Gottes Geist ist nicht zu trauen - Predigt über 1. Korinther 2, 12-16
Pfingstsonntag - 27.5.2012, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Schwestern und Brüder!

Pfingsten, Geburtstag der Kirche. Eines der drei wichtigsten Hochfeste der Christenheit. Feier des Ereignisses, ohne das es uns als Gemeinde Jesu gar nicht gäbe. Und was merkt man davon? Wenig bis nichts. An kaum etwas läßt sich der Bedeutungsschwund des Christlichen so drastisch ablesen wie am Pfingstfest. Pfingsten ist das Fest der Schützenvereine, das Wochenende von "Rock am Ring" und anderer Großevents, das Wochenende, wo sich die Vertriebenenverbände treffen, und das dem Schaustellergewerbe den höchsten Jahresumsatz garantiert. Und weil die Pfingstferien für viele Deutsche zur Hauptferienzeit geworden sind, finden sich auch geübte Kirchgänger an Pfingsten eher an Mittelmeerstränden als in ihrer Kirche wieder. "Jesus allein zu Haus", titelte vor einigen Jahren der "Spiegel" zu Pfingsten süffig, und analysierte den Massenexodus der Leute aus den Kirchen. Klar, man kann aus so vielen Gründen an der Kirche leiden. Einem Pfarrer und Dekan muß man nicht erklären, was alles in der Kirche nicht stimmt. Sollen wir also lieber den Laden dicht machen und Konkurs anmelden?

Nun, gegen solche Anfechtungen hilft mir der kleine Witz, mit dem zu DDR-Zeiten die vielfach bedrängten Christen dort sich Mut gemacht haben. Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, daß die Kirche untergehen wird? Antwort: Im Prinzip ja - aber dem Heiligen Geist ist nicht zu trauen! - Das ist es, liebe Gemeinde! Gottes Geist ist ganz unberechenbar. Er weht wirklich, wo, wann und wie er will. Man kann ihn nicht in eigene Regie nehmen. Aber er kommt: manchmal leicht und schwebend, wie ein Hauch, der einen sanft berührt. Manchmal wie ein Sturmwind, der ein Feuer entfacht - wie damals in Jerusalem, als er über die Jünger kam, denen ihr Jesus abhanden gekommen war und sie so entflammte, daß alle Traurigkeit weggeblasen war

So hat der Heilige Geist seit 2000 Jahren unberechenbar und eigenmächtig über das dürre Kirchenfeld geweht. Oft da, wo man es am wenigsten erwartete. Totgeglaubte Gemeinden hat er wieder lebendig gemacht, müde Christen neu in Schwung gebracht, und Leute, die mit Gott nichts am Hut hatten, hat er Feuer fangen lassen am Evangelium. Vor allem aber, und das ist das wichtigste: Er hat ganz normale Menschen im ganz normalen Gottesdienst froh gemacht, getröstet, zum Leben ermutigt. "Jesus allein zu Haus" - wirklich? Wenn uns Gottes Geist nie angerührt hätte, ob wir dann wohl heute hier wären? Doch wohl kaum.

Freilich, ob wir unsere Erfahrungen so unbefangen wie der Apostel Paulus auf den Punkt bringen könnten: "Wir haben nicht den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott empfangen"? Also ich hätte da Hemmungen. Zu oft erfahre ich schmerzlich, wie viel vom Geist dieser Welt in die Kirche - und in mein eigenes Leben - eindringt und was er da so anrichtet.

Wenn mich nun einer auf den Kopf zu fragte: Hast du den Geist aus Gott empfangen?, dann würde ich ihm wohl antworten: Ja, das glaube ich. Aber ich habe ihn nicht ein für alle Mal. Sondern gerade so, daß ich immer aufs Neue um ihn bitte. Ich habe ihn also nicht so bekommen, daß ich ihn gleichsam auf Flaschen ziehen und mir einen Vorrat anlegen könnte, der mir jeweils zur Verfügung steht. Ich bleibe darauf angewiesen, um ihn zu bitten. Wenn wir das immer wieder tun, dann können wir das so sagen, in aller Bescheidenheit: Ja, wir haben Gottes Geist empfangen. Mit Hilfe unseres Paulustextes geht uns dann dreierlei auf.

I.

Es geht uns auf, wie gut wir es haben, wie reich wir von Gott beschenkt sind. - Gottes Geist wird uns ja zuteil, nicht damit wir ihn wie ein kostbares Geschenk in einer Glasvitrine konservieren und bestaunen, sondern damit er in uns, durch uns, zwischen uns etwas bewirkt, verändert. "Wir haben den Geist aus Gott empfangen", schreibt der Apostel, "damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist". Das heißt: der Heilige Geist ist nicht dazu da, uns einzutrichtern, was Gott alles von uns fordert, sondern was er alles für uns bereit hat. Nicht dazu, daß uns die Hölle heiß gemacht wird, sondern daß wir für den Himmel erwärmt werden. Nicht dazu, daß er uns in die Enge treibt, wo wir uns nur selbst rechtfertigen können, sondern daß er uns ins Weite führt.

