Aus: Streiflichter aus hundert Jahren Christuskirche

ausgewählt von Hans Ulrich Nübel

Quelle: Die Christuskirche in der Wiehre. Streiflichter aus hundert Jahren. 1891-1991 (z.B. bei AbeBooks.de erhältlich).
Berichte, Dokumente, Erinnerungen herausgegeben von der Evangelischen Christusgemeinde Maienstraße 2 7800 Freiburg

Ausgewählt von Hans Ulrich Nübel am 26, November 2011 mit Hinweis auf Seitenzahlen


20 Allmählich begannen die Zugereisten aus dem Norden das Gemeindeleben zu beeinflussen. Sie forderten ein orthodoxes, "positiv religiöses" Luthertum, das von dem badisch- liberalen Protestantismus im Zeichen der Union zwischen lutherischer und reformierter Kirche abrückte.

26 Das zweite und derzeitige Pfarr- und Gemeindehaus Maienstraße 2 , 1895/96 durch die Architekturfirma Walther, Jacobsen & Co als ungewöhnliche Zweiflügelanlage in repräsentativen Formen erstellt. Es sollte einem anspruchsvollen raumbedarf mit Gemeindesaal etc. genügen und wurde durch eine Schenkung (10.000 Mark) von zwei Freifräuleins von Vinck regelrecht "ins Rollen" gebracht.

30 Der erste Pfarrer der Gemeinde war der spätere Prälat D. Ludwig Schmitthenner. Er kam aus Karlsruhe, wo er Hofprediger des Großherzogs gewesen war…. Schmitthenner trug in hohem Maße dazu bei, dass die Gemeinde bald als eine besonders lebendige Gemeinde galt… Er war der Begründer badischer Kindergottesdienstarbeit. … "Wir hatten 47 gut besetzte Gruppen, und auch an Helferinnen war kein Mangel. Es waren meistens 8-900 Kinder.

36 In Freiburg wurde die Christusgemeinde das Zentrum der BK. Leider sind nicht viel Unterlagen erhalten…… zwei Bände mit der Korrespondenz von Pfarrer Weber. Aus ihnen lässt sich in Umrissen, wenn auch etwas zufällig, die damalige Zeit rekonstruierend, Im Mittelpunkt der Bekenntnisbewegung standen die Bekenntnisversammlungen, manchmal einfach Bibelstunden genannt. Sie fanden wöchentlich am Dienstag statt…Pfarre Weber wollte diese Bekenntnisversammlungen zu Zentren der Schulung überzeugter Christen werden lassen, die dem Unglauben der neuen Weltanschauung Widerstand entgegenbringen konnte. "Es handelt sich vor allem darum, Laien zu schulen und sie zu tätigen Helfern in der kirchlichen Arbeit der Volksmission zu erziehen.

In Frage gestellt wurden auch die vorgedruckten bzw. getippten Meldezettel zur Bekenntnisgemeinschaft der Evangelisch- Protestantischen Landeskirche Badens. Dennoch wollte sich ein kritische Schreiber, dass er nicht neutral bleiben konnte und "unser Platz - mindestens als Bundesgenossen - an der Seite der Bekenntnisfront wäre… Zu den Bekenntnisversammlungen war zugelassen, wer eine solche Mi8tgliedskarte, die sogenannte "Rote Karte" hatte. Wer neu dazu kommen wollte, erhielt zunächst eine Karte für ein malige Teilnahme, und man versuchte, in seiner bisherigen Heimatgemeinde Auskünfte übe r ihn oder sie zu erhalten..Trotzdem musste man mit der Anwesenheit von Spitzeln der Gestapo rechnen.

