Freiheit verantworten Predigt über Galater 5,25 - 6,10
15. Sonntag n.Tr. - 16.09.2012, Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Hach je - nichts als Mahnungen, die unser Predigttext bereithält! Wandelt im Geist! Seid nicht so ehrgeizig, seid nicht neidisch! Wenn einer was angestellt hat, helft ihm zurecht! Und seid vorsichtig, daß es euch nicht auch passiert! Einer stehe ein für das, was den anderen belastet! Tut das Gute, vor allem euren Mitchristen gegenüber! - Mahnungen, lauter Mahnungen. Es hat mich unweigerlich an ferne Kindheitstage zurückdenken lassen, wenn wir Sonntagnachmittags, anstatt draußen rumtollen oder Fußball spielen zu können, von unseren Eltern ins Auto verfrachtet wurden, weil sie irgendwelche Freunde besuchen wollten. Wir mußten mehr nolens als volens mit, und je näher wir dem Ziel kamen, desto mehr hagelte es die unvermeidlichen Ermahnungen: Macht einen schönen Diener bei der Begrüßung! Lümmelt nicht herum! Eßt nicht mehr als zwei Stücke Kuchen! Seid gesprächig und spielt mit den Kindern! Und was in gut protestantischen Familien eben so zum Benimm gezählt wird.

Es wird den meisten PredigerInnen heute wohl kaum anders gehen als mir: man ist "not amused", wie die Queen sagen würde, einen solchen Text auslegen zu müssen. Und nicht nur das: Wenn ihr das alles nicht tut, heißt es in unserem Predigttext, werdet ihr mit göttlichen Strafen rechnen müssen: "Irrt euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten". Dieser Vers steht stets auf den Plakaten, die die Piusbrüder und ihre Freunde hochhalten, wenn sie hier in Freiburg und anderswo vor Frauenarztpraxen oder bei Aufmärschen homosexueller Menschen Aufstellung nehmen. - Jedenfalls, nach froh und frei machendem Evangelium hört sich das alles nicht wirklich an. Was sollen wir dazu sagen?! Was mögen die Gemeinden in Galatien dazu gesagt haben, als sie diesen Brief erhielten? Was mag Paulus dabei sich gedacht haben?

I.

Howard Thurman fällt mir ein, ein schwarzer Baptisten-Pastor aus dem Süden der USA. Ich habe bei Dorothee Sölle von ihm gelesen. Dieser Howard Thurman erzählte gelegentlich von seiner Großmutter, die noch als Sklavin geboren worden war. Bis zum Ende ihrer Sklaverei nach dem Bürgerkrieg lebte sie auf einer Plantage. Sie hatte nie lesen und schreiben gelernt. So gehörte es zu den Pflichten des Enkels, seiner alten Großmutter vorzulesen. Vor allem aus der Bibel. Dabei machte es ihm einen tiefen Eindruck, wie sorgfältig sie war in der Auswahl der biblischen Bücher, aus denen sie hören wollte. Aus den Psalmen sollte es sein, manches aus Jesaja, und vor allem natürlich die Evangelien. Aber die Paulusbriefe - niemals. Jahrelang traute er sich nicht, seine Großmutter nach dem Grund zu fragen. Eines Tages, als er älter war und halb durchs College, faßte er sich endlich ein Herz und fragte sie, warum sie ihn nie etwas aus den Briefen des Paulus für sie lesen ließ. Sie sagte: In den Tagen der Sklaverei hielt der Pfarrer des Masters gelegentlich Gottesdienste für die Sklaven ab. Und der weiße Pfarrer brachte als Text immer irgendwas von Paulus. Mindestens drei- oder viermal nahm er den Text: "Ihr Sklaven, seid gehorsam denen gegenüber, die eure Herren sind - wie Christus gegenüber." Dann sagte er uns, daß es Gottes Wille war, daß wir Sklaven wären. Und wie Gott uns segnen würde, wenn wir gehorsame und glückliche Sklaven wären. - Da versprach ich meinem Schöpfer, daß, falls ich je lesen könnte und falls jemals die Freiheit käme, ich diesen Teil der Bibel nicht lesen würde.

