Landschaft. Sie träumen sich über die harten Realitäten hinweg. Sie produzieren sich selbst. Sie muten dem Volk keine Umkehr, keine bitteren Wahrheiten zu. Sie haben Angst vor einer "Blut-, Schweiß- und Tränenrede", wie sie Churchill bei seinem Amtsantritt 1940 hielt. Sie bevorzugen die Vision von den "blühenden Landschaften". Sie reden den Leuten nach dem Mund und erklären: "Ihr habt nichts Schlimmes zu befürchten, es wird schon irgendwie weitergehen!" - so im Geist jenes berühmten Slogans, mit dem ein früherer Bundesminister 16 Jahre lang dem Volk Sand in die Augen gestreut hat: "Die Rente ist sicher!" In all dem spielen diese selbsternannten Propheten sich als Geheimräte Gottes auf und wissen auf alles eine plausible Antwort. Sie machen Gottes Wort zur harmlosen Werbebotschaft. Sie schaffen eine falsche Gottesvertraulichkeit.

Liebe Gemeinde, das Bedürfnis nach solcher Gottesvertraulichkeit ist auch bei uns weit verbreitet. Wir wollen Gottes Nähe ganz dicht bei uns fühlen; wir wollen uns mit Gott wohlfühlen. Eine solch harmlose, ängstliche Religion bleibt ganz sich selbst und dem Kreisen um die eigene Befindlichkeit. Sie trägt aber nicht, wenn wir ganz massiv Gottesfinsternis erfahren. Zu viel geschieht immer wieder, was einem den Himmel wie zugemauert erscheinen läßt. Oder wir erleben persönliche Krisen und Krankheiten. Wir fragen: Hat sich Gott von unserer Welt verabschiedet? Wo ist Gott in meinem Leben?

Während wir mitten drin im Fragen sind, werden wir durch unseren Predigttext mit einer Gegenfrage konfrontiert: "Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?" - Bin ich ein Nahgott nur und ein Ferngott nicht auch? Glaubt ihr, daß Gott nur dort zugange ist, wo ihr seine Nähe fühlt? Wir machen Gott klein, zu einem Fetisch, wenn wir unseren Glauben daran hängen, daß seine Nähe für uns auf Schritt und Tritt unbestritten ist. Gott ist auch dort am Werk, wo wir ihn nicht fühlen, wo er uns keine Sicherheit gibt, wo er nicht die Erklärung für das Dunkel in unserem Leben und in der Welt ist, kurz, wo er ganz fern ist.

II.

Wie kommen wir auf die richtige Spur? Eine wichtige Voraussetzung: indem wir die Bibel nicht zum erbaulichen Poesiealbum mit harmlosen Sprüchen machen! "Ist mein Wort nicht wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?" Das Wort Gottes bringt Glut und Leidenschaft. In einer Biographie über den großen Theologen Karl Barth wird berichtet, Barth habe auch im hohen Alter "die kalte Dusche am Morgen weiterhin pünktlich und fleißig exerziert". Eigentlich eine banale Mitteilung. Aber seit ich das las, ist mir diese morgendliche "kalte Dusche" zu einem Bild geworden. Dafür nämlich, daß die Dinge, die uns wirklich beleben und in Bewegung bringen, nicht billig zu haben sind, sondern zunächst durchaus schockierend wirken. "Das war eine kalte Dusche", sagen wir umgangssprachlich, wenn wir etwas zu hören kriegen, das uns trifft und deprimiert. Eigentlich ist dieses Bild ganz schief. Denn eine kalte Dusche ist ja was Gutes, sie bringt das Blut in Wallung und belebt uns wie kaum etwas. Die saloppe Alltagssprache trifft das gut, wenn sie abschätzig von "Warmduscherei" spricht. In der Tat: Wenn es um Gottes Wort geht, dann sollten wir uns jede Warmduscherei verboten sein lassen.

Das ist ja immer wieder unsere Versuchung. Da gibt es nicht wenige Stellen und Geschichten, vor allem im Alten Testament, die - wie wir heute so sagen - "so nicht mehr unserem Gottesbild entsprechen". Huschhusch springen wir dann zu den neutestamentlichen Texten, die uns Gott als den Liebenden, (Mit)leidenden, Beschützenden nahebringen. So aber dividieren wir den biblischen Gott auseinander in einen lieben Nahgott, den wir uns recht sein lassen, und in einen dunklen Ferngott, mit dem wir nichts zu schaffen haben wollen. Darüber vergessen wir, daß beides zwei Seiten ein und desselben Gottes sind, der auch als der Nahe und Liebende das unverfügbare, unbegreifbare Geheimnis unserer Welt bleibt.