40 An den Pfarrer der Bekennende Kirche wandten sich Menschen, die unter Verfolgung durch das NS-Regime zu leiden hatten. Aus einem Brief: "Sehr verehrter Herr Pfarrer Weber! Wir danken Ihnen nochmals herzlichst für Ihre schönen und treffenden Worte, die Sie anlässlich unserer Trauung und der Taufe meiner Frau fanden.- - In der Zwischenzeit hat sich unser Schicksal hier in Freiburg erfüllt. Am Ende des Monats verlasse ich die Klinik. Ende September verlassen wir Freiburg. Einige Wochen zuvor hatte der Kirchengemeinderat der Taufe der Frau dieses Arztes zugestimmt, gleichzeitig aber beschlossen, angesichts der neuen politischen Situation bei der Aufnahme von Juden in die Kirche besondere Sorgfalt walten zu lassen

Zweimal lesen wir im Briefwechsel von Pfarrer Weber die Namen von jungen Menschen, die als geistig behindert angesehen wurden. Noch wusste man nichts von Euthanasie, aber da Thema der Eugenik spielte schon eine Rolle, wie das Programm der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV) vom Sommersemester 1933 zeigt. Dort ist ein Vortrag von Prof. Aschoff über "Fragen der Eugenik" angezeigt. Der DCSV stand den Deutschen Christ3en durchaus nicht nahe. Ein solches Thema wurde wohl von außen an sie herangetragen. Es hatte also seinen Grund, wenn Eltern und Pfarrer der beiden jungen Leute es für dringend notwendig hielten, sie so unterzubringen, dass der Nachweis einer sinnvollen Tätigkeit erbracht werden konnte. Einmal musste Weber sich für einen Mann eisnetzen, der als Kommunist verhaftet worden war und im Gefängnis in Mannheim einsaß. Er schrieb an den Gefängnispfarrer, ohne allerdings eine Antwort zu erhalten

49 Gedicht von Reinhold Schneider zum Geburtstag 1945 am Schluss: Gott ist in tiefster Nacht mit dir gewesen. Und wird dich schirmen. Wo ein Volk geschlagen, Wird nur die reine Tat ein Anfang sein

50 Aus der ersten Denkschrift "Kirche und Welt":

Aus "Kirche und Welt" (1938): Bedingungslosen Gehorsam gibt es nur gott gegenüber. Es gibt Fälle, wo der Christ wegen des Gehorsams Gott gegenüber der Obrigkeit den Gehorsam verweigern muss (Apg. 5,29 : Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen)

52 (Die Kirche) darf sich selbst dadurch nicht verwirren lassen, dass sie zeitweilig unterliegen kann.

55 ff: Das Für und Wider zur Kirchenmusik und einer neuen Liturgie

57: zu den "Grundsätzlichen Bedenken" von Erik Wolf (1949) gegen die Vorschläge des Kantors Löffelholz wird festgehalten: "Während Wolf im Hören des Wortes und in der Antwort des Glaubensgehorsams die entscheidende Aufgabe des Gottesdienstes sieht, versteht v. Löffelholz den Gottesdienst als "Realpräsenz", d.h. sakramentale Gegenwart des Wortes Gottes.

62 Beeindruckend ist der Ernst und das Engagement, mit dem die Diskussion über den Gottesdienst seinerzeit in der Christusgemeinde geführt worden ist. Die damalige Entscheidung hat zu einem solchen kirchenmusikalischen Leben in der Gemeinde und letztlich auch zur Umgestaltung des Kirchenraums geführt.

Harald Erichsen und Frido Ritter:

62 Herr Architekt Harald Erichsen engagierte sich intensiv, um die Kirche schonend und einfühlsam neu und doch so zu gestalten, dass der Bau in seiner schönen Gestalt voll zur Geltung kommt. Der erste Schritt brachte den Altar mitten unter die Vierung und erlöste den Prediger aus seiner Isolierung hoch oben auf der Kanzel. Die Ent2wicklung unserer Theologie und Kirche hat uns allen bewusst gemacht, dass der Gottesdienst nicht in einem Vortrag des Predigers besteht, dass vielmehr die versammelte Gemeinde gemeinsam feiert und sich um den Tisch des Herrn sammelt. Im Gottesdienst sollte nicht länger das Ein-Mann-Prinzip herrschen, sondern viele sollten jeweils ihre Gaben mit einbringen und alle auf der gleichen Ebene stehen.

Die Bestuhlung der Kirche stellt zur Zeit einen Kompromiss dar.