Liebe Gemeinde, eigentlich soll die Predigt ja ein Lob der Bibel sein. Ein Lobpreis für die gute Botschaft von Gottes Barmherzigkeit, die in jedem, auch dem sperrigsten Bibeltext drinsteckt. Im Grunde bin ich gewiß, daß das so ist und versuche jeden zu predigenden Bibeltext auf diese Stimme des Evangeliums hin abzulauschen. Aber diese alte Sklavin, Howard Thurmans Großmutter, hat mich in dieser Überzeugung zumindest ein wenig gebremst. Oder etwas anspruchsvoller gesagt: Sie hat mich dialektisch korrigiert. Die Bibel will ich immer noch loben, weil ich unendlich viele gute Worte in ihr finde. Worte, die zum Glauben, zur Hoffnung und zur Liebe helfen. Aber ich muß eben auch sehen, daß es solche gibt, die die Bibel dazu benutzen, ihre eigenen, ganz und gar nicht biblischen Ziele durchzusetzen. Und nicht zuletzt diejenigen in der Kirche, die sich korrumpieren lassen als Kollaborateure irgendwelcher Unterdrücker - und seien es auch "nur" Moralapostel als Agenten vorgeblich christlicher Werte. Zuletzt besonders beklemmend zu beobachten anhand der traurigen Rolle der Orthodoxen Kirche in Rußland, die sich, nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte, am Rockschoß eines mindestens halben Diktators eingerichtet hat. Die Gefahr, biblische Texte zu eng, zu manipulativ zu benutzen, besteht, wenn man mit einem Text wie den heutigen zu tun hat. Wenn man ihn nämlich so versteht, als werde hier tatsächlich das "Gesetz" gepredigt. Wo sich eine Mahnung an die andere reiht. Wo scheinbar keine Rede ist von der " Freiheit, zu der uns Christus befreit hat" (Gal 5,1).

Davon redet der Galaterbrief nämlich auch. Und das muß man unbedingt mithören. Es reicht nicht aus, uns auf die Verse des Predigttextes zu beschränken. Obwohl sie am Ende dieses Briefes an die Gemeinden in Galatien stehen. Und man denken sollte: da faßt Paulus noch einmal zusammen, was er in seinem Brief sagen will. Warum nur hebt er da zum Schluss den drohenden Zeigefinger? Warum diese Fülle mahnender Worte? Was war los bei den Christen in Galatien?

II.

Es war wohl schlicht das menschliche Miteinander, das da nicht in Ordnung war. Sie wollten Christen sein, die Galater, und waren doch hartherzig und unzugänglich, sie hielten es nicht für nötig, anderen zurecht zu helfen oder sie auch nur zu verstehen: Soll der doch sehen, wie er damit klar kommt! Ich will damit nichts zu tun haben! - Sie waren ignorant und verständnislos, besserwisserisch und hochmütig: Nun schaut euch die an! Wie kann man nur! Mir wäre das nicht passiert! Soll der nun selber sehen, wie er das rechtfertigen will.

Paulus muß gespürt haben: Da ist irgendwie der Wurm drin in den galatischen Hausgemeinden. Da weht kein barmherziger Geist, sondern der unbarmherzigen Selbstgerechtigkeit. Schuld ist immer die der anderen. Da ist der Richtgeist in voller Aktion. Wohlgemerkt: das alles bei solchen, die sich als Christen ansahen und das subjektiv auch ganz ernst nahmen. Aber am anderen eben doch vor allem das Schlechte gesehen haben.

Ist uns das alles so unbekannt? Das erleben wir doch auch bisweilen - als Leidtragende natürlich. Solche Erinnerungen sind uns wahrscheinlich schnell bei der Hand. Aber wie sieht es damit aus, daß wir selber solchem Richtgeist erliegen könnten? Da kämen wir wohl erst einmal ins lange Grübeln. Mir sind dazu zwei Erinnerungen aus der ferneren Vergangenheit gekommen.

1. "Nein, Herr Pfarrer, unsere Tochter wohnt nicht mehr bei uns. Mein Mann hat sie rausgeworfen, seit sie mit diesem Afghanen zusammen ist. Also wissen Sie, wie der sich hier bei uns benommen hat! Nein, wir haben keinen Kontakt mehr mit ihr. Da muß sie jetzt selber sehen, wie sie zurecht kommt. Sie ist schließlich alt genug". - Dabei hatte jene Frau, die mir das sagte, zwei Jahrzehnte früher selber ihr Zuhause verlassen müssen, im Streit mit den Eltern. Weil die den Vater ihres Kindes nicht standesgemäß fanden. Das aber war irgendwann lange her und vergessen. Vergessen auch das Unglück jener Tage. Und die unbegreifliche Erfahrung, nicht verstanden, sondern verstoßen zu werden.

