Von der Vergeßlichkeit Gottes - Predigt über Jeremia 31, 31-34
Exaudi - 20.5.2012, Christus- u. Petruskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

"Sie sollen mich alle erkennen": in dieser großartigen Verheißung gipfelt diese Weissagung des Jeremia. "Den Herrn kennen", Gott selbst schauen: das ist, bewußt oder unbewußt, unsere Sehnsucht. Und es ist, so sagt es die Bibel, die Erfüllung des ganzen Lebens, all unseres Umgetriebenseins. Denn es heißt, mit Paulus zu reden, die Wahrheit "von Angesicht zu Angesicht" sehen (1. Kor 13,12). Also nicht mehr nur so bruchstückhaft, verzerrt, eingewickelt in all die kleinen Lebenslügen, in denen wir uns so einrichten.

Vor allem aber: wir würden dann endlich den Sinn unseres Lebens erkennen. Es bräuchte dann keine Philosophie mehr, weil die drei uralten Grundfragen des Menschen endgültig beantwortet wären: Was können wir wissen? Was dürfen wir hoffen? Was sollen wir tun? Wir würden sogar hinter das dunkelste aller Geheimnisse kommen: das des menschlichen Leidens. Wie kann es einen Himmel mit einem lieben Gott in ihm geben angesichts der Hölle, die Menschen einander bereiten bis zum heutigen Tag? Und wenn es ihn denn wirklich gibt, wie kann er, den wir doch als den Allmächtigen bekennen, solches zulassen?

Ja, wer Gott erkennen könnte, der wäre wirklich ein Wissender. Er wüßte Bescheid über Gut und Böse. Er würde vermutlich sogar eine Antwort auf die Frage erhalten, die seit zehn Stunden zahllose Fußballfans in unserem Land nicht zur Ruhe kommen lässt: Wie konnte das heute Nacht in München passieren?? "Unruhig ist unser Herz, bis es dereinst ruht, o Gott, in Dir": Mit diesem berühmten Satz beginnen die "Confessiones" des Augustin, die erste große Selbstbiographie der Weltliteratur.

I.

Jeremia spricht hier in eine noch ferne Zukunft hinein. Daran sehen wir, daß dieses Kennen der eigentlichen Wahrheit, des wirklichen Lebens noch weit vor uns liegt. Auch wenn einer wirklich gepackt ist vom Evangelium, bereit, in der Gemeinde mitzumachen: das ist immer noch erst ein "Angeld des Geistes", wie es Paulus nennt, also ein Wechsel auf die Zukunft, eine Verheißung auf ein viel Größeres hin. Liebe Gemeinde, daraus ist etwas Wichtiges zu lernen. Nämlich: Christsein, Glauben heißt immer beides, es heißt dankbar und unzufrieden sein. Wie das? Nun, vor dem Hintergrund unseres kurzen Textes wird das anschaulich. Als Glaubende sollen wir dankbar sein für das, was uns schon gegeben ist, und zugleich unzufrieden, weil das nicht genug ist, weil das, was uns geschenkt ist, für sich allein nur ein Anfang ist, der Fortsetzung braucht und ohne diese Fortsetzung keinen Sinn hätte.

Das hat auch damit zu tun, daß, was uns von Gott gegeben ist, von uns aus immer wieder in Frage gestellt wird - so daß wir im Grunde nicht mal das, was wir eigentlich jetzt schon haben, wirklich haben, sondern uns immer noch ärmer machen, als wir von Gott her gesehen sind. Das ist ja die durch alle Zeiten gleich bleibende Grundmisere des Menschen vor Gott, wie sie die Bibel sehr nüchtern beschreibt. Und das ist auch die Situation, die der Prophet hier aufdeckt.