63 Das Paradiesgärtlein von Horst Wülfrath

64 Knuth Stemmer: Kooperation als geistliche Chance, das Gruppenpfarramt 1977-1987

67 Die Bemühungen um die Absicherung des ABC, die Verhandlungen um die Gründung des Wiehremer Kindergartens, das Ringen um die Abfassung der Erklärung des Ältestenkreises gegen die Nachrüstung, die Anschaffung der neuen Altarbeleuchtung, die Einrichtung einer Höranlage in der Kirche, all diese Aktivtäten können hier ebenfalls nur kurz erwähnt werden.

80 Schwerpunkte der Kirchenmusik : Zur Wirkenszeit von Kantor Horst Hempel schreibt Otfried Büsing: Als Musiker nahm Hempel die Zeitlichkeit seiner Kunst besonders ernst. Das war für ihn der Grund, am Musikschaffen der Gegenwart selbst mitzuarbeiten, wobei er unvoreingenommen auch Möglichkeiten elektronischer Klangbildung mit einbezog. Nun war Hempel nicht nur ein engagierter Sachwalter zeitgenössischer Musik, sonder befasste sich ebenso - besonders nach dem Einbau der neuen prächtigen Rieger- Orgel im Jahr 1980 - mit der sogenannten "Alten Musik"

83 Dazu Rainer Marten: Ein neuer, begeister aufspielender Kantor und eine in den fünfziger Jahren zugrunde renovierte Orgel führten im Jahr 1974 zur Gründung des Orgelbauv ereins Christuskirche Freiburg i.Br. e.V….

84 Am 17. Mai 1980 erklangen im Eröffnungsgottesdienst Werke von Frescobaldi, Ligeti, Reger und Bach. Am andern Morgen ist Festgottesdienst und Einweihung der neuen RIEGER- Orgel. Bei den Abkündigungen , meldet der Orgelbauverein: 2Die neue Orgel is in dieser Stunde bereits auf Heller und Pfennig bezahlt, der Verein schuldenfrei (von seiten des Vereins sind es glatte 207.000 Mark)

Andreas Kautzsch: Die Gemeindejugend 1945-1990

86: Vom Schülerbibelkreis aus den dreißiger Jahren war nur noch ein kleiner informeller Freundeskreis übrig geblieben. Da war die Kirche, die sich bewährt hatte und deshalb Glaubwürdigkeit genoss. Die Jugendarbeit hatte deshalb großen Zulauf und in Heyko Linnemann eine starke Führerpersönlichkeit, die Initiative übernahm und bis 1952 die evangelische Gemeindejugend in Freiburg prägte… Es war selbstverständlich, sozusagen das Markenzeichen der Jugendgruppedass man sich am Sonntag im Gottesdienst traf und in der Christuskirche auf den vorderen Seitenbänken rechts saß- 30 bis 50 Jungen - ,auch wenn man bei Pfarrer Hof ab dem zweiten Satz nicht mehr mitkam". .. Außerdem hat Heyko die Rehbühlhütte für die Gemeindejugend gemietet und damit eine Institution geschaffen die noch bis heute (195=) mindestens die Hälfte der Jugendarbeit ausmacht und vielen Generationen von Jugendlichen der Christusgemeinde für ein paar Jahre eine zweite Heimat und einen Freiraum für selbständiges Leben und die direkte Erfahrung von Verantwortung gewesen ist.. Und da Heyko auch bei der HJ Jugendführer war, kannte er die Hütte und "riß sie 1945 für die Christusgemeinde unter den Nagel"..Ganz anders war das Verhältnis der Mädchen zum Pfarramt. Schon seit den dreißiger Jahren wurden die Mädchenkreise von der Gemeindehelferin geleitet. Und Frl. Buck, später Frl. Roland, suchten immer aus den Kreisen der älteren Mädchen Leiterinnen für die Jungscharen aus.

89 Von 1953 bis 1956 war Helge Heisler Vikar in der Christusgemeinde…Am 12. Februar zur Fünfzig-Jahr-Feier des Freiburger Bibelkreises unter dem Motto "Jugend der Kirche" ist es mühsam für den vikar, dreißig Jungen der beiden Jugendkreise dafür "obscure Lieder" des Bibelkreises beizubringen.