"Du bist ein Geist der Freude, von Trauern hältst du nichts" (EG 133,6), dichtet Paul Gerhardt in seinem Pfingstchoral. Es ist zuerst und zuletzt die Freude darüber, daß Gott uns Jesus gesandt hat. Jesus, der sich unseres vom Tod gezeichneten Lebens annimmt. Er hat all das, was wir Gott und einander schuldig geblieben sind, als seine Schuld sich aufgeladen und es so aus der Welt geschafft. Nun steht nichts mehr zwischen uns und Gott. Nun gilt, was Paulus im Römerbrief mit dem ganzen Stolz eines Christenmenschen ausruft: "Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes" (Röm 8,39). Wir sind und bleiben von Gott geliebt, und das ist das Beste, was von uns zu sagen ist. Luther hat es wunderbar gesagt: "Die Sünder werden geliebt, nicht weil sie schön sind, sondern sie werden schön, weil sie geliebt sind". Es gibt nichts schöneres, als geliebt zu sein.

II.

Es geht uns auf, daß wir - gerade als so reich Beschenkte - manchmal unvermeidlich in Widerspruch zum Geist der Welt geraten. - Paulus sagt es so: "Wir reden nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt". Und diese Sprache kommt nicht aus der Anthroposophie, aus der Esoterik oder irgendwelchen Mode-Buddhismen, sondern aus der Bibel. Gottes Geist richtet unser Denken auf Jesus hin, er erinnert an das, was er gesagt hat, heißt es im Johannesevangelium. Und er macht es brennend aktuell.

Ich will ein Beispiel für ein Handeln in der Kraft des Geistes erzählen, das mich sehr beeindruckt hat. Vor einiger Zeit geschah in der Schweiz eine Familientragödie, die dort viele erschüttert hat. Eine bekannte Skirennläuferin wurde zusammen mit ihrem Kind und ihrem Bruder erschossen. Der Täter war ihr Ehemann, von dem sie sich gerade getrennt hatte. Er hat sich dann selbst umgebracht. So weit so schrecklich. Ein Beziehungsdrama, wie es häufig vorkommt. Ganz und gar ungewöhnlich aber, was dann kam: Eine große Todesanzeige in mehreren Zeitungen nämlich, die von beiden Familien, der der Opfer und der des Täters gemeinsam formuliert und unterzeichnet war und in der unterschiedslos alle vier Namen untereinander geschrieben waren. "Wir sind vereint in der Trauer um unsere Kinder und Geschwister", stand da - und der Name des Mörders war selbstverständlich mit eingeschlossen. "Wir haben keine Erklärung, was geschehen ist und warum es so geschehen mußte. Aber wir legen unsere Ratlosigkeit auf Gott und hoffen auf seinen Trost." - Das ist ein Reden in der Kraft des Geistes Gottes, weil es völlig quer steht zu allem, was menschlich plausibel erscheint. Diese Anzeige ist denn auch bei vielen Menschen auf Unverständnis und Empörung gestoßen und löste und eine Diskussion darüber aus, ob es nicht Dinge gibt, die man nicht vergeben kann und darf.

Daß es Dinge gibt, die nicht vergeben werden können: das ist Geist der Welt. Und so kann, wer sich von Gottes Geist leiten läßt, in harten Widerspruch zum Geist der Welt geraten. Paulus nennt diesen Geist der Welt im Römerbrief "Gesetz der Sünde und des Todes" (Röm 8,2). Also das, was unser Denken und Fühlen immer wieder mit Macht bestimmen und beherrschen will und oft genug auch beherrscht. Das ist das gnadenlose Dogma von der Eigengesetzlichkeit der Dinge und der Unveränderbarkeit der Welt, das sich in dem resignierten Ausruf austobt: Da kann man nichts machen! Man muß sich dem Mainstream anpassen, sonst wird man untergebuttert!

· Geist der Welt: Das ist die Meinung, wir sollten und dürften, was wir mit unserer Vernunft machen können, auch realisieren. Vor allem da, wo es um wirtschaftliche Interessen und viel Geld geht, ist dieser Geist immer noch hochwirksam. Siehe die Debatte um die sog. PID.

· Geist der Welt: Das ist der abstoßende Mechanismus, nach dem Schuld immer die Schuld der anderen ist. Dieser Mechanismus ist offenbar unausrottbar, von Beziehungskonflikten im Kleinen bis zu den großen gesellschaftlichen Streitfragen . Und leider auch in unseren innerkirchlichen Konflikten.

· Geist der Welt: Das ist das Dogma unseres von einem immer totalitäreren Kapitalismus bestimmten Gemeinwesens, daß Wert und Würde eines Menschen sich nicht durch sein pures Da-Sein ergeben, sondern daß sein Wert sich an dem bemißt, was er leistet. Nicht was einer ist, sondern was er kann und dadurch hat, zählt heute. Leider auch in der Erziehung, die viele Eltern ihren Kindern angedeihen lassen.