Da ist zunächst von einem Bund die Rede. Der besteht darin, daß sich Gott auf Gedeih und Verderb mit einer Gruppe von Menschen verbindet. Er, der als der Ewige ganz und gar frei und ungebunden ist, wendet sich in besonderer Weise dieser Menschengruppe zu und geht ein regelrechtes Verpflichtungsverhältnis mit ihr ein. Er sieht sie als versklavte Fremdarbeiter ein elendes Leben fristen. Das geht ihm durch und durch, wie man so sagt, und so führt er sie aus der Knechtschaft in die Freiheit. Er stürzt die Herren, die sie ausgebeutet hatten, macht sich selbst zu ihrem Herrn und gibt sich ihnen als Freund, als Bundesgenosse zu erkennen. Jetzt kennen sie den Geruch der Freiheit. Der Inhalt dieses neuen Lebens war nur äußerlich das neue Land, wo Milch und Honig fließt. Sein wahrer Inhalt war dieser Bund: der Bund des lebendigen Gottes, ein Leben, in dem nicht die vielen Götter und Götzen die Regie führen, sondern Er allein. Das, so sagt Jeremia dem Volk Israel, ist wirkliches, freies Leben.

Dabei ist der Prophet von schonungsloser Nüchternheit in seiner Sicht auf die Lage. Er sieht zwei gegenläufige Bewegungen. Einmal: Aus alt mach neu! Das ist die Bewegung Jahwes, des lebendigen Gottes. Er findet ein altes, sinnloses Leben vor. Aber er kann einen Weg bahnen in ein neues, sinnerfülltes Leben. - Aber dagegen: Aus neu mach alt! Das ist die unselige Gegenbewegung des Menschen. Daß die neugewonnene Freiheit eben nicht gleichbedeutend ist mit Lebensglück, der Befriedigung aller möglichen Bedürfnisse, das kann der Mensch, wie er nun mal gestrickt ist, offenbar nicht akzeptieren. Und so kommt die kindische Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens wieder hoch, nach der Vergangenheit, in der "alles besser" war.

Das ist nicht nur in der "Welt", sondern auch in der Geschichte der Kirche häufig so gewesen, und aus einer solchen Erstarrung ist vor 495 Jahren die Reformation aufgebrochen. Aber dann hat sich diese fatale Bewegung des Menschen "Aus neu mach alt" auch in den Kirchen der Reformation allzu oft durchgesetzt. Wir spüren ja alle diesen Widerspruch, und leiden auch unter ihm: Da wird in unseren Gottesdiensten eine unerhörte, immer wieder neue Botschaft laut - aber drumherum bleibt alles beim Alten, bleiben wir die Alten, mit unserer Routine und Angst vor allem Neuen. Ein katholischer Theologe (Lothar Zenetti) hat einmal hintergründig formuliert:

Frag hundert Katholiken, was das wichtigste ist in der Kirche,

und sie werden antworten: Die Messe!

Frag hundert Katholiken, was das wichtigste ist in der Messe,

und sie werden antworten: Die Wandlung!

Sag hundert Katholiken, daß das wichtigste in der Kirche die Wandlung ist,

und sie werden antworten: Nein, es soll alles so bleiben, wie es ist!

Das ist die ironisch klingende, aber eigentlich verzweifelte Klage eines, der seine Kirche liebt und deshalb an ihr leidet. Der jetzt gerade zu Ende gehende Mannheimer Katholikentag hat gezeigt, wie vielen (deutschen) Katholiken es so geht mit ihrer Kirche. Aber eigentlich betrifft es uns Protestanten genauso. Ja man könnte meinen, wir sind in mancher Hinsicht inzwischen katholischer, konservativer als die Katholiken selbst. Es gibt nicht wenige, die eigentlich gern mehr in unseren Gemeinden Fuß fassen würden, sich aber schwer tun mit mancher Enge und den über Jahrzehnte eingefahrenen Formen überkommener Kirchlichkeit. Auf Manche wirken wir so, wie es vor 40 Jahren die unruhigen Studenten von ihren Professoren sagten: "Unter den Talaren / der Muff von tausend Jahren!"

II.

Diese Übermacht des Alten über das Neue ist manchmal wirklich zum Verzweifeln. Und Jeremia, der große Leidende unter den Propheten, ist darüber auch oft verzweifelt. Aber jetzt bekommt er das Wort, das ihn aus der Verzweiflung rausholt, und durch ihn bekommen auch wir es. Denn Gott läßt ihn wissen: daß Ihr, mein Volk, den Bund mit mir nicht gehalten, immer wieder gebrochen habt, das soll nicht das letzte Wort in unserer Beziehungsgeschichte sein! Nein, einen Schlußstrich will ich nur unter die trübe Vergangenheit ziehen, damit ihr eure Schuld, euer Versagen nicht wie eine Zentnerlast tragen müßt und darunter zusammenbrecht. Das Alte soll wirklich zum alten Eisen. Für mich zählt nur das Neue, die Zukunft. Ich gebe euch neuen Kredit.

