Taufansprache zum Taufgottesdienst
Christuskirche Freiburg - 24.März 2011

"Der deinen Mund fröhlich macht" Ps 103


Liebe Taufgemeinde,

wir alle nähren uns von guten Erinnerungen. Wenn Kinder größer werden, fragen sie ihre Eltern gerne: Mama, Papa, erzählst du mir, wie das war als ich noch ganz klein war? Was war nochmal mein erstes Wort? Und weißt Du noch wie wir immer… Sie alle kennen sicher viele solcher Geschichten, schon beim Gedanken daran, wird etwas in uns froh, ein Lächeln wächst auf unserem Gesicht. Aus guten Erinnerungen schöpfen, das ist nichts Gewöhnliches. Es ist ein lebensnotwendiger Luxus, den wir uns nicht oft genug gönnen können. Wie oft bleiben wir ihn uns und anderen schuldig. Es ist ja auch so einfach und schnell vollbracht, auf das zu verweisen, was nicht gut läuft, gerade eben. Wir alle wissen, wie wertvoll es sein kann, aus Fehlern zu lernen. Doch wie schnell tappen wir in die Falle, in Defiziten zu denken - es hört sich dann vielleicht so an: "Das fehlt mir noch zu meinem Glück", oder "Wenn ich erst das erreicht habe, dann geht es mir richtig gut." Menschliche Wesen, die wir sind, bleiben wir unvollkommen. Ein Leben lang.

Leben ist Fragment, so beschreibt es Henning Luther, nie perfekt und fehlerfrei. Das klingt schön, aber auch frustrierend. Wie ein Puzzlespiel, bei dem ein Teil verlorengegangen ist.

Description: http://www.wuerzburg-ststephan.de/Predigt2007ChristmetteBild.jpgWo kann es nur sein? Hat es vielleicht jemand unter den Teppich gekehrt? Ist es das, wonach der vergessliche Engel von Paul Klee gerade sucht? Die Augen leicht gesenkt, scheint ihm etwas ganz Wichtiges abhandengekommen zu sein. Er sieht geradezu verloren aus, wie er so dasitzt oder steht und sich mithilfe seiner Finger sichtlich an etwas erinnern möchte wie wir an den Punkt auf der Einkaufsliste, die wir aus Versehen zuhause auf dem Küchentisch liegen gelassen haben.

Dabei ist er so manchem einen Schritt voraus, der nicht einmal weiß, dass ihm etwas fehlt.

Unser vergesslicher Engel aber ist sich dessen bewusst. Er sucht inständig. Er hat wohl seine Psalmen nicht gut genug gelernt. Sonst wüsste er, was auf der Liste eines betenden Menschen vor langer, langer Zeit stand - viel weiter noch liegt sie zurück als unsere Kindheit und ist uns ins kollektive Gedächtnis der Glaubenden aller Zeiten geschrieben:

Lobe den HERRN, meine Seele,

und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

Lobe den HERRN, meine Seele,

und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

der dir alle deine Sünde vergibt

und heilet alle deine Gebrechen,

der dein Leben vom Verderben erlöst,

der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

und... (aus Ps 103)

Aber halt, vielleicht hab ich ihm Unrecht getan, dem lehrlingshaften Engel, und jetzt hat er sich doch noch rechtzeitig daran erinnert. Denn er sieht gerade so aus, als lächle er im Stillen vor sich hin als ihm einfällt, wie der Satz endet: Lobe den Herrn, der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler. Ja, das ist es. So handelt Gott an seinen Menschen. Er schenkt ihnen Freude. Er will sie beflügeln. Das ist eine feine Botschaft, die neue Möglichkeitsfelder eröffnet.

Wir alle brauchen im Lauf unseres Lebens Zeiten, an denen wir rückwärts schauen und an unseren Fingern abzählen, was uns verloren gegangen ist im Trubel des Alltags, in der Eintönigkeit unseres Miteinanders, inmitten der Gewaltszenen, die sich vor unseren Augen abspielen, ganz nah in unseren Häusern oder denen unserer Nachbarn oder weiter entfernt, in Frankreich, in Syrien.

Auch das heißt, aus dem Glauben leben: in Augenblicken, in denen Gott uns unendlich weit und desinteressiert scheint, auf die Vergangenheit schauen. Rückschau zu halten auf Zeiten, in denen Gott da war. Nicht, um nostalgisch zu sagen: Früher war alles besser und damit in der Vergangenheit verhaftet zu bleiben. Gar zur Salzsäule zu erstarren, verfangen in das Gestern. Wer sich im Glauben daran erinnert, wie gut Gott es mit uns meint, der schöpft daraus Kraft für die Zukunft. Gott hat uns Gutes getan, er hat mir gesagt: Du bist teuer und wertvoll in meinen Augen. (Jesaja 43,4) - Ich stelle deine Füße auf weiten Raum.(Ps 31, 9b) Denn es stimmt, was man von Gott sagt: Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. (1. Joh 4,8)

So ist es mit der Taufe. Sie macht diese Liebe Gottes sichtbar für uns. In Zeit und Raum, hier und heute. Sie ist der Ort in unserer Erinnerung, an den wir immer wiederkehren können, um von hier Kraft zu schöpfen, wenn wir bedrängt und in die Enge getrieben sind, wenn wir mit leeren Händen dastehen und an unseren Fingern abzählen, was uns fehlt zum Leben. Dann fällt es uns wieder ein: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Der deinen Mund fröhlich macht! Amen.

So singen wir es im Lied: Tauflied (Klavier): EG 655 Wenn einer sagt, ich mag dich, du