2. "Also, beim Adolf war vieles nicht in Ordnung. Aber so was hätte es bei ihm nicht gegeben!" Ein alter Sozialdemokrat sagte das. Der "beim Adolf" sogar einige Monate im Gefängnis hatte zubringen müssen. Weil er die rote statt die Hakenkreuzfahne aus dem Fenster hängen ließ. - Mit ihm, damals 85 Jahre alt, ging ich während meines Studiums durch die Heidelberger Uni, in der auch er einmal studiert hatte. Durch die alten Vorlesungssäle und irgendwann auch zu dem stillen Örtchen, wo er die Spickzettel für seine Examensklausur gelesen hatte. Und nun las er dort, was Studierende an solchen Orten halt so an Wände und Türen kritzeln. Obszönitäten, vulgäre Sprüchlein. "Das sind die, die weggehören", sagte er. "Beim Adolf hätte man mit so was kurzen Prozess gemacht!" - Und der eigene erlittene Prozeß? Daran wollte er nicht mehr erinnert werden. Aber die wenn auch geschmacklosen Chiffren für das wilde Verlangen nach Liebe sollten einen "kurzen Prozess" verdienen?!

Also, damals wie heute: der Heilige Geist gerät ins Hintertreffen. Der Richtgeist schiebt sich unaufhaltsam nach vorn. Auch unter uns Christen. Die alte Geschichte mit Splitter und Balken. Ich denke auch an manch gehässigen Kommentar zurück, mit dem letztes Jahr mein katholischer Dekansbruder vor und nach seinem Rücktritt aus den eigenen Reihen bedacht worden war.

III.

Wie kommen wir aus diesem Teufelskreis des Richtens und Gerichtet-Werdens heraus? Dazu ist eine große Hilfe, unseren Text in den Horizont des schon zitierten Anfangsverses dieses 5. Kapitels hineinzunehmen: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit!" Denn da steckt die evangelische Wahrheit drin, an der alles hängt. Auch das rechte Verständnis unseres Textes. "Zur Freiheit hat uns Christus befreit" - das ist der Indikativ, ohne den die Imperative unseres Textes zum puren Gesetz herunterkommen. Das Gesetz allein aber, wie Paulus im Römerbrief einmal lakonisch feststellt, tötet. Wer das nicht berücksichtigt, der endet in auswegloser theologischer Gesetzlichkeit. Der kann nur die Ermahnungen wiederholen, bestenfalls erklären. Ohne das Faktum des Befreitseins durch Christus wäre unser "neues", ihm zugehöriges Leben doch wieder nur ein Sollen ohne Sein. Es wäre pure Moral, etwas, dem alle zustimmen und was doch keiner tut. Dazu braucht es kein Christentum, ja noch nicht einmal Religion. Die Mahnungen unseres Textes einleuchtend finden und sie zu leben versuchen: das kann auch jeder Atheist. "Zur Freiheit hat uns Christus befreit", das ist immer das Geschenk, das wir gleichsam im Rücken haben. Unser neues Leben als Christen verdankt sich keiner neuen Moral, sondern dem neuen Sein in der "Freiheit eines Christenmenschen". Und die haben wir uns nicht erkämpft, sondern sie ist aus reiner Barmherzigkeit Gottes durch unsere Taufe in uns hinein gekommen.

Die Freiheit, d.h. also, die Möglichkeit, barmherzig miteinander umzugehen: das ist, mit unserer Kanzlerin zu reden, alternativlos. Es ist keine Möglichkeit neben ganz anderen, sondern unsere einzige Möglichkeit. Entweder wir sind Kinder des barmherzigen Gottes, oder wir verlieren unser Sein und uns selbst. Das ist durchaus eine verdammt ernste Angelegenheit. Da hilft auch nicht, wie Luther in seiner Auslegung so schön sagt, "viel Geplauder von Vergebung der Sünden". Vielleicht hat es seinen guten Grund, daß Paulus an dieser Stelle von der Rechtfertigung des Sünders schweigt - sondern uns stattdessen an den Gott erinnert, vor dem wir Rechenschaft ablegen müssen, der auch den christlichen Selbstbetrug durchschaut. Und vor dem allemal schuldig der ist, der seine eigene Gerechtigkeit behaupten will.