"Siehe, es kommt die Zeit, da will ich einen neuen Bund mit euch schließen": Liebe Freunde, das ist zwar eine Aussage aus dem Alten Testament, aber es ist Evangelium reinsten Wassers! Denn das Heraufziehen des Neuen, Neuwerdung ist das große Thema der Bibel. Und die beste und treffendste Beschreibung dessen, was Gott mit uns und der Welt vorhat. Da horchen wir auf. Unsere Grundstimmung ist ja anders. Der Philosoph Walter Benjamin hat sie auf den Punkt gebracht: "Daß es immer so weiter geht, ist die Katastrophe". Das ist wahr, und deshalb schlägt uns das Herz, wenn uns aus der Bibel so andere Töne entgegenkommen, wenn wir hier hören, daß der Gott Israels, der Vater Jesu Christi, eben keiner ist, für den alles "immer so weiter" geht.

Das spricht uns in der Tiefe an - denn nach dem Neuwerdenkönnen haben wir eine tiefe Sehnsucht. Noch einmal von vorne anfangen können: mit meiner Liebe, damit sie nicht so schnell wieder routiniert und mißtrauisch wird; mit meinem Beruf, damit ich die sich bietenden Gelegenheiten besser nutze; mit meinem gesellschaftlichen Engagement, damit ich nicht so schnell resigniere und mich in den privaten Kokon zurückziehe. Und auch mit meinem Glauben, damit ich die Leere und Müdigkeit loswerde. Neu werden können: das ist für uns ein Lebensthema.

Wie aber will Gott unsere Welt erneuern? Da gibt uns unser Text einen wichtigen Hinweis. "...nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloß, als ich sie aus Ägyptenland führte", heißt es da. Das bedeutet: Der neue Bund, den Gott in Aussicht stellt, wird nicht am Alten, am Bisherigen gemessen. Das Neue ist mehr, anderes als einfach Vergangenheitsbewältigung. Und es ist auch nicht so, daß das Alte lediglich renoviert, neu belebt würde. Man kann ja mit alten Materialien einen schönen Umbau anfertigen. Aber bei allem neuen Gesicht, es bleibt doch die alte Substanz, und die setzt sich mit der Zeit wieder durch.

Beispiele gibt es genug. Revolutionen etwa. Die wollen mit Macht das neue in die Welt bringen, die Welt und ihre elenden Verhältnisse auf den Kopf stellen. Das war das große Pathos der französischen Revolution, mit der viel Neues begonnen hat, das unser europäisches Denken bis heute bestimmt. Aber mit wieviel Unmenschlichkeit wurde dafür bezahlt! Oder denken wir an unser Land, vor 22 Jahren: Alle waren wir begeistert von der friedlichen Revolution eines ganzen Volkes. Das würde einen ganz neuen, solidarischen Geist in unser Gemeinwesen einbringen, haben damals viele geglaubt. Aber die Grundmuster sind die alten geblieben. Lobbyismus, Klienteldenken, jedem ist das Hemd näher als der Rock.

Oder im Persönlichen: Da kommt urplötzlich eine schwere Krankheit oder eine tiefe Erstarrung in der Partnerschaft, man begreift diese Krise als Botschaft an sich selbst und nimmt auch fachliche Hilfe in Anspruch. Lernt dabei viel über sich und die eigenen Schatten und markiert mit viel Hoffnung und Elan die Stellen, wo man sich und sein Leben ändern will. Und dann irgendwann, meistens früher als später, die deprimierende Erfahrung, daß unmerklich wieder die alten routinierten Muster Macht über einen gewinnen. Alles bleibt beim Alten, wir bleiben die Alten.

III.