Ich erinnere mich eines Gesprächs mit einem älteren Kollegen. Er war an einer der schlimmsten Krebsarten erkrankt und schließlich wider alles Erwarten gesund geworden, soweit man das bei Krebs sagen kann. Sein Arzt sprach von einem Wunder, und daß bei dieser Krankheitsform nur einer von Hundert durchkommt. Der Kollege sagte mir nachdenklich: "Ich habe allen Grund zu danken. Aber der Dank gegenüber dem gütigen Gott, den ich erfahren habe, wird schal und fragwürdig angesichts der 99 anderen, die nicht mehr gesund werden." Das hat mich nachdenklich gemacht. Zu vieles geschieht in dieser Welt - das Erdbeben von Lissabon 1755 und der Tsunami von Ostasien 250 Jahre später -, wo ein fürchterliches Geschick brutal unterschiedslos Gerechte und Ungerechte trifft. Und wo man sich nicht so damit rausreden kann, das seien ja menschengemachte Katastrophen gewesen. Luther hat dieses Dilemma mit seiner Rede von der Erfahrung des deus absconditus, des verborgenen Gottes umkreist. Früher habe ich mich damit schwer getan, weil für mich Gott ausschließlich ein Gott der Liebe war. Heute sehe ich das differenzierter. Wenn Gott ist, als was wir ihn bekennen, allmächtig nämlich, dann muß er auch im Bösen, im Abgründigen irgendwie dabei und am Werk sein. Der Prophet Amos geht so weit, zu fragen: "Geschieht ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut?" (Am 3,6). Dem Beunruhigenden, das in solchen Fragen liegt, müssen wir uns mehr aussetzen. Es ist eine gefährliche Verharmlosung Gottes und unseres Christseins, wenn man mit Gott nur noch etwas anfangen kann, wenn er Streicheleinheiten austeilt. Bis in die Anrede unserer Gebete hinein zeigt sich diese derzeitige Spiritualität. Wie oft sagen wir da "guter Gott". Gott aber ist eben nicht einfach nur "gut".

"Ist mein Wort nicht wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?" Bei diesem Bild hilft die Auslegung jüdischer Rabbinen weiter. Wie der Hammer Funken erzeugt, wenn er auf den Fels schlägt, so funkelt die Tora, das Wort Gottes auf vielfältige Weise. Gottes Wort ist glühender und funkelnder als unsere Ansichten, mit denen wir es - fromm oder zweifelnd - domestizieren. Liebe Gemeinde, es gibt vieles, was uns freut: Der Gang durch Wiesen und Wälder im Schwarzwald oder am Kaiserstuhl, ein Kunstwerk im Museum - gestern um diese Zeit waren wir noch im Musée Rodin und Paris und konnten uns nicht sattsehen an den Skulpturen - die aufregenden Fußballspiele jetzt bei der EM. Mehr als all das aber freut uns ein gutes Wort, vielleicht in einem Gedicht aus dem "Ewigen Brunnen" oder aus einem Paul-Gerhardt-Lied im Gesangbuch, vielleicht aus dem Mund eines Kindes oder beim abendlichen Gespräch mit Freunden. Am tiefsten berührt uns Gottes Wort, weil es sich nicht erst dann Gehör verschafft, wenn uns danach zumute ist, wenn wir auf Gottesvertraulichkeit gestimmt sind, sondern weil es uns manchmal ganz unvermittelt ins Innerste treffen kann.

III.

Über einen, der so auf Gottes Wort gesetzt hat, habe ich kürzlich ein beeindruckendes Buch gelesen. Ich meine Nikolaus Graf von Zinzendorf, der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine. Viele von Ihnen kennen seinen Namen vom Losungsbüchlein, das die Herrnhuter seit 282 Jahren Jahr für Jahr herausbringen. Der Graf war ein absolut ungewöhnlicher Christ. Er war sehr fromm, aber überhaupt nicht eng, sondern von einer unglaublichen Weite des Herzens. Er wußte daß man über Gott und sein Wort nicht verfügen darf. Er suchte Gott nicht nur in der vertraulichen Nähe. Daß Gott sich im Kreuz Jesu Christi in eine solche Ferne des Leidens und der Verlassenheit, der Verzweiflung begeben hat, hat Zinzendorf lebenslang nicht losgelassen. Er hat daraus für sich die Konsequenz gezogen, daß es Unglaube ist, mit Gott nur dort zu rechnen, wo seine Nähe außer Frage steht, wo sie sinnlich erfahren, gefühlt werden kann.