IV.

Freilich: wir kennen uns doch. Wir sind immer und unausweichlich simul iustus et peccator, Gerechtfertigte und Sünderzugleich, wie Luther, der geniale Theologe und Psychologe, erklärt hat. Das heißt: Unsere Anfälligkeit durch den Richtgeist bleibt, und sie bricht sich oft genug Bahn. Deshalb kommt alles darauf an, unser Gedächtnis zu trainieren, die Erinnerung an unsere schon geschehene Befreiung. Die Arroganz des Richtens und Verurteilens, die im anderen immer nur das Schlechte sieht, können sich doch nur diejenigen leisten, die vergessen haben, wie sehr sie selber auf Barmherzigkeit und Vergebung angewiesen sind. Wer sich aber daran erinnert, daß er aus dem ewigen Kreislauf des Verurteilens und Beurteilt-werdens schon herausgeholt, zur Solidarität der Kinder Gottes schon befreit worden ist, dem kann der Heilige Geist das Herz weit machen. Wer ernst damit macht, daß er von Gott unbedingt gerechtfertigt ist, muß sich nicht mehr selber ständig rechtfertigen.

Und dann kann ich ehrlich mein Gewissen befragen: Wo habe ich ein Urteil über einen von der anderen Seite abgegeben, das ihn hoffnungslos festlegt, keine Korrektur mehr zulässt, das gar nicht ernsthaft nach den Motiven für seine Haltung fragt? Wo bin ich mit meinem Urteil zu schnell fertig, wo habe ich verächtlich über jemand geredet oder mindestens gedacht? Wo habe ich vergessen, daß ich nicht über dem anderen stehe, sondern wie er und mit ihm unter und vor Gott. Und vor Gott habe ich nicht über den anderen, sondern ausschließlich über mich selbst Rechenschaft abzulegen. Nicht wie der andere von der ihm geschenkten Freiheit Gebrauch gemacht hat, werde ich also einmal gefragt werden, sondern was ich selbst damit gemacht habe.

"Zur Freiheit hat uns Christus befreit", das heißt eben auch: wir haben alles erst noch zu erwarten, es ist noch nichts ausgemacht. Ich lasse es mir verboten sein, mich selber zum Maßstab zu erheben, an dem ich den anderen messe. Er muß nicht so sein wie ich. Ich respektiere, daß er eine eigene Christusbeziehung hat. Das schließt eine Herausforderung ein, die schwierig, aber auch schön ist: nämlich, den anderen, mir Fremden von seiner Lebensgeschichte, seinen Erfahrungen her verstehen zu suchen. In einem alten indianischen Gebet heißt es: "Hilf mir, daß ich niemanden richte, ehe ich nicht einen halben Monat in seinen Mokassins gegangen bin." Erst wenn ich eine Ahnung bekomme, welche einsamen Wege der andere vielleicht hat gehen müssen, was ihn dabei möglicherweise verletzt und bitter gemacht hat, erst dann kann ich wagen, so etwas wie ein Urteil über ihn zu finden. Das geht nicht, ohne daß wir aufeinander zugehen und uns auch öffnen, in unser Leben hineinschauen lassen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich denke, wir haben Paulus richtig verstanden, wenn uns aufgeht: es geht um eine Art "kopernikanischen Wende" in unserem Denken. So wie Kopernikus herausfand: nicht unsere Erde ist der Fixpunkt, um den alle anderen Gestirne kreisen, sondern die Erde bewegt sich gemeinsam mit den anderen Planeten um die Sonne, so soll ich entdecken: nicht ich mit meiner Glaubensprägung, meinen Überzeugungen bin der Maßstab, an dem ich die anderen messe, sondern wir alle miteinander kreisen gemeinsam um Jesus Christus als die Sonne, von der wir das Licht unseres Lebens empfangen. Und dann merke ich, daß sein Licht auch den anderen bescheint, der mir bisher fremd, vielleicht gar verdächtig war. Auch der andere hat Christuslicht.

Amen.

Lieder: 669,1+2+5 / 625,1+2 / 369,1+5+7 / 417,1+2 / 380,1-7