· Geist der Welt: Das spiegelt sich in der breiten Reaktion der veröffentlichten Meinung auf die Entscheidung der Kanzlerin, ihren Umweltminister zu entlassen. Man kann zu diesem Schritt von Frau Merkel unterschiedlicher Ansicht sein. Darum geht es mir nicht. Aber was ich erschreckend finde, ist der allgemeine Tenor in den Medien, der dies mit der inflationären Verwendung der Vokabel "eiskalt" als abstoßende Machtpolitik und reinen Machiavellismus brandmarkt. Warum irritiert mich das? Weil dahinter handfeste frauenfeindliche Männeklischees stecken. Eine Frau hat bitteschön anders Politik zu machen, darf nicht so kalkuliert und strategisch denken wie ein Mann. Oder können Sie sich erinnern, daß bei Schröder oder Kohl, die auch entschlossen einen Minister in die Wüste geschickt hatten, je der Vorwurf laut geworden wäre, das sei "eiskalt" gewesen? Nein, das waren ja Männer, da wurde dergleichen als Ausweis von "Leadership" und entschlossenem Handeln in der Krise gelobt.

III.

Es geht uns auf, daß wir unser Leben an Jesus orientieren können. - "Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist aus Gott ... Wir haben Christi Sinn". Im Philipperbrief sagt Paulus: "Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus es auch war" (Phil 2,5). Gottes Geist kann also unser Leben verändern, es in die Richtung Jesu bringen. Und die lautet für Paulus so: "Er erniedrigte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an". M.a.W.: Er wollte nicht hoch hinaus, sondern tief herunter. Der Sinn Christi hat einen unverwechselbaren Zug nach unten. Das ist wirklich einzigartig am Christlichen, das gibt es so weder im Islam noch im Judentum. Deshalb ist Jesus so unbeirrt für das elementarste Menschenrecht eingetreten: ungeschmälert Mensch sein zu dürfen. Darum hat er sich unter dem Kopfschütteln der Etablierten zu denen an den Tisch gesetzt, die die anderen zu Randfiguren, Außenseitern gestempelt hatten. Deshalb hat er die schuldig gewordene Frau vor der Degradierung ihrer Ankläger in Schutz genommen. Und deshalb hat er die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt. Eine Gemeinde, die sich in diesem Geist der Übersehenen annimmt, ist schwer zu übersehen. Und keiner käme mehr auf die Idee, sie für von vorgestern zu erklären. Die Leute würden im Blick auf uns Christen wohl nicht sagen: "Die haben Christi Sinn". Aber vielleicht würden sie sagen: "Es ist doch gut, daß es die gibt". Ein früherer Bischof einer ostdeutschen Landeskirche erzählte mir einmal, wie zu DDR-Zeiten der Staatssekretär für Kirchenfragen zu ihm sagte: "Wie Sie in der Kirche mit den Behinderten umgehen, das können wir so nicht. Da müssen Sie wohl noch andere Quellen haben".

Liebe Gemeinde, wer Gottes Geist empfangen hat, hört aber nicht auf, damit zu rechnen, daß Gott den bisherigen Erfahrungsrahmen durchbrechen kann. Er verbietet sich, sein Leben immer wieder nach der resignierten Melodie auszurichten: da kann man ja doch nichts machen, da muß man mit den Wölfen heulen! Was wäre wohl gewesen, wenn im Herbst 1989 die (anfangs ja nur wenigen) Menschen so gedacht hätten, die nach dem Montagsgebet in der Nikolaikirche den Gang auf die Leipziger Straße wagten? Aber so haben sie nicht gedacht, weil sie von Gottes Geist berührt worden waren, und so mußte am Ende der SED-Häuptling Sindermann feststellen: "Wir hatte alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet - nur nicht auf Kerzen und Gebete".

Sicher, wir können nicht alles, wir können nicht die Last der Welt auf unsere Schultern nehmen. Aber wir können eben auch nicht nichts, wie uns der Geist der Welt immer wieder einflüstern will. Sondern wir können etwas - etwas im Sinn Jesu. "Wenn du einen einzigen Menschen gerettet hast, so hast du die ganze Welt gerettet": Dieses alte Wort aus dem Talmud war auf die goldene Münze eingraviert, die "seine" jüdischen Häftlinge nach ihrer Befreiung ihrem Retter Oskar Schindler geschenkt haben. Das ist nicht der Geist der Welt - der würde diesen Spruch sofort für irrwitzig und absurd erklären. Das ist Gottes Geist.

Liebe Schwestern und Brüder, dem Heiligen Geist ist wahrhaftig nicht zu trauen! Und eben darum hat er unser Vertrauen verdient. Er ist kreativ, erweckt Phantasie, inspiriert zur Hoffnung, wo der Geist der Welt nur Hoffnungslosigkeit sieht. So laßt uns ihn jetzt mit R.A. Schröders schönem Glaubenslied - dankbar, ihn empfangen zu haben - als den bekennen, der er ist:

Wir glauben Gott, den Heilgen Geist,

den Tröster, der uns unterweist,

der fährt, wohin er will und mag,

und stark macht, was darniederlag.

(EG 184,2)

Amen.

Lieder: 130,1-3+6 / 131,1+6 / 124,1-4 / 184,1-5 / 135,1+2+4