"Bin ich ein Nahgott nur und ein Ferngott nicht auch?" Zinzendorf hat diese Gegenfrage auch ganz wörtlich genommen. Gott ist auch räumlich ferne zu suchen und anzutreffen und nicht nur Zuhause in den eigenen vier Wänden, in der eigenen Gemeinde, in der eigenen Kirche. Zinzendorf begab sich viel auf Reisen in Deutschland, nach England und Amerika, in die Karibik und nach Rußland. Leicht war ihm das nicht. Das Reisen war damals ungeheuer beschwerlich. Aber er nahm das mit dem Ferngott ganz ernst. "Ich weiß, daß ich einer von denen bin, die von Natur am liebsten daheim sind, die die größten Liebhaber sind von einer Heimat, einem bleibenden Plätzchen. Aber es hat dem Heiland nicht gefallen, es so einzurichten." Weil Zinzendorf mit dem Ferngott ernst machte, hat sein Christsein Weite und Tiefe gewonnen. Ich vermute, Zinzendorf, käme er heute zu uns, wäre traurig über die Verwohnzimmerung unseres Christseins, dessen Horizont vielfach an den eigenen Gemeindegrenzen endet. Martin Luther wußte, warum er in seiner Auslegung des dritten Glaubensartikels nicht von "meine Kirche" oder "meine Gemeinde" sprach, sondern von "der ganzen Christenheit auf Erden". Und ich denke, Zinzendorf wäre begeistert gewesen über die Worte, die unser Bundespräsident vor zwei Wochen in Ratzeburg gesagt hat, beim Gründungsfest der neuen großen Nordkirche. Joachim Gauck sagte da etwas, was weit über diesen Anlaß hinaus für unsere Kirche insgesamt gilt, auch für uns in Freiburg. Das möchte ich hier zum Schluß noch zitieren:

"Nicht nur ich, der ich in der Mecklenburgischen Landeskirche meine geistige und geistliche Heimat hatte, auch viele andere werden heute Erinnerungen an sich vorüberziehen lassen - und auch viele andere werden ein bißchen Wehmut verspüren, die ganz normal ist, wenn etwas verschwindet, was uns ans Herz gewachsen war.

Aber heute geht etwas Neues los, heute geht unser Blick gläubig und zuversichtlich in die Zukunft. Wie wir es eben gesungen haben, so fordern wir uns gegenseitig auf: "Vertraut den neuen Wegen". An Pfingsten haben die Jünger nicht von der guten alten Zeit in Galiläa geschwärmt, wie alles noch so überschaubar und ziemlich gemütlich war. An Pfingsten haben die Jünger nach vorne geschaut; sie haben sich gefragt, wie es jetzt weitergeht: in die Zukunft und in die Welt hinein. Sie haben sich ermutigt gewußt für einen neuen Weg, der vom Gewohnten, von der bekannten Heimat wegführt in eine neue, eine größere Gemeinschaft."

Soweit Joachim Gauck. Was für ein Geschenk, einen Bundespräsidenten zu haben, der so einfache und einfach wahre Worte sagt! Das ist ansteckender Glaube, wie er von Menschen wie Zinzendorf ausgegangen ist. Wenn wir nachher sein bekanntestes Lied singen "Jesu, geh voran auf der Lebensbahn", dann werden manche unter Ihnen vielleicht an Zeiten denken, da Sie durch dieses Lied Gott in der Ferne verzweifelter Stunden gesucht haben. Und wo Sie später rückschauend entdeckt haben, daß Sie von Ihm gesucht und gefunden waren und blieben, auch im finsteren Tal. So daß Sie dankbar mit demselben Jeremia aus dessen "Klageliedern" sagen können: "Die Güte des Herrn ist's, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu" (Kgl 3,22).

Amen.

Lieder: 505,1-3 / 332,1+2 / 324,1-3.6-8 / 642,1-4 / 391,1-4