Mit dem Jugendpfarrer veranstaltet die Evangelische Gemeindejugend 1954 erstmals einen bunten Abend für die konfirmierte Jugend von ganz Freiburg. Der starke Andrang - man hatte mit 150 gerechnet, und 500 kamen - zeigt wie groß das Bedürfnis nach geselligen Veranstaltungen ist. Es wird zu einem Tanzabend für Jugendliche über sechzehn eingeladen.

93 In der Zeit des Gruppenpfarramtes 1977-1988 wurde die Jugendarbeit stärker mit der Konfirmandenarbeit verzahnt. Auf den Freizeiten der Leiterrunde wurden Methoden und Medien für geistliche Besinnung in Gruppen erprobt, Zusammen mit einer Gruppe wurden zwei Jugendgottesdienste vorbereitet. Trotzdem blieb natürlich immer die Frage: Was ist an der Gemeindejugend eigentlich besonders christlich?

92 Charakteristisch für diesen Zeitabschnitt ist die Beobachtung, dass drei Jugendkreise sich von ihren Leitern trennten , als die Teilnehmer etwa 16 Jahre alt waren, und selbständig weitermachten.

Irmengard und Hans Ulrich Nübel: Gemeindediakonie 1980-1990

98 ff Gemeindediakonie mit Arbeitskreis Behinderte 1980-1990

Das Bild der Diakonie in der Gemeinde wurde durch Frau Hanna Wiegering geprägt. Ansätze zu einer besonderen Arbeit mit beeinträchtigten Menschen, hauptsächlich geistig Behinderten, waren vorhanden. In enger Zusammenarbeit mit dem Ältestenkreis konnte zunächst über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eine Stelle für freizeit- und sozialpädagogische Arbeit eingerichtet werden. An dieser beteiligten sich viele Mitarbeiter mit Gruppen in mehreren Freiburger Gemeinden. Die Teilnehmer lernen voneinander; die einen werden selbständiger in ihrer Lebensgestaltung, die andern aufmerksamer für eine echte Qualität des Lebens und kommen dadurch in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung voran.

Wenn die Gemeinde ins Weite wirken will, muss sie sich immer neu ihrer Mitte vergewissern, Das ist die Verkündigung des Evangeliums, jedoch so, dass sie den Bezug zu den Fragen des alltäglichen Lebens herausarbeitet. Es . galt aber, den einzelnen Menschen mit seinen besonderen Bedürfnissen in der Gemeinde wahrzunehmen und jeden, der zu ehrenamtlicher Mitarbeit an irgend einer Stelle breit war, auf passende Möglichkeiten hinzuweisen und ihn dabei zu unterstützen Das führte dann zur Erweiterung mancher Vorhaben über den nächstliegenden Kreis hinaus… vor allem aber waren Kräfte von außerhalb der Gemeinde für Vorhaben zu interessieren und zu erwärmen, , die über den Kreis der Gottesdienstbesucher hinausgingen.

Ansätze zu einer besonderen Arbeit mit beeinträchtigten Menschen, hauptsächlich geistig Behinderten, waren vorhanden. Die Teilnehmer lernen von einander: die einen werden selbständiger in der Lebensgestaltung, die andern aufmerksamer für eine echte Qualität des Lebens und kommen dadurch in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung voran Die Integration (Normalisierung der Lebens- Situation) von Menschen mit bestimmten Beeinträchtigungen bringt nicht nur diesen selbst und ihren Angehörigen wertvolle Chancen, sondern vermittelt auch den daran Beteiligten wertvolle und befriedigende Erfahrungen. Zu fördern war deshalb auch eine Kinderinitiative in der Gemeinde mit der Konzeption der Behinderten- Integration auf der Basis der Montessori- Pädagogik.

Diakonie in der Gemeinde entsteht durch das Zusammenspiel von vielen; da ist es gut, wenn jemand da ist, der auf die Spielregeln achtet und alles in ein größeres Zusammenspiel einordnen kann.

  Letzte Aktualisierung: 2013/04/19 | Datei: Streiflichter.html | Validate: HTML, CSS