Wie anders klingt da unser Text: "Ich will ihrer Sünde nimmermehr gedenken". Das ist etwas unglaublich Großes: unsere Schuld, unsere Altlasten, die Leichen im Keller, die jeder von uns insgeheim mit sich herumschleppt, die kommen ausgerechnet in Gottes Gedächtnis nicht mehr vor! Bei uns wäre das undenkbar. Die Psychologie hat uns gelehrt, daß wir Menschen letztlich nicht vergessen können, sondern alles in irgendwelchen Schichten aufbewahren. Und so wirkt das Vergangene aus den Abgründen des Unbewußten aus oft zerstörend weiter. Ja, es gibt Menschen - auch unter uns Christen - die aus dem "Offenhalten" von erlittenen Wunden und dem daraus gezogenen Haß eine enorme Energie ziehen, die auf andere zerstörerisch wirkt, für sie selber aber eine lebensnotwendige Energiequelle ist. Bei Gott, so Jeremia, ist das anders: Er vergißt. Und was Gott vergessen hat, ist ein für alle Mal aus der Welt geschafft. Und ich brauche, anders als bei meinen Mitmenschen, keine Angst zu haben, daß er das Vergebene plötzlich noch einmal hervorholt und mich damit bloßstellt. Ja, wenn es um unsere Schuld, unsere trübe Vergangenheit geht, ist Gott - man mag es kaum glauben - ein Ausbund an Vergeßlichkeit.

Also noch einmal: Wie kommt das Neue in die Welt? Jeremia meint: Es kommt nicht laut und überrumpelnd, wie die Revolutionen der Menschen, sondern eher leise, zart. "Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben". Wenn hier von unserem "Herz" die Rede ist, in das Gott seinen neuen Bund hinein schreibt, dann meint der Prophet etwas Wichtiges. Vom Herzen aus, also von da, wo ich am unverwechselbarsten ich selbst bin, beginnt die Rettung der Welt. Wir haben dafür inzwischen wieder ein Gespür bekommen. Das Ende des Ost-West-Gegensatzes, in den wir den Kampf von Gut und Böse, Licht und Finsternis projiziert haben, hat nicht die bessere Welt gebracht. Es haben sich nur neue Fronten gebildet, an denen sich mittelalterliche Abgründe an Haß, Menschenfeindlichkeit und Gewalt auftun. "Die Wiederkehr des Bösen" hat ein aufmerksamer Beobachter das genannt. Von bösen Geistern überfallen: Das war das weltumspannende Gefühl nach dem "11. September" vor 11 Jahren. Bischof Huber hat damals davon gesprochen, daß es die Realität des abgrundtief Bösen gibt, das vom Menschen, dem Ebenbild Gottes, Besitz ergreifen kann, und das auch durch noch so kluge politische, soziologische oder psychologische Erhellungen nicht wegzurationalisieren ist. Sie ist deshalb so unheimlich, weil sie letztlich in unseren Herzen aufgebrochen ist, in unserem unheilvollen Zwang, mehr aus uns, aus anderen und aus der Natur herauszuholen, als sie geben können. Und so spüren wir - oder sollten doch spüren -, daß wir auf Gottes Kraft und sein Erbarmen angewiesen sind, damit wir nicht die Alten bleiben und von daher die Welt neu werden kann.

Gott sei Dank, liebe Gemeinde, daß es den Ort gibt, wo dieses Erbarmen, der Sieg des Neuen über das Alte sich endgültig durchgesetzt hat und immer wieder konkret für uns wird: das Kreuz Jesu Christi! In diesem Namen, den Jeremia noch nicht kennen konnte, ist der von ihm in Aussicht gestellte neue Bund, der mehr ist als bloß eine Wiederauffrischung des Alten, greifbar und anschaulich. Denn es gilt uns allen, dir und mir: "Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken."

Ach, das wäre etwas, wenn wir anfingen, im Blick auf das Kreuz von dieser wunderbaren Vergeßlichkeit Gottes zu leben - damit wir im Blick auf unsere gegenseitigen Verletzungen selber wenigstens ein bißchen vergeßlicher werden. Das gebe uns Gott.

Amen.

Lieder: 514,1-3 / 501,3 / 561,1+4 / 349,1-3 / 229,1-3 / 